Jung, ledig sucht - Gehalt zum (Über)Leben
Claudio, der Held des Romans "Generation 1000 Euro" kann ein Lied davon singen. Er ist Akademiker. Hat einen sehr guten Abschluss gemacht. Ist um die 30. Hat seit drei Jahren einen eigentlich toll klingenden Job bei einer großen Telekommunikationsfirma. Und ein Gehalt, das er lieber niemandem verrät, weil er dafür ausgelacht wird.
Wer sich bei diesen Beschreibungen wiederfindet, gehört auch dazu (ob er will oder nicht): zur "Generation 1000 Euro", oder, viel wohlklingender auf Italienisch, den "Milleuristi".
Genau diese beschreiben die Autoren Antonio Incorvaia und Alessandro Rimassa in ihrem Roman "Generation 1000 Euro", und sie kennen diesen Zustand aus eigener Erfahrung. Sie kennen ihn so gut, dass sie in Italien einen Webblog zu dem Thema eröffnet haben, bisher nur auf Italienisch: www.generazione1000.com. Dort können die chronisch unterbezahlten Milleuristi sich gegenseitig ihr Leid klagen, Erfahrungen austauschen - und sich Tipps geben, wie man das Beste aus der Sache macht.
Aus den eigenen Erfahrungen und aus den Geschichten der Website ist der Roman entstanden. Hauptfigur Claudio ist dabei der Prototyp der Generation, der sich mit gerade 1000 Euro durchs Leben schlägt. In vielen Einzelepisoden schildern die Autoren Claudios Leben in Mailand: seine WG (denn was kann man sich sonst leisten), seine Mitbewohner, auch alle Milleuristi, seinen Job, der außer viel Stress und Gebrülle der Chefin nicht viel Hoffnung bringt, dass sich die Situation ändern wird. Und dazu besteht Claudios Leben aus vielen Rechnereien und Kalkulationen, wie man das Gehalt einteilt, wenn wieder mehr Monat als Geld übrig ist. Das Leben könnte so schön, wenn man um die 30 ist - aber nicht, wenn sogar der Cocktail der Happy Hour schon zu teuer ist.
"kein Essay, keine Demonstration ... Schreib einen Roman", bekommt Claudio als Rat am Ende des Buches, damit auch andere das Problem der Milleuristi kennen lernen - das beschreibt aber auch das Problem des Buches. Denn eigentlich fügen sich die vielen kleinen Geschichten nicht ganz zum Roman, es bleibt eine etwas unentschiedene Mischung aus Essay, Roman, Ratgeber - mit einem Hauch von Manifest. Denn die Probleme sind leider real, aber durch die Romanform wird das abgemildert. Ebenso ist es ein Manko, das viele der Episoden und Handlungsstränge nur angerissen und dann wieder fallen gelassen werden, so dass einige interessante Geschichten und Figuren ins Nichts verklingen. Vielleicht wäre eine nicht-fiktive Bestandsaufnahme im Ganzen überzeugender gewesen.
Manchmal sind auch die ständigen Aufzählungen, wo man noch etwas Geld sparen kann und wie man billiger durchs Leben kommt, etwas ermüdend - wenn man es den Autoren wohl lassen muss, dass sie dadurch nur hilfreiche Tipps geben wollten. Denn das gehört zu den Stärken des Buches: es ist nicht nur flott und lustig geschrieben, es bleibt bei aller Schilderung der Probleme immer optimistisch. Es ist weder Anklage, noch wird viel gejammert - vielmehr herrscht der Grundtenor, dass, möge kommen was wolle, diese Generation auch da einen Ausweg finden wird. Denn das Buch stellt die Milleuristi als äußerst starke und einfallsreiche Generation dar, die nicht so schnell aufgibt. Und das macht das Buch trotz allem sehr lesenswert.
Dass dieses italienische Buch jetzt nicht nur in der deutschen Übersetzung vorliegt, sondern unter anderem auch ins Griechische, Koreanische und Japanische übersetzt worden ist, zeigt, dass das Phänomen weltweit zu existieren scheint. Offenbar ist die Generation der 1000-Euro-Verdiener, der 500-Euro-Volontariate und 0-Euro-Praktika weiter verbreitet, als man denkt und das Buch hat den Nerv eines internationalen Problems getroffen. Es ist kein Wunder, dass das Buch in Italien zu einem Kultbuch geworden ist, weil es die Probleme der Generation genau auf den Punkt bringt und sich - unglücklicherweise - viele Hochschulabsolventen und Berufseinsteiger darin wiederfinden können. Vielmehr fragt man sich, warum das Buch erst jetzt geschrieben wurde.
Nur das Manifest der Milleuristi, das die Situation nicht nur festhält, sondern auch zu ändern versucht, muss noch geschrieben werden ...
Diana Mantel



























