Dynamisch, innovativ und krisenfest: Die Medizintechnik-Branche blieb auch in konjunkturell schwierigen Zeiten vital. Warum das so ist und welche Trends für Berufseinsteiger besonders interessant sind, hat HI:TECH CAMPUS recherchiert. Schließlich eröffnet sich Ingenieuren hier ein kaum zu überblickender HighTech Markt. Doch sind es bei weitem nicht nur Ingenieure und Mediziner, denen sich in der "MedTech" Perspektiven bieten.
Was einst mit einfacher Wundversorgung begann, hat eine enorme Bandbreite an Produkten und Verfahren zur Prävention, Diagnose und Behandlung von Krankheiten hervorgebracht. Prothesen, Geräte medizinischer Bildgebung, chirurgische Instrumente und Implantate in all ihren Formen sind nur einige Beispiele, die diese inter- und multidisziplinäre Branche entwickelt hat.
Für die Entwicklung und Markteinführung neuer Techniken ist meist eine enge Zusammenarbeit von Medizinern und Ingenieuren unerlässlich. Medizintechnologien sind schließlich die Grundlage, auf der Ärzte Leben retten und in einer zunehmend alternden Gesellschaft die Lebensqualität der Menschen sichern. Daneben stellt die Branche mit einem Gesamtumsatz von fast 18 Milliarden Euro aber auch einen entscheidenden Wirtschaftsfaktor dar. Im Export ist Deutschland nach den USA zweitgrößter Anbieter von medizintechnischen Produkten. Basis für den Erfolg der MedTech Branche ist auch die Tatsache, dass hier immer wieder in Bereiche vorgedrungen wird, die ein außerordentliches Entwicklungspotential der Produkte ermöglichen. Solche zukunftsweisenden Themenschwerpunkte werden von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) etwa im Bereich Implantate und der medizinischen Bildgebung gesehen.
Innovationsfelder der Zukunft
Künstliche Herzklappen, Blutgefäße und Hüftgelenke, sind nur einige Beispiele für bereits etablierte klinische Anwendungen. Ge-rade in der Implantologie wird die interdisziplinäre Ausrichtung der MedTech Branche besonders deutlich. Um technisch leistungsfähige und bioverträgliche Implantate und Endoprothesen konzipieren zu können, ist die Zusammenarbeit von Ärzten, (Molekular-)Biologen, Physikern und Ingenieuren unerlässlich. Denn eine Hüftprothese etwa muss nicht nur biomechanische Anforderungen erfüllen, sondern auch eine gute biologische Verträglichkeit und Haltbarkeit aufweisen. Neben technischem Know-how ist somit auch das Wissen von Chemikern und Biologen gefragt, wenn es darum geht, spezialisierte Materialien zu synthetisieren und deren Biokompatibilität und Gewebeinteraktion zu untersuchen. Ärzte schließlich optimieren Operationsverfahren in der Weise, dass nur minimale Einschnitte in die Muskulatur nötig sind, um die Prothese zu implantieren. Aber auch die Forschung in Richtung Neuroprothesen wird von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) als "sehr zukunftsweisend" bewertet. Mit zunehmendem Verständnis der neurophysiologischen Abläufe besteht auch die Möglichkeit diese künstlich nachzuahmen und im Idealfall so beeinträchtigte Sinnesleistungen wiederherzustellen.
Prof. Jürgen Schüttler, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin e.V. sieht die bildgebende Diagnostik als ein zukünftiges Leitthema der MedTech Branche. In dieser zeigt sich der technische Fortschritt besonders eindrücklich, schließlich spiegelt sich die Leistungsfähigkeit der Apparate direkt in der Qualität der Aufnahmen wieder. Seit Konrad Röntgens bahnbrechender Entdeckung, wurde die medizinische Diagnostik dank dieser mehrfach revolutioniert. Dass es neben dem guten alten Röntgenapparat schon etliche etablierte Alternativen zum Durchleuchten des Körpers gibt, mag man an Kürzeln wie CT, MR, MRT und PET auch erahnen. Jede dieser Techniken hat ihre ganz speziellen Vorteile, sodass in der Diagnostik abgewägt werden muss, ob nun Röntgenstrahlen, Positronen-Emission oder Magnetresonanz dem Zielgewebe den besten Kontrast verleihen . Um die Vorteile zweier Methoden zu kombinieren, liegt ein derzeitiger Forschungsschwerpunkt auf der Herstellung multimodaler Hybridgeräte. So hat Siemens bereits ein Bildgebungssystem entwickelt, das Magnetresonanztomographie (MR)- und Positronenemissionstomographie (PET)- Untersuchungen gleichzeitig möglich macht (siehe Abbildung rechts). Seit den ersten Schädelöffnungen vor über 2000 Jahren, wurden dank dieser Techniken schon etliche Geheimnisse unseres Denk-organs gelüftet.
Laut einer Medizintechnik-Studie des Bundesforschungsministeriums sind die drei wichtigsten Grundrichtungen zukünftiger medizintechnischer Entwicklungen: Computerisierung, Miniaturi-sierung und Molekularisierung. Letztere spiegelt sich vor allem in der wachsenden Bedeutung von zell- und gewebebasierten Techniken (Organersatz) wieder. So wird im aktuellen Branchenbericht des Bundesverbandes Medizintechnologie (BVMed) bei Entwicklungstrends auch eine zunehmende "Integration biotechnologischer Verfahren" genannt.
