Drucken
PsychoCiety

Krasse Schichtarbeit

Gerade komme ich von einem Dreh für eine Miniserie für den Privatsender mit den drei Buchstarben (ohne rote Kugel und ohne Zahl im Namen) nach München zurück, bei dem ich als „beratende Psychologin“ vor und hinter der Kamera engagiert war. Es ging darum zwei junge Männer (19 und 20) im Beisein ihrer Freundinnen von ihren Machoallüren zu befreien. Dachte ich.

Katharina Ohana, Psychologin, Bestsellerautorin und academicworld-Expertin

Mal abgesehen davon, dass ich feststellen konnte, dass die heutige Jugend besser ist als ihr Ruf (hiermit meine ich unsere Darsteller und unsere Redakteure), musste ich feststellen, dass man das vom Sender nicht unbedingt behaupten kann. Ich will hier nicht das „Unterschichtenfernsehen“ anprangern (dafür arbeite ich schon zu lange auch in diesem Bereich als Fernsehpsychologin), sondern wundere mich hauptsächlich darüber, wer wohl je beschlossen hat besonders krasse Emotionen auf besonders krasse Art vor der Kamera hervor zu holen (um nicht zu sagen anzustacheln), anstatt vielleicht zu den gleichen Themen mit dem gleichen Aufwand und den gleichen Kosten gute Unterhaltung zu machen.

Meiner Erfahrung nach interessiert es junge Leute, egal welcher Schicht, warum wir so sind, wie wir sind: Eifersüchtig, neidisch, verliebt, faul, hilfsbereit, egoistisch, etc. Jedenfalls haben unsere Teilnehmer auch diesmal jeden kleinsten Tipp von mir und die dazugehörige Erklärung aufgesaugt und sofort umgesetzt. Wieso man immer nur gerne schreiende Menschen mit krassen Ansichten zeigt, die eigentlich nur das Gefühl von Fremdschämen beim Zuschauer auslösen, ist mir ein Rätsel. Man muss ja nicht in Fremdwörtern Psychovorträge halten (wenn ich das täte, würde ich eh schon lange nicht mehr vom Privatfernsehen engagiert), man könnte aber Geschichten erzählen, die über „Hauptsache die Protagonisten geben krasses Zeug vor der Kamera von sich“ hinaus gehen.

Prinzipiell habe ich bei den Sendern und Produktionsfirmen als Zulieferer für die Sender nur mit sehr netten, sehr bemühten Redakteuren und Kamera/Tontechniker zu tun, die mit interessanten Fragen und Themen an mich heran treten. Warum wird dann aber immer die heftigste Aussage, die ich irgendwo im Neusatz am Rande erwähne, in den Beitrag geschnitten? Wer bestimmt das? Würde sonst wirklich niemand mehr zuschauen? Wie viel Prozent der Zuschauer sind wirklich so dumm, dass sie nur krasse Emotionen sehen wollen oder verstehen können und sonst abschalten?

Auch wenn ich hier Gefahr laufe, wie Elke Heidenreich, bei der Kritik meines Arbeitgebers meinen Job zu verlieren, muss ich mir diese Fragen mal öffentlich stellen, denn nicht selten stell ich mir eine andere Frage während des Drehs oder beim Anschauen des Beitrags: Warum haben die mich überhaupt als Psychologin engagiert? Eine halbwegs attraktive Kommentatorin, die direkt das sagt, was sie sich aus meinem Inhalt irgendwie hin basteln,  wäre sicher günstiger gewesen und es wäre schneller gegangen.

Würden Sie, liebe Leser, ihrem Partner eine Liebeserklärung bei einem Fußballspiel in der Allianzarena in der Halbzeitpause über Mikrofon aus der Mitte des Stadions machen? Nicht? Ich auch nicht! Unsere Protagonisten haben aber in einer ähnlichen Situation den Mut aufgebracht das zu tun und zwar um der armen Redakteurin ihren Job zu retten, weil irgendjemand mit Entscheidungsgewalt beim Sender die tolle Idee hatte unsere Machos mit diesem Plot am Ende der Miniserie ins kalte Wasser eines mit 10 000 Leuten gefüllten Stadions zu werfen. Ohne ihren Mut wäre wohl eine Woche Dreharbeit umsonst gewesen.

Wie es unseren Teilnehmern nach Ausstrahlung der Sendung in ihrer Heimat, in ihrem Freundeskreis geht, scheint sowieso nicht von Bedeutung zu sein. Sie wollten ja unbedingt ins Fernsehen, weil sie das noch (im Gegensatz zu uns Intellektuellen) für was Besonderes halten, weil ihnen ständig verkauft wird: Du kannst über Nacht ein Star werden. Und welche Chance haben sie sonst etwas Besonderes aus ihrem Leben zu machen, wo doch heute überhaupt nur noch die Stars gesehen werden und anscheinend nur sie lebenswerte Leben mit viel Bewunderung leben… Jedenfalls haben die Jungs sich das Mikro mitten in der Arena geschnappt und ihren zitternden Mädels eine Liebeserklärung gemacht. Ab sofort ist das meine Benchmark für Empathie und soziales Mitgefühl.

Und deshalb kann ich jetzt weiter mit diesem Sender Geld verdienen, genauso wie alle Redakteure und alle Programplaner – und Hauptsache die Shareholder des Medienkonzerns bekommen ihre Rendite (also auch all die Rentenfonds und Stiftungen, die ihr Geld in die Aktien des Senders investiert haben, bei denen ich meine Altersvorsorge abgesichert habe…).
Und zum Glück für uns alle ist die „Unterschicht“ vor und hinter den Kameras unserer vielkritisierten Privatsender besser als ihr Ruf…

Von Academicworld-Expertin Katharina Ohana




Die Berufseinsteigerfrage

Karriere im Bankensektor: Wie wichtig ist der erste Arbeitgeber?

Die Berufseinsteigerfrage:

Maike S. (24) aus Hamburg schreibt uns: „Ich möchte gerne später einmal im internationalen Bankengeschäft tätig sein, um möglichst viel Geld zu verdienen. Ich habe mich nach dem Studium bei mehreren Banken beworben und nun eine Zusage von einer Genossenschaftsbank erhalten. Meine Freunde raten mir aber davon ab, dort anzufangen, weil sie meinen, dass nur bei den Privatbanken das große Gehalt zu erwarten ist. Stimmt das? Welche Karriereperspektiven kann ich bei einer Genossenschaftsbank maximal erwarten? Und wie entscheidend ist der erste Arbeitgeber für den späteren beruflichen Weg?“


Serie: Netzperlen

Diese Woche: Notes of Berlin

Netzperlen:

In Berlin kommt alles zusammen: Verrückt- und Verruchtheit, Offenheit und Spießertum, Liebe und Hass - im deutschen Mekka für Kreative und Individualisten gibt es viel zu entdecken. Was für skurrile, poetische oder humorvolle Zettelchen und Botschaften überall in der Stadt versteckt sind, zeigt uns ...


Serie: Studenten fragen Professoren

Wie viel Schlaf brauche ich eigentlich?

Studenten fragen Professoren: Alltagsfragen