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Beratung & Prüfung

Islamic Banking

Was wissen Sie über "Islamic Banking"?

Wie managed eine Beratungsfirma ihr gesammeltes Wissen? Wie werden neue Geschäftsfelder erschlossen? Und was ist eigentlich Islamic Banking? junior//consultant traf sich dazu mit Dr. Michael Schweiger, dem Leiter der Produktentwicklung von Roland Berger Strategy Consultants, der exklusiv tiefe Einblicke in seine Arbeit gab.

Eigentlich hatte ich mich mit Michael Schweiger getroffen, um mich mit ihm über Trends in der strategischen Unternehmensberatung zu unterhalten. Ich wollte für unsere Leser recherchieren, mit welchen Themen und Be­ratungsprojekten die Strategieberatung Roland Berger zukünftig rechnet. Im Verlaufe des Gespräches bin ich dann aber auf ein anderes Thema gestoßen, das mindestens genauso interessant ist: Knowledge-Management in der Strategieberatung. Produktentwicklung ist ohne ein gutes Wissensmanagement kaum möglich. Beide Bereiche gehören eng zusammen, verzahnen und bedingen sich. UnserGespräch fing ungefähr so an:

"Na, Herr Schweiger, dann legen Sie mal los. Was gibt es denn für Trends im Hause Roland Berger? Was sind Ihre Themen von morgen?"

Dr. Michael Schweiger grinst und legt los: "Wenn Sie etwas über Trends in der Strategieberatung wissen möchten, dann bin ich der falsche Ansprechpartner, Herr Haase. Da sollten Sie besser unseren CEO Burkhard Schwenker interviewen. Aber ich kann Ihnen eine Menge darüber erzählen, wie wir in der Produktentwicklung arbeiten und Zukunfts­themen entwickeln. Wie wir unser Wissen managen, neue Beratungsfelder erschließen und unseren Beratern Know-how systematisch und adressatengerecht zur Verfügung stellen. Was wissen Sie eigentlich über Knowledge-Management?"

Und dann wird es spannend: Schweiger zieht sein Notebook heran, lässt mich einen Blick hineinwerfen. Ich sehe ein datenbank-basiertes Intranet-Portal, in dem die unterschiedlichsten Wirtschaftsbereiche nach Branchen geordnet sind. Wir klicken in die Automobilbranche. Dort wiederum kann man sich innerhalb der Branche verschiedenste Berater-Tools, Studien und Beratungsansätze heraussuchen. Da der Kunde in der Regel auf absolute Diskretion wert legt, sind konkrete Beratungsprojekte anonymi­siert. Über 150  verschiedene Beratungs- und Projektansätze werden in diesem globalen Knowledge-Portal als Kurz- und als Langversion bereit gestellt:  Ist der Berater unter Zeitdruck, so kann er  sich in wenigen Minuten einen Überblick darüber verschaffen kann, ob ihm der Ansatz bei einem aktuellen Akquisegespräch oder Projekt weiterhelfen kann. Möchte er tiefer in das Thema einsteigen, so  findet er hier auch sehr ausführliche Dokumentationen. Zu jedem Beratungsansatz finden sich die Namen, Photos und Kontaktdaten des Autors und des erfahrensten Ansprechpartners bei Roland Berger zu dem jeweiligen Thema. Jeder Berater kann so in kürzester Zeit Kontakt zu den Experten aufnehmen. Und häufig werden diese auch zu den Projekten eingeflogen, wenn es der Auftrag erfordert.

Wir klicken in ein weiteres Knowledge Portal und widmen uns dort dem Thema Human Ressources Management . Schweiger erklärt: "Das ist eines der klassischen Strategieberatungsthemen, in denen wir über Jahrzehnte Know-how aufbauen konnten. Im letzten Jahr waren wir beim Personalmanagement  besonders gefordert. Und hier hatten wir den gro­ßen Vorteil, schon in hunderten von Projekten zu dem Thema beraten zu haben." Er erläutert mir das Thema Restrukturierung: "Durch die Wirt­schaftskrise waren 2009 etliche Unternehmen gezwungen, Sparmaßnahmen einzuleiten. Personalabbau war für viele Unternehmen ein erns­tes Thema. Viele Firmen wussten, dass sie zwar Kosten einsparen müssen, aber nicht um jeden Preis. Denn dass es nach der Wirtschaftskrise wieder aufwärts

