Krieg auf engstem Raum

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Man muß kein Zyniker sein, um den seit Jahrzehnten schwelenden Nahostkonflikt oder speziell die zahlreich gewordenen arabisch-israelischen Kriege als politischen Alltag zu betrachten. Auf der menschlichen Ebene allerdings werden Kriegsszenarien nie zur Routine, bleiben Ausnahmezustand für alle Involvierten.
Gefangen im Panzer
Lautstarkes Scheppern, Brummen, Knarren. Die Luft ist heiß und stickig. Eiserne Wände und der Boden vibrieren. Schweiß, vermischt mit Öl und Dreck auf Gesichtern, in denen Augen glänzen, deren Farbe ob der Düsternis nicht mehr definiert werden kann. Sämtliche Sinne sind aufs Extremste gereizt, die Nerven brutal angespannt. Alles ist nur auf diesen Moment, diesen Raum konzentriert: auf das Innere eines Panzers.
Daß Kriege Daseinsbedingungen, Verhaltensweisen, Überzeugungen, ja menschliche Existenz überhaupt bis ins Letzte zu deformieren vermögen und bisher als undenkbar geltende (Grenz-)Situationen schaffen, läßt sich filmisch akzentuieren über eine räumlich extrem begrenzte Erzählperspektive. In "Lebanon", 1982 im ersten Libanon-Krieg angesiedelt, bilden Kommandant Assi (Itay Tiran), Richtschütze Shmulik (Yoav Donat), Ladeschütze Herzl (Oshri Cohen) und Fahrer Yigal (Michael Moshonov) die Besatzung eines einzelnen israelischen Panzers, der als Begleitschutz einem Fußtrupp aus Fallschirmspringern in eine feindliche, von der IAF bereits bombardierte Stadt folgt. Für die vier jungen überforderten, keinesfalls draufgängerischen Männer wird der Einsatz zu einer Konfrontation mit den Schrecken des Krieges, letztlich mit den Abgründen ihrer eigenen Angst.
Gefangen in der Erinnerung
Regisseur und Autor Samuel Maoz, 1962 in Tel Aviv geboren, hat dereinst selbst als Panzerschütze am ersten Libanon-Krieg teilgenommen. Seinem damals erlittenen seelischen Schock konnte er später nur mit Verdrängung ins Unterbewußtsein begegnen, bis ihm diese Methode zur Bewältigung einer posttraumatischen Belastungsstörung auf Dauer Energie sowie Erdung raubte. Anfang 2007 begann er deshalb, ein Drehbuch über die durch Kriegserlebnisse verursachten psychischen Verwundungen zu verfassen, das sich zunächst aus ebenso brennenden wie nebulösen Erinnerungen speiste, um schließlich in ein filmisches Konzept narrativer Strenge zu münden. Alleiniger Handlungsort ist ein Panzer, Schauplatz ein nur diffus lokalisierbarer Flecken irgendwo im Libanon. Entscheidend bleibt, was stattfindet, nicht wo, wie es abläuft, nicht warum.
In einem Thriller kann dies als dramaturgische Stärke empfunden werden, in einem sich realistisch gebenden (Anti-)Kriegsfilm offenbart es sich jedoch eher als Schwäche. Das abstrakte Geschehen ohne spezifische Raum- und Zeitausrichtung, der in keinster Weise gesellschaftlich oder politisch, sondern als austauschbare militärische Auseinandersetzung thematisierte Krieg, die mangelnde soziale Verortung der Soldaten und die fehlende ethische Hinterfragung ihrer Rolle - all das, also die Kontextunabhängigkeit setzt die Geschichte einer Vagheit aus, die im Rahmen des Kriegsfilmgenres in Beliebigkeit abzudriften droht. Evident wird dies gerade im Vergleich mit genialen Vertretern des Genres, etwa "The Hurt Locker" (2008), der nicht zum wiederholten Male entlarvt, was Krieg den Menschen antut, sondern was er explizit aus ihnen macht, nämlich an der Normalität Scheiternde. Das Spielfilmdebüt "Lebanon", u. a. mit dem Goldenen Löwen bei den Filmfestspielen in Venedig ausgezeichnet, läßt sich hingegen als universeller, verallgemeinernder Kommentar zum Leiden des Menschen an/in grauenvollen Situationen lesen, hier verursacht durch Krieg.
