Über das Leben nach dem einschneidensten Erlebnis der amerikanischen Geschichte
Joseph O'Connor erzählt in "Wo die Helden schlafen" vom Leben in den Vereinigten Staaten nach den einschneidenden Erfahrungen des Bürgerkriegs. Anhand des Gouverneurs eines rohen Territoriums im Mittleren Westen Amerikas und seinem Umfeld illustriert der Autor virtuos die Gefühle, Einsamkeiten, Unsicherheiten und schwelenden Konflikte, welche die USA unmittelbar nach Beendigung des Bürgerkriegs erfasst haben.
General Con O'Keeffe kämpfte für die Freiheit seiner irischen Landsleute, bis er schließlich eines Tages zum Tode verurteilt wurde. Zwar vermochte er diesem unrühmlichen Ende zu entgehen, doch wurde er stattdessen ins heutige Australien verbannt. Obwohl verheiratet entschloss er sich, aus Van Diemen's Land zu fliehen und machte sich auf den Weg in die USA.
Vom Bürgerkriegsgeneral zum Gouverneur
Dort angekommen wird aus dem berüchtigten Con O'Keeffe zunächst ein begnadeter Redner und schließlich, bei Ausbruch des Bürgerkrieges 1861, General und Anführer einer rein irischen Truppe auf Seite der Nordstaaten. In zahllosen Schlachten beweist er seine Tapferkeit, verliert aber zugleich mehr und mehr die Achtung vor allem nicht militärischen und zuletzt insbesondere vor sich selbst. Inspiriert wurde die Person Generals Con O?Keeffes vom General der Unionsarmee und späteren handlungsbevollmächtigten Gouverneur des Montana-Territoriums Thomas Francis Meagher (mehr Informationen zu dessen bewegender Geschichte siehe unten).

- Stand Pate für die Figur von Con O'Keeffe: General Thomas Francis Meagher
Nach Ende des Krieges wird er vom Präsidenten zum Gouverneur eines kaum besiedelten Flecken Erdes, dem "Territorium", ernannt, wo er von nun an für Recht und Ordnung zwischen Siedlern, Einwanderern, Sklaven, Weißen, Yankees und noch immer glühenden Verehrern der Südstaaten, sorgen muss. Obwohl seine Frau Lucia während ihrer Zeit als Krankenschwester im Bürgerkrieg eine amouröse Beziehung zu einem entstellten Soldaten unterhielt, folgt sie ihm in das Territorium nach. O'Keeffe versucht seine Dämonen, die ihm aus dem Krieg, aber auch aus Australien immer wieder nachjagen, im Alkohol zu ertränken. Die beiden haben sich nichts mehr zu sagen und es ist schwer auszumachen, für wen diese Ehe destruktiver ist - für den stets trunkenen Gouverneur oder seine unter Pseudonymen Gedichte veröffentlichende Frau.
Zeitgleich wandert die 17jährige Eliza Mooney barfuss über Stock, Stein und Geröll auf der Suche nach ihrem verschwundenen Bruder. Von einer Räuberbande wird sie festgehalten und vergewaltigt, bis sich der Anführer ihrer annimmt und den Rest der Gruppe rücksichtslos tötet. Nun machen sich beide auf die Suche nach Elizas kleinen Bruder Jeddo. Dieser wird eines Tages aufgefunden und von Gouverneur O'Keeffe in sein Haus aufgenommen und beinahe adoptiert. Lediglich Lucia sträubt sich dagegen. Alles läuft auf einen unvermeidlichen Zusammenprall der Protagonisten, einen bedeutungsschweren Schlag des Schicksals hinaus.
Multiple Erzählperspektiven
Joseph O'Connors Wo die Helden schlafen erzählt nicht nur die Geschichte des gefallen Titans O'Keeffe. Der ehemals ebenso berühmte wie berüchtigte irische Freiheitskämpfer verliert im Krieg nicht nur Freunde, sondern vor allen Dingen auch seine Illusionen. Zusammen mit dem Verlust, den er durch seine Flucht aus Australien auf sich nahm, steht der General zwar der Regierungsaufgabe eines eigentlich nicht verwaltungsfähigen Territoriums pflichtbewusst gegenüber, lässt seine persönlichen Probleme aber beinahe täglich vom Whiskey davontragen. Der Gouverneur erscheint dabei ebenso rau und unerbittlich wie das noch unerschlossen Gebiet im Mittleren Westen der USA. Neben diesem tragischen Helden leidet der Leser mit seiner Ehefrau Lucia, die nicht nur seine Liebe, sondern auch beinahe ihren Verstand zu verlieren droht. Die Suche von Eliza Mooney, ihr Zusammentreffen mit dem Gesetzlosen Johnny Thunders und Einblicke in das Seelenleben von Allen Winterton, Lucias heimlicher Affäre, werden ebenso thematisiert.
Beeindruckendes aber schwieriges Buch
O'Connor nutzt narrative Elemente pseudo-wissenschaftliche Belege, wie Balladen, Zeugenaussagen, amtliche Schriftstücke und Fußnoten eines Autors, der vorgibt, der Verfasser des Buches zu sein. Zu Beginn nimmt man diese quasi-wissenschaftliche Darstellung durchaus für bahre Münze und meint, sich in einer historischen Umgebung wiederzufinden. Erst im Laufe der Lektüre entdeckt man die Intention des wahren Autors mit unterschiedlichen Stimmen, seinen unterschiedlichen Charakteren Ausdruck zu verleihen und - an manchen Stellen - eine editorische Distanz durch Abschriften, Quellen, etc. zu erwirken. Am Ende erfährt der Leser, wer der Autor dieses Beitrags über Con O'Keeffe und den Ereignissen in den Nachwehen des Bürgerkriegs sein soll. Spätestens hier ist die Fiktivität dieser erzeugten Geschichtlichkeit dem Leser klar.
Wo die Helden schlafen ist bestimmt keine leichte Lektüre - im Gegenteil. Man muss sich Sinn und Freude an dem Roman teils schwer erarbeiten. Aber gerade darin liegt der Reiz dieses Buches, das nicht einfach konsumiert werden, sondern erforscht, bearbeitet werden will. O'Connor stellt auf äußerst beeindruckende Weise die Zerrissenheit der amerikanischen Nation nach dem großen Krieg zur Mitte des 19. Jahrhunderts anhand seiner Personen dar. Ihre Ängste, Unsicherheiten sind Ausdruck eines Lebensgefühls. Gewalt ist allgegenwärtig.
Wo die Helden schlafen ist das großartige Werk eines beeindruckenden Schriftstellers, der erklärt, an der Aufgabe habe ihn mitunter die Möglichkeit gereizt, den unterschiedlichen Personen und Schriftstücken unterschiedliche sprachliche Ausarbeitung gemäß Herkunftsort und ?zeit des Verfassers angedeihen zu lassen. Dies geht in der deutschen Übersetzung naturgemäß ein wenig verloren, was dem Roman aber nichts seiner Genialität und seiner bestechenden Eleganz raubt. Der einzige Wehrmutstropfen ist der Titel: Im Original lautet dieser Redemption Falls und wer das Buch gelesen hat, stellt sich ernsthaft die Frage ob der deutsche Titel Wo die Helden schlafen für dieses Buch angemessen ist, das sich gerade mit der Verletzlichkeit und Fragwürdigkeit von "Helden" beschäftigt.
Florian Jetzlsperger
Weitere Informationen über das Leben von Thomas Francis Meagher:
http://en.wikipedia.org/wiki/Thomas_Francis_Meagher




