gehen würde, war vielen Unternehmen klar. Es galt also, flexible Arbeitsmodelle zu finden, um wertvolle Mitarbeiter, die in Aufschwungphasen dringend gebraucht werden, im Unternehmen zu halten und trotzdem Kosten zu sparen. Personelle Kahlschläge in Unternehmen sind häufig nicht zielführend. Kosten, die in der Krise eingespart werden, fallen bei kurzsichtigem Personalmanagement in der Aufschwungphase als Rekrui­ting-Kosten wieder an. Durch unsere Ex­­­per­­tise in den unterschiedlichsten Bran­­­chen wissen wir, wie man mit dieser Herausforderung umgeht. Aus den ver­­­schiedensten Ansätzen zum Thema 'Workforce Flexibility' erarbeiten dann unsere Berater ein maßgeschneidertes Projekt für den jeweiligen Kunden. Stangenware wird nicht geliefert. Dazu sind die Unternehmen auch zu unterschiedlich und an­spruchs­­­voll."

Allein im letzten Jahr hat Roland Berger über 80 verschiedene Arbeits­­­fle­xi­bilisierungsmodelle für das Thema Personalmanagement in der Krise erar­­­beitet: Maßnahmen zu Beginn der Krise, für den Höhepunkt der Krise, für den beginnenden Aufschwung, Teilzeitmodelle, Vollzeitmodelle und Kurzarbeitsmodelle, um nur einige zu nennen.

Alle finden sich in dem Knowledge-Management-Portal, das darüber hinaus auch die ganze Struktur des Unternehmens Roland Berger abbildet, sowohl auf funktionaler Ebene als auch auf der Kompetenzebene in den verschiedensten Branchen. So findet der einzelne Berater in dem Portal beispielsweise auch alle Präsentationen, die von Beratern und Kunden als besonders gut strukturiert und für bestimmte Projektvorgehensweisen als geeignet angesehen wurden. "Unser Ziel ist, dass der einzelne Berater das Rad nicht jedes Mal neu erfinden muss, sondern mit Hilfe der im Unternehmen bereits vorhandenen Erfahrungen ein innovativeres, besseres und maßgeschneiderteres Instrument anbieten kann, als es derzeit auf dem Markt erhältlich ist", so Schweiger. Kein Einsteiger aber auch kein Profi kann sich in allen Bereichen sofort perfekt auskennen. Ge­rade für neue Mitarbeiter ist der Griff in die "Schatz­kiste" deshalb besonders wertvoll. Kein Wunder, denn Roland Berger berät in rund 35 Branchen und einer Vielzahl von Funktionsbereichen. Das Knowledge-Management leistet aber noch mehr. Auch Daten und Studien zum Beispiel zur weltweiten demographischen Entwicklung fin­den sich in dem System. So auch die Informtion, dass der Anteil der Muslime an der Welt­bevölkerung bei derzeit etwa 23 Prozent liegt und stetig zunimmt. Parallel werden alle Branchen systematisch in Bezug auf neue Ent­wicklungen beobachtet, wie beispielsweise der weltweite Bankensektor. Dieser wächst derzeit besonders stark in islamischen Ländern des mitt­­­leren Ostens und in Südostasien. Die dort festgestellten Wachstumsraten im Bankensektor liegen in manchen Segmenten teilweise bei 25 bis 30 Prozent im Jahr. Eine noch genauere Analyse der Roland Berger Produktentwicklung ergab dann, dass ein Teilbereich des Bankwesens besonders stark zulegt: Das Islamic Banking. Darunter versteht man einen besonderen Banken­­­ansatz, der sich auf die religiösen Regeln des Islam und der Scharia, dem religiös legitimierten Gesetz des Islam, beruft. Bei dieser speziellen Form des Bankenwesens sind bestimmte, in westlichen Bankensystemen selbstverständliche Formen des Geldhandels untersagt. So ist es beispielsweise nicht statthaft, Zinsen zu verlangen. Wucher ist ebenso verboten wie Spekulation und Glücksspiel. Das macht das Bankengeschäft zwangsläufig etwas umständlich, aber es gibt zahlreiche Konstrukte, durch die Banktransaktionen und Geldhandel trotzdem möglich werden. In diesem wachsenden Geschäftsfeld mit ganz speziellen Regeln können sich für eine Strategieberatung zukünftige  Beratungsfelder ergeben. Zunächst einmal sind westliche Geschäftsbanken in Frankfurt oder London mögliche Kunden, wenn diese den is­lamischen Markt erschließen möchten. Aber auch für die Niederlassungen von Roland Berger in Ländern wie der Türkei, Marokko und Middle East  kann Islamic Banking ein viel

