Lawrence Goldstones "Anatomie der Täuschung" ist ein faszinierender Kriminalroman mit Ausflügen in die Medizingeschichte.
Medizin um 1890
Lawrence Goldstone hat nach einer Reihe von Sachbüchern mit "Anatomie der Täuschung" seinen ersten Roman veröffentlicht. Er entführt seine Leser nach Philadelphia im ausgehenden 19. Jahrhundert. Der junge Arzt Ephraim Carroll ist stolz bei einem der fortschrittlichsten Ärzte der Zeit lernen zu dürfen: Professor Dr. Osler, oder auch kurz "der Professor". Zusamen mit einer Gruppe anderer junger Ärzte darf er sogar bei umstrittenen Obduktionen helfen.
An einem Abend wird eine solche aber plötzlich und ohne Begründung abgebrochen, als Prof. Osler den Sarg einer schönen jungen Frau öffnet. Am selben Abend wird Carroll von seinem etwas zwielichtigen Kollegen Turck eingeladen, sie verbringen den Abend mit Essen, Theater, Frauen und Alkohol. Carroll macht zum ersten Mal Kontakt mit der Unterwelt Philadelphias und es geschehen einige merkwürdige Dinge. Als Turck kurze Zeit später an einer Arsen-Vergiftung stirbt, fängt Carroll an, Nachforschungen über dessen Leben anzustellen. Aber niemand seiner Kollegen scheint näher mit ihm bekannt gewesen zusein.
Durch den Professor lernt er ausserdem die junge Abigail aus einer der angesehensten Familien Philadelphias kennen und verliebt sich. Abigail macht sich Sorgen um ihre beste Freundin, die in der Stadt untergetaucht ist, um eine Abtreibung vornehmen zu lassen, und nicht mehr auffindbar ist (ihre Eltern glauben sie in Europa). Könnte es sich hierbei um die unbekannte Tote handeln, wegen der der Professor die Obduktion abgebrochen hat? Und welche Rolle spielte Turck? Und was wusste der Professor darüber?
Schwierige Entscheidungen
Immer weiter wird Carroll durch seine Nachforschungen in die Geschichte hereingezogen und muss auch einige schwere Entscheidungen treffen. Zwischendurch verdächtigt er den Chirugen William Halsted. Wahrscheinlich moprphiumabhängig hat dieser einige der wichtigsten Erfindungen im medizinischen Bereich gemacht (z.B. Operationshandschuhe, um die Infektionsgefahr zu minimieren). Soll man einen solchen Arzt anzeigen, auch wenn er in Zukunft wahrscheinlich noch viele Leben retten wird? Was ist wichtiger, Moral oder Fortschritt?
Gleichzeitig wird Carroll vom Professor angeboten, diesem als Stellvertreter zur neugegründeten John Hopkins Medical School nach Baltimore zu folgen, was für den jungen Arzt eine große Chance wäre. Aber dort arbeitet auch Halsted. Carroll muss erstmal klären, in wie weit die beiden großen Ärzte in den Tod des Mädchens verwickelt sind, bevor er mit ihnen arbeiten kann.
Roman oder Lehrbuch?
"Anatomie der Täuschung" ist ein Kriminalroman, doch die Kriminalhandlung verläuft fast langsam nebenbei. Wer Spannung sucht, sollte eher zu einem anderen Buch greifen. Viel mehr hat mich die ganze Atmosphäre des Buchs beeindruckt, die Gesellschaft im späten neunzehnten Jahrhundert, voller Fortschritt und Neuigkeiten und die Angst, damit umzugehen: Dürfen Frauen uneheliche Kinder bekommen? Welche Bildung sollte man(n) Frauen überhaupt zustehen? Wie wichtig ist eine Kontrolle von medizinischem Fortschritt und Forschung durch die Kirche? Welche Macht hat das Geld der reichen Bürger? Wie gehen die Menschen mit den ganzen Neuerungen der Zeit um?
Goldstone zeichnet ein Bild der Gesellschaft, nebenbei treten immer wieder reale historische Figuren auf wie der Maler Thomas Eakins als Bekannter und Freund Abigails. Die Ausflüge in die Medizingeschichte (ja, auch Olser und Halsted sind reale Personen) fand ich sehr interessant und lehreich, nehmen aber viel Platz ein. Das Buch ist sehr gut recherchiert, das Fachvokabular sitzt. Wer kein Interesse an solchen Dingen hat, ist mit Goldstones "Anatomie der Täuschung" allerdings falsch beraten. Ich werde auf jeden Fall auch das ein oder andere Sachbuch von Lawrence Goldstone anschaffen.
Claudia Wollny
Bilder:
oben "y tenía corazón" von Enrique Simonet (1863-1927)
unten Johns Hopkins Hospital in Baltimore




