Biotechnologie kommt ins Spiel
Die Innovationsfähigkeit der Branche wird durch das aufkommende Feld des Tissue Engineering besonders deutlich. Dieser relativ junge, multidisziplinäre Biotechnologiezweig beschäftigt sich mit der Kultivierung menschlicher Zellen und Gewebe unter Laborbedingungen. Bisher hat sich die "Ersatzteilzüchtung" aus körpereigenem Material für Haut, Knorpel und Knochen etabliert, wobei man sich hier unter die Haut eine Art alternatives Wundpflaster für Patienten mit schwer verheilenden Verletzungen vorstellen muss. Von dem Ziel echte Haut in ihrer komplexen Gewebebeschaffenheit zu generieren, ist man noch weit entfernt, ganz zu schweigen von ganzen Organen. Hier bedarf es also noch intensiver Grundlagenforschung, denn "etliche grundlegende Durchbrüche stehen noch aus", meint Dr. Bärbel Hüsing, vom Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung. Im Tissue Engineering sieht sie einen langfristigen Trend mit erheb-lichem Wachstumspotential. Dies würde begünstigt durch entsprechende Förderprojekte auf nationaler- und EU-Ebene sowie verbesserte Rahmenbedingungen, zum Beispiel bei der Marktzulassung und der Kostenübernahme durch die Krankenkassen. "Da man in der Entwicklung aber von einem so niedrigen Niveau startet, wird der Biotech-Sektor innerhalb der Medizintechnik auch noch in absehbarer Zeit ein Nischendasein führen" meint die Expertin.
Dementsprechend bietet sich hier interdisziplinär ausgerichteten Naturwissenschaftlern und Ingenieuren zwar ein sehr interessantes Forschungsfeld aber eben mit übersichtlicher Zahl an Arbeitsplätzen. Beim Einstieg in die Branche sollte man jedoch die stark interdisziplinäre Ausrichtung nicht unterschätzen. Schließlich kann die reibungslose Kommunikation zwischen Naturwissenschaftlern und Ingenieuren als Herausforderung angesehen werden, bei der beide Seiten bereit sein müssen, sich auch fachfremdes Wissen anzueignen. "Wer lieber in der eigenen Disziplin bleiben möchte, ist hier demnach nicht so gut aufgehoben", meint Hüsing.
Dank hoher Innovationskraft und stetiger Nachfrage gilt die Medizintechnologie als relativ krisensicher gegenüber konjunkturellen Schwankungen. "Die Karriereaussichten in unserer Branche sind ausgesprochen gut", so Joachim M. Schmitt, Geschäftsführer des Vorstands des Bundesverbandes Medizintechnologie (BVMed). Gesucht würden vor allem spezialisierte Ingenieure, da in diesem Bereich nach wie vor Fachkräftemangel herrsche. Aber auch für Medizintechniker und Feinmechaniker, Vertriebs- und Marketingexperten sowie Gesundheitsökonomen und Experten im Bereich Erstattung und Krankenkassenverträgen seien die Aussichten vielversprechend.
Der Gesundheitsversorger B. Braun bietet auch Perspektiven für Wirtschaftsingenieure und Pharmazeuten. Darüber hinaus sind speziell medizintechnisch ausgerichtete Studiengänge "eine sehr gute Basis für unsere Entwicklungs- und Produktionsbereiche", so Personalleiter Jürgen Sauerwald. Eine Promotion sei nicht für jede Aufgabe zwingend erforderlich. Bei der Einstellung von Hochschulabsolventen legt zum Beispiel Siemens viel Wert auf gesammelte praktische Erfahrungen, etwa durch Praktika, Werkstudententätigkeiten oder auch im Rahmen von Projekten. "In vielen Einsatzgebieten ist das Interesse beziehungsweise Wissen über klinische Abläufe und medizinisches Grundwissen gefragt", so die Siemens Sprecherin Marion Bludszuweit. Absolventen vor allem naturwissenschaftlich-technischer Fachrichtungen werden in der Medizintechnologie auch weiterhin viele attraktive Innovationsfelder vorfinden.
Interessant ist dies auch im Hinblick auf eine vielversprechende wirtschaftliche Entwicklung, denn die Branche ist im In- und Ausland stark positioniert und bietet Hochschulabsolventen damit auch langfristig sehr gute Perspektiven. "Die deutsche MedTech Branche weist im Vergleich zum verarbeitenden Gewerbe überdurchschnittliche Wachstumsraten auf und selbst die Wirtschafts- und Finanzkrise hat die Medizintechnikhersteller deutlich weniger hart getroffen", so Dr. Ralf Lindner vom Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung (ISI). Darüber hinaus biete sich Absolventen eine besonders interessante Branchenstruktur mit vielen kleinen und mittelständischen Unternehmen, aber auch großen internationalen Konzernen wie etwa Siemens.