versprechen­der Beratungsmarkt werden. Die Abteilung Produktentwicklung recherchiert an diesem Punkt weiter im Markt der islamisch ausgerichteten Banken und stellt dann etwa fest, dass es dort bestimmte Wachstumshemmnisse gibt oder Finanzprodukte noch transparenter sein könnten. Daraus ergibt sich eventuell Bedarf für Strategieprojekte bei potentiellen Kunden. Diese Recherchen fließen dann wieder in das Know­­­ledge-Management ein, sodass Berater vor Ort daraus Input für neue Beratungsprojekte gewinnen können. "Ob so ein Thema dann wirklich zum Verkaufsschlager wird, ist schwer zu prog­nostizieren. Unsere Aufgabe ist es, diese Märkte im Auge zu behalten und die Informationen dafür aufzubereiten", erklärt Schweiger und nennt noch ein weiteres Beispiel aus der Finanzbranche.

Es geht um Sovereign Wealth Funds, Staatsfonds, die weltweit Kapital im Auftrag einzelner Staaten investieren. Die Einnahmen der Fonds werden meist aus Außenhandelsüberschüssen generiert. Größter Player bei den staatlichen Anlegern ist die Abu Dhabi Investment Authority (ADIA) der Vereinigten Arabischen Emirate mit einem Anlagevolumen von 875 Milliarden Dollar, die aus Erdöleinnahmen resultieren. Aber auch Norwegen, China und Saudi Arabien verfügen über finanziell enorm potente Fonds. Und auch hier haben die mehr als 30 Researcher von Roland Berger im Inland und Ausland den Markt genauer analysiert. Schweiger zeigt wieder auf sein Notebook, wo eine neue Grafik aufpoppt: Das Anlagevolumen der Staatsfonds wird heute auf etwa 3,5 Billionen Dollar geschätzt. 2015 könnte es schon mehr als 10 Billionen betragen. "Wir erwarten ein Wachstum von 20 bis 25 Prozent pro Jahr. Und auch das könnte wieder ein neuer Beratungsmarkt werden." Was denn die Beratungsfelder sein könnten, frage ich ihn. "Wissen Sie, verkürzt formuliert, könnte man folgendes sagen: Immer, wenn Märkte besonders stark wachsen, wie in den beiden genannten Beispielen, dann kann man beobachten, dass einzelne Bereiche in den Unternehmen oder Organisationen mit dem Wachstum nicht mithalten können. Teilweise, weil Kompetenzen in der Kürze der Zeit nicht aufgebaut werden können, Know-how fehlt oder Erfahrungen aus anderen Branchen nicht genutzt werden. Und an dem Punkt können wir dann mit unserer Kompetenz helfen. Wir haben schon etliche Unternehmen in ihren Wachstumsphasen sehr erfolgreich begleitet." Aber auch im Beteiligungsgeschäft und bei Mergers & Acquisitions liegen die Beratungsprojekte auf der Hand. Durch die Fi­nanzmarktkrise haben die Staatsfonds Federn lassen müssen und eine Änderung in der Anlagestrategie vorgenommen. Neuerdings sind direkte Unternehmensbeteiligungen wieder stärker gefragt. Und an diesem Punkt ist eine Consultingfirma, die die Branchen in- und auswendig kennt, in ihrer Kernkompetenz gefordert.