Gefangen in der Angst
Im Gegensatz zum dokumentarischen Animationsfilm "Waltz with Bashir"(2008), ebenfalls ein erinnerungslastiges Werk über das Libanon-Trauma, funktioniert "Lebanon" vorrangig als Psychodrama, als Urerfahrung des Schreckens. Die psychologische Dynamik unter den vier Panzersoldaten, auch die internen Autoritätsverhältnisse, geraten durch die unwägbare, explosive Außenlage ins Wanken, als der Trupp sich versehentlich in eine syrische Zone verirrt. Wer hierfür die Verantwortung trägt, ob der autoritäre, gleichwohl besonnene Oberbefehlshaber Jamil (Zohar Strauss) oder die Heeresführung am unsichtbaren anderen Ende der Funkverbindung, bleibt unklar. Gewiß ist nur, daß die Soldaten jetzt auf sich gestellt bzw. auf die zweifelhafte Hilfe palästinensischer Falangisten angewiesen sind. Ihre Lage nähert sich jenen längst im Panzer herrschenden Bedingungen an, wo es nichts gibt außer größtmöglicher Orientierungslosigkeit auf kleinstem Raum, akzentuiert von einem primär aus Gefechts- und Maschinengeräuschen bestehenden Soundbackground.
Die physische wie psychische Enge im Panzerinnern bedingt sich einerseits durch dessen höhlenartige Konstruktion, andererseits durch die gravierend eingeschränkte Wahrnehmung nach draußen. Der ausschnitthafte Blick durch das Zielfernrohr, graphisch gebrochen vom Fadenkreuz, präsentiert bloß einen Bruchteil jener Außenwelt, die aufgrund fehlender räumlicher Konturierung zu einem Ort permanenter Bedrohung wird. Im Nichtsichtbaren lauert die Gefahr, im Undeutlichen der Tod. Scheinbar geschützt in ihrer Eisenhülle, sind die vier Männer tatsächlich jedoch dem beängstigend Fremden jenseits des Kampffahrzeugs ausgeliefert, sind im beklemmenden Panzer (ihrer Furcht) wahrhaftig gefangen.
Mit dieser über den gesamten Film radikal beibehaltenen visuell subjektiven Perspektive, dieser Ausschließlichkeit von Kamera- und Erzählwinkel, erhebt sich ?Lebanon? über konventionelle Kinoblicke auf Krieg, verläßt die faktisch-greifbare Ebene zugunsten einer roh-körperlichen, mit den Sinnen erfahrbaren. Die Inszenierung des konkreten Kriegsgeschehens wiederum gelingt Samuel Maoz weniger. Da beschränkt er sich auf herkömmliche cineastische Bilder, wie den Blick in verzweifelte und apathische Gesichter von Zivilisten, auf Standardsituationen oder gar auf ikonographische Szenen. Auch in "Lebanon" stirbt ein Soldat buchstäblich unter den Händen seiner Kameraden, die ihn mit ihrer Berührung gleichsam am und im Leben halten wollen.
Gefangen im Ungewissen
Neben seinem radikalen ästhetischen Konzept einer ausnahmslosen Innensicht auf die Panzercrew bzw. deren gewaltige emotionale Strapazen beeindruckt der Film dank der starken Darsteller. So wie ihre Körper im monotonen Entsetzen festgebannt sind, scheinen auch ihre Gesichter der verkrampften Erstarrung anheim gefallen zu sein und zeugen doch in jedem Moment von einer verhängnisvollen Schutzlosigkeit. Wie in einem Mausoleum sind sie im Panzer von der Wirklichkeit separiert, zurückgeworfen auf die persönliche Realität ihrer Todesangst und der unerbittlichen, absurden Logik des Krieges preisgegeben, die in ihrem Fall bedeutet, gleich ihrem Kampffahrzeug keinen Konflikt entscheiden, sondern nur auf äußere Ereignisse reagieren zu können.
Diese zermürbende Situation, optisch wie analytisch blind zu sein für komplexere Zusammenhänge und gleichzeitig ohne moralische Gewißheiten zu bleiben, sich also jenseits aller Wahl- und Entscheidungsmöglichkeiten zu befinden, verdichtet sich in "Lebanon" zur Parabel auf eine Grenzerfahrung: Krieg als Leben in der Unschärfe. Das ist zwar wahr, aber nicht progressive Wahrheit genug, um als neue Kriegsthematik wirklich zu verstören. Allenfalls läßt der sich im Schlußbild wiederholende Establishing-Shot, ein Sonnenblumenfeld unter gleißendem Himmel, tiefgreifendere Erkennnisse zu. Zu Anfang passiert der Panzer die langsam vor sich hindörrende Pflanzenpracht und steht auch zuletzt wieder in einem solchen Feld. Fast könnte man meinen, es ist das gleiche, und der Panzer hätte sich nie von der Stelle bewegt. Krieg - das ist das in sich selbst feststeckende Grauen ohne Sinn.
(Nathalie Mispagel)
Lebanon
Deutschland, Frankreich, Israel, 2009
Senator Filmverleih
Kinostart: 14.10.2010



























