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Zeitgenössische Literatur

Konfrontation mit dem Unvorstellbaren

Paul Harding wurde international durch seinen Roman „Tinkers“ bekannt, der die letzten Tage des Uhrmachers Crosby beschreibt. In seinem neuen Roman „Verlust“ schreibt er die Familiengeschichte der Crosbys fort und behandelt den schmerzhaften Verlust, den der Tod eines Kindes verursacht.

Enon – in der fiktiven Stadt lebt die Familie Crosby – Charlie, Susan und deren 13-jährige Tochter Kate. Eines Tages passiert das Schlimmste, was Eltern wiederfahren kann: Die junge Kate kommt bei einem Autounfall ums Leben. Charlie, der aus seiner Perspektive den Umgang mit dem Ereignis beschreibt, verliert sich komplett in seiner Innenwelt. Tagträumereien und schmerzhafte Erinnerungen sowie fiktive Zukunftsszenarien bestimmen nun seinen Alltag. Zur Außenwelt und realen Ereignissen findet er kaum noch Bezug. Direkt nach dem Unfall bricht er sich die Hand, als er in einem Anfall von Wut und Trauer gegen eine Wand schlägt. Alkohol- und Tablettensucht erleichtern ihm die endlos scheinenden Stunden. Auch seine Frau Susan findet bald keinen Zugang mehr zu Charlie und trennt sich von ihm. Fortan ist für ihn der Weg in die Normalität schier unmöglich, aber dennoch findet er gelegentlichen Trost in den kleinen Momenten, die das Leben bietet…

Kritik 

„Verlust“ ist keine leichte Kost. Den Tod eines Kindes direkt aus der Perspektive eines Elternteils zu behandeln, bedeutet auch für den Leser eine Wucht an Gefühlen von Schmerz, Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung aushalten zu können. Bereits im ersten Kapitel wird detailliert beschreiben, wie Charlie über den Tod seiner Tochter erfährt. Von da an folgt man seinen schweren und trostlosen Gedanken, bei denen man das Buch schon öfter aus der Hand legen muss, als gewohnt. In Charlies Erinnerungen wird der Leser wie ein Spielball hinein- und zurückgeworfen. Doch liegt in den Beschreibungen der Erinnerungen an Kate und Ausflüge in die Natur auch die Schönheit des Werkes. Sehr liebevoll nährt sich Harding seinen Figuren und lässt sie in den Tagträumen von Charlie aufleben.

Nur fragt man sich von Zeit zu Zeit: Warum solch ein Thema so lang und schwer behandeln? Was zieht man daraus? Vielleicht, dass uns auch im Angesicht einer solchen Tragödie, Niemand die Schönheit und Freiheit der Gedanken nehmen kann und Erinnerungen auch Trost spenden können. Ansonsten ist der Tod des eigenen Kindes was es ist – ein Verlust, der einen völlig aus der Bahn werfen kann. Wem dieses Thema zu brutal ist, sollte auf die Lektüre verzichten. Wer sich darauf einlässt, wird sich auf jeden Fall an Hardings anschaulicher Sprache erfreuen.

Alena Hegedüs (academicworld.net.)

Paul Harding. Verlust.
Originaltitel: Enon. Luchterhand Literaturverlag. 19,99 Euro.




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