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Buch

Martin Suter: Small World

Konrad Lang war sein ganzes Leben lang abhängig von der Industriellen-Familie Koch, als er dann mit sechzig die Liebe seines Lebens findet, scheint er sich aus dieser Abhängigkeit befreien zu können. Da schlägt eine hinterhältige Krankheit zu: Konrad hat Alzheimer!

© Majestic

"Er wird nicht mehr wissen, ob es Sommer oder Winter, Tag oder Nacht ist, er wird sich nicht mehr anziehen können oder waschen. Er wird Windeln tragen und gefüttert werden müssen, er wird niemanden mehr erkennen, nicht mehr wissen, wo er ist, und schließlich auch nicht mehr, wer er ist."

Wie heißt die Liebe meines Lebens?

Die Leute sind mehr als verwundert, als Konrad Lang, nachdem er das prachtvolle Ferienhaus der Familie Koch aus Versehen abgebrannt hat, nicht entlassen wird. Doch Konrad, Mitte sechzig, ist ein alter Freund der Familie, zusammen mit ihrem Sohn Thomas aufgewachsen, und kann daher nicht einfach im Stich gelassen werden, auch wenn man ihn zusehends als Belastung empfindet. Denn in letzter Zeit leidet er an Gedächtnisaussetzern, was auch der Grund für das Feuer im Ferienhaus war. 

Gerade in dieser Phase trifft Konrad auf die Liebe seines Lebens und will sich mit ihr ein neues Leben aufbauen, um endlich seine Unabhängigkeit von der alles bestimmenden Familie Koch zu gewinnen. Doch bald schon weiß er nicht mal mehr den Namen seiner Liebsten...

Das alles beobachtet Elvira Senn, die Magnatin der Familie Koch, die seit dem Tod ihres ersten Mannes die Geschicke der Firma geleitet hat, mit Argusaugen. Denn je mehr Konrad die Gegenwart vergisst, desto mehr drängen sich früheste Kindheitserinnerungen nach vorne. Und das ist Elvira alles andere als recht...

 

Einfühlsame Geschichte zum Thema Alzheimer

"Small World" ist eines der berührendsten Bücher, die ich in letzter Zeit gelesen habe und bietet eine unheimlich spannende und lehrreiche Beschreibung der Alzheimer Krankheit, die völlig authentisch und glaubhaft wirkt. Sehr einfühlend, aber ohne auf die Tränendrüse zu drücken, beschreibt Suter, wie sich ein Mensch langsam ans Vergessen verliert, bis er zum ständigen Pflegefall geworden ist. Konrads Krankheit bildet dabei den Rahmen dieser Familiengeschichte, die schon fast krimihafte Züge annimmt, je tiefer man sich in das Geheimnis der Familie Koch verstrickt. Die Auflösung des Geheimnisses am Ende ist zwar nicht übermäßig überraschend, aber sehr gut durchdacht und fesselnd wie ein Krimi geschrieben.

Mit Leichtigkeit und einem treffsicheren Gespür für die passenden Worte erzählt Suter in diesem gesellschaftskritischen Roman die traurige Geschichte von Konrad, der zeitlebens von der reichen Familie Koch ausgehalten wurde. Er war seit frühester Kindheit der ärmliche Freund des Fabrikantensohnes Thomas, der immer zur Stelle sein musste, wenn es Thomas nach seiner Gesellschaft verlangte. Seine eigenen Interessen hat er immer zurückgestellt und so nie etwas Richtiges aus seinem Leben machen können, weshalb er auch mit Mitte sechzig noch auf die Zuwendungen der Kochs angewiesen ist. Als seine Gedächtnisausfälle immer schlimmer werden, sieht man es als bequemste Lösung an, ihn in ein Heim abzuschieben.

 

Eindrucksvolle Figuren

Ich habe Konrad im Verlauf des Buches so lieb gewonnen wie ein echtes Familienmitglied und war tief getroffen, wenn ihn sein Gedächtnis immer weiter im Stich gelassen hat und habe gejubelt bei jedem kleinen Erfolg im Kampf gegen die Alzheimer Krankheit. Aber auch die anderen Figuren sind sehr eindrucksvoll gezeichnet, beispielsweise die junge Simone, die Frau des Erben des Koch-Imperiums, die sich schwer damit tut, sich in die kühle, abweisende Familie einzufinden und die Affären ihres Ehemannes zu akzeptieren.

Small World ist der erfolgreiche Debütroman von Martin Suter und gilt als erster Teil der sogenannten "neurologischen Trilogie", zu denen "Die dunkle Seite des Mondes" und "Ein perfekter Freund" gehören und bei denen immer eine neurologische Erkrankung im Vordergrund steht. Konrads Geschichte ist jedoch mit Small World abgeschlossen; und das sehr zufriedenstellend, muss ich an dieser Stelle festhalten. Wer sich für das Buch nicht die Zeit nehmen kann, dem empfehle ich den gleichnamigen Film mit Gérard Depardieu, der letztes Jahr erschienen ist. 

Mein Fazit: Absolute Leseempfehlung!

336 Seiten
Diogenes Verlag; 25. Auflage
9,90 Euro




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