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Film

Männer al dente

© Prokino

Männer al dente: Live von der Familienfront

Familie - Was war das nochmal? Die erste Plage? Die letzte Bastion? Traute Gemeinschaft oder gemeine Vertrautheit? Guiseppe Mazzini hat einmal behauptet: "Die Familie ist das Vaterland des Herzens". Er als Italiener müßte es eigentlich wissen, gilt doch la famiglia in Bella Italia als Nationalheiligtum. So wie Pasta. Nur sind Spaghettis und Co. kein unentrinnbares Schicksal, Familie aber schon. Zumindest wenn man zur Sippe der Cantones im apulischen Lecce zählt.


Träume aus der Vergangenheit

Nichts als das Rauschen des Windes und das Rascheln von Tüll: Die bildhübsche Frau im Hochzeitskleid rennt derart gehetzt durch die sonnenüberflutete Landschaft, daß sie nur vor ihrer Zukunft fliehen kann... oder vor der zukünftigen Verwandtschaft. Noch ein letztes Mal schwingt sie sich zu großer dramatischer Geste auf, einem Fast-Selbstmordversuch vor den Augen des geliebten Mannes, dann ergibt sie sich ihrem Fatum und heiratet dessen Bruder, um gemeinsam mit beiden ein Pastaimperium aufzubauen. Was einst die Tragödie ihres Lebens war, ist für Oma Cantone (Ilaria Occhini) in der Rückschau zur bittersüßen Erinnerung geworden. Nur die unerfüllte Liebe währt ewig.
Zwei Generationen später hat sich bei den Cantones, einer großbürgerlich-traditionellen Fabrikantenfamilie im Süden Italiens, wenig verändert: Zuerst kommt der Clan, dann die Nudel. Immerhin hat man sich auf diese Weise regionales Ansehen und einen gutgehenden Betrieb erarbeitet, ebenso eine exklusive Villa, in der auch die überspannte Tante Luciana (Elena Sofia Ricci) Unterschlupf findet. Seit sie vor Jahrzehnten nach einer völlig verunglückten Liebesbeziehung aus London zurückgeholt werden mußte, ist ihr Dasein in Schieflage geraten. Allein regelmäßige, als Hustensaftkonsum getarnte Alkoholzufuhr und der nächtliche Empfang von Liebhabern, die dann gegen Morgen zwecks Vertuschung wie Diebe lautstark verjagt werden, bringen Stabilisierung. Auch der sich als Patriarch aufspielende Bruder Vincenzo (Ennio Fantastichini) hält sich trotz recht guter Ehe mit Stefania (Lunetta Savino) eine fesche Mätresse (Gea Martire). Familie als Potemkinsches Dorf.

Tommaso (Riccardo Scamarcio) und sein Vater Vincenzo (Ennio Fantastichini) sind Gesprächsthema auf der Piazza. © Prokino

Sorgen in der Gegenwart

Während die Älteren Camouflage zum Lifestyle erhoben haben, basteln die Jüngeren längst an ihren eigenen Masken. Doch Tommaso (Riccardo Scamarcio), jüngster Sproß der Cantones und gerade aus Rom heimgekehrt, will endlich reinen Tisch machen. Angeblich hat er in der Landeshauptstadt Wirtschaft studiert, sich stattdessen jedoch der Literatur gewidmet und einen ersten Roman fertiggestellt. Außerdem ist er homosexuell und lebt mit einem Mann zusammen. Bevor er die konservative Großfamilie mit derlei Geständnissen beglücken kann ? welches das ungeheuerlichere wäre, steht noch nicht fest ?, stiehlt ihm sein älterer Bruder Antonio (Alessandro Preziosi) beim festlichen Familienabendessen die Show mit einem eigenen unerwarteten Coming-out. Der Skandal ist perfekt, der Vater wirft den Sohn stante pede aus Haus sowie Familienbetrieb, erleidet anschließend einen Herzanfall, und Tommaso, der den erwarteten Rauswurf für sich geplant hatte, bleibt auf seinen Geheimnissen sitzen. Zu allem Überfluß projiziert der genesende, seinen Kummer theatralisch auslebende Padre Cantone nun sämtliche Zukunftshoffnungen auf Tommaso, der sich zu Frauen eher wenig, zu Pasta noch viel weniger hingezogen fühlt. Eine weitere Scharade der Täuschungen beginnt.
Suggeriert der deutsche Verleihtitel ?Männer al dente? irrigerweise eine Beziehungsklamotte, wird das italienische ?Mine vaganti? schon deutlicher: Der Film ist eine ironisch-leichtfüßige, am Rande der Farce balancierende Komödie über die Familie als Gefahrenzone. Die Story von Ivan Cotroneo und Ferzan Ozpetek bleibt derart auf diesen Fluchtpunkt fixiert, daß buchstäblich kein Blick nach außen fällt. Ständige Großaufnahmen der mit passionierter Lebendigkeit aufspielenden Darsteller, wiederkehrende Kamerarunden um die schon am Frühstückstisch eifrig diskutierenden Cantones, dazu ein fast ausschließlich aus Familienmitgliedern bestehendes Figurenensemble ? Regisseur Ferzan Ozpetek inszeniert die einzig und allein um sich selbst kreisenden Cantones als cineastische Monokultur.


Anstrengungen zu allen Zeiten

Im Angesicht der familiären Monumentalkrise soll wenigstens der Schein nach außen gewahrt bleiben, selbst wenn dies für Vincenzo bedeutet, mit Krampf-Grinsen über Lecces Piazza zu schlendern, um sämtlichen Einwohnern seine gute Miene zum bösen Spiel zu präsentieren. Daß es sich hierbei vielleicht nur um sein Spiel handeln könnte, ahnt er nicht. Auch das Drehbuch stellt nur am Rande die Frage nach dem Sinn von gesellschaftlichen Zwängen und sozialen Kontrollen. Vielmehr läßt es die arg stereotyp charakterisierten Cantones ihre neurotische Privatposse stur weiterspielen. Damit werden nicht nur altbekannten Konflikten oder Mißverständnissen nach den Mustern des eingängigen Erzählkinos Tür und Tor geöffnet, sondern ebenfalls vielen ins Humorvolle abgewandelten Klischees. Eine mit süßlichen italienischen Schlagern angereicherte Filmmusik tut ihr Übriges. Das wirft die halbernste Frage auf: Glauben Italiener etwa selbst an das Dreigestirn aus l`amore, la famiglia, la pasta?
Die einzige, die sich irgendwann den Anstrengungen eines Lebens in Lüge verweigert, ist die Großmutter. Blieb ihr schon ein dolce vita verwehrt, gönnt sie, die Diabetikerin, sich wenigstens einen süßen Tod als letale Emanzipation. Längst hat sie sämtliche Täuschungsmanöver ihrer trotz allem sympathischen Familie durchschaut; aber auch wenn sie angeblich die titelgebende Treibmine sein soll, wollte sie die Familienmitglieder kaum ändern, konnte es wohl nicht. Das bleibt ihren beiden Enkeln vorbehalten. Überhaupt ist den Frauen der Cantones eine eigenartige Passivität zu eigen. Ein rabiater Umgang mit schwerfälligen Dienstboten oder die spitzzüngige Verbalexekution einer stadtbekannten Tratsche qualifizieren eben noch lange nicht für eine Familie, in der Männer bestimmen, wo es langgeht und dann zielgerichtet in die Irre laufen.

Überraschender Besuch aus Rom: Andrea (Daniele Pecci, links), Massimiliano (Mauro Bonaffini, Mitte) und Davide (Gianluca De Marchi, rechts) verwirren die Familie in der Provinz. © Prokino

Hoffungen für die Zukunft

Spätestens als Tommasos Freunde aus Rom anreisen, droht seine wahre Identität aufzufliegen. Die sowohl optisch als auch der klischeelastigen Charakterisierung nach schwulen Prachtrömer sind nämlich keineswegs für Dezenz geschaffen. Wie auch, wenn man sich auf die hohe Kunst des schrägen Wasserballetts versteht. Zu allem Überfluß erregt auch noch Salvatore (Massimiliano Gallo), biederer Gatte von Tommasos Schwester Elena (Bianca Nappi), die Aufmerksamkeit einer der illustren Herren. Nur Marco, Tommasos Geliebtem, fehlt es an Ausgelassenheit, droht er doch seinen Freund an die überkommenen Familientraditionen zu verlieren. Oder gar an Alba (Nicole Grimaudo), Tochter des neuen Geschäftspartners der Cantones? Nein, eher doch nicht. Ein bißchen Konflikt sollte bleiben, damit Normalität neu definiert und Toleranz gelernt werden kann.
Es muß ja nicht immer gleich in die große Versöhnung zu münden. Auch das vorsichtige Annähern während des Begräbnisses von la nonna kann zu einem Neuanfang werden. In den letzten Sequenzen vermischen sich nicht nur die Stimmen von Tommaso und seiner Großmutter aus dem Off, auch die Bilder von einstmaliger Hochzeit und jetziger Trauerfeier gehen ineinander über. Träume von früher werden zu den Sorgen von heute, nur um als Hoffnungen für morgen aufzublühen. Die Familienchronik ist keineswegs abgeschlossen. Braucht sie auch nicht, scheint Familie doch trotz allem eine Quelle ständigen Amüsements zu sein. Sofern es nicht die eigene ist.


(von Nathalie Mispagel, academicworld.net-Kinoexpertin)

 

Tommaso (Riccardo Scamarcio) weiss noch nicht so recht, was er von der attraktiven Alba (Nicole Grimaudo) halten soll. © Prokino

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