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Film

Im Paradies gibt es keinen Mord

Stalin sagt, Mord ist ein rein kapitalistisches Verbrechen, das es im kommunistischen System der Sowjetunion nicht gibt. Was passiert, wenn es dennoch geschieht, zeigt der düstere und actiongeladene Thriller „Kind 44“: Die gefährliche Jagd eines Geheimdienstoffiziers nach einem Serienmörder, der offiziell nicht existiert.

© 2015 Concorde Filmverleih GmbH / Larry Horricks
© 2015 Concorde Filmverleih GmbH / Larry Horricks

Vom Kriegshelden…

Der Geheimdienstoffizier Leo Demidow wächst in einem ukrainischen Waisenhaus auf und wird im zweiten Weltkrieg zum sowjetrussischen Kriegshelden. In den folgenden Jahren arbeitet er sich im Ministerium für Staatssicherheit (MGB) immer weiter hoch und wird zum angesehenen Offizier, der treu hinter dem Regime steht und Befehle nicht hinterfragt. Privat konnte er es zu bescheidenem Wohlstand bringen und ist mit der Lehrerin Raisa glücklich verheiratet.
Doch die Verhaftung des vermeintlichen Verräters Anatoli Brodsky und der Fund einer Kinderleiche lassen ihn alles, woran er bisher geglaubt hat, in Frage stellen und verändern sein Leben grundlegend. 

…zum Staatsfeind

Unter brutaler Folter nennt Brodsky die Namen von weiteren Systemgegnern: Darunter Demidows eigene Frau. Der sieht sich nun gezwungen, Raisa zu überwachen und die eigene Wohnung nach Beweisen zu durchsuchen. Um seine Loyalität zu beweisen, müsste er seine Frau nun eiskalt denunzieren.

Währenddessen wird die Leiche des Sohnes eines Freundes gefunden. Der offensichtliche Mord wird der Familie von offizieller Seite als Unfall verkauft und Leo beginnt spätestens jetzt an der Maxime des stalinistischen Systems  „Verbrechen gibt es nicht im Paradies“ zu zweifeln. Als ein weiterer Mord geschieht, stellt er eigene Nachforschungen an und setzt damit alles aufs Spiel.

Leo Demidow (Tom Hardy, rechts) verhört Anatoli Brodsky (Jason Clarke) © 2015 Concorde Filmverleih GmbH / Larry Horricks
Leo Demidow (Tom Hardy, rechts) verhört Anatoli Brodsky (Jason Clarke) © 2015 Concorde Filmverleih GmbH / Larry Horricks

Mörderische Ermittlungen

Im Mittelpunkt des Films steht die Suche nach dem Mörder und Leo findet im Laufe der Zeit Verbündete. Dennoch bleibt es ein ständiger Kampf gegen seine Vorgesetzten, die ihn mit allen Mitteln stoppen und am liebsten tot sehen wollen. Besonders sein sadistischer Kollege Wassili, der nur darauf wartete Leos Platz einzunehmen, macht die Jagd nach ihm immer mehr zu einem persönlichen Rachefeldzug.

Allerdings gerät der Handlungsstrang um den Mord immer häufiger in den Hintergrund. Leos private Probleme erschweren ihm die Ermittlungen enorm und richtig Fahrt auf, nimmt die Suche nach dem Mörder erst gegen Ende.

Neben den Ermittlungen spielt auch die Liebesgeschichte zwischen Leo und seiner Frau Raisa eine große Rolle. Diese zeigt, was es heißt in einem System zu lieben, in dem jeder wachsam ist und nichts von sich preisgibt, um sich selbst zu schützen. 

Leo wird seiner Illusionen beraubt und die Beziehung der beiden offenbart sich als viel komplexer und vielschichtiger, als anfangs vermutet. Zu Beginn ist sich Leo der Liebe seiner Frau sicher und glaubt sie zu kennen. Als ihr Name dann aber in Zusammenhang mit Regimekritikern und Spionen fällt, muss er sich die Frage stellen, wer sie wirklich ist. Und sich entscheiden, was ihm wichtiger ist: uneingeschränkte Loyalität gegenüber dem Regime oder ein reines Gewissen und die Liebe zu Raisa. 

Als er sich für seine Frau entscheidet und die beiden deportiert werden, legt die neue Situation immer mehr offen, wie es um seine Ehe wirklich bestellt ist, denn Raisa spielt nicht mehr die treue Haus- und Ehefrau. 

© 2015 Concorde Filmverleih GmbH / Larry Horricks
© 2015 Concorde Filmverleih GmbH / Larry Horricks

Kritik

Insgesamt ist Kind 44 nichts für Zartbesaitete. Das brutale und rücksichtslose Vorgehen des MGB wird offen gezeigt und Exekutionen und brutale Folter sind an der Tagesordnung. Die ständige Bedrohung durch das System liegt wie ein Schatten über allem und ist permanent präsent. Es gibt einige ausgedehnte Action- beziehungsweise Kampfszenen, die durch schnelle Perspektivwechsel und eine extreme Nähe, den Zuschauer mitten ins Geschehen befördern.

Auch die Schauplätze tragen zu dieser sehr düsteren und trostlosen Atmosphäre bei und zeichnen ein authentisches Bild vom damaligen Leben in der Sowjetunion.

Kind 44 ist ein spannender Thriller und garantiert gute Unterhaltung. Allerdings hat man doch immer im Hinterkopf, dass es keine rein fiktive Geschichte ist. Und die schonungslose Darstellung des harten Lebens im „Arbeiterparadies“ Sowjetunion wirkt zeitweise sehr bedrückend. 

Aus dem Kino geht man dennoch etwas milde gestimmt. Allerdings entsteht der Eindruck, dass man es sich am Ende etwas zu einfach gemacht hat mit der Auflösung der Geschichte. Diese will deshalb nicht so Recht zum sonstigen Verlauf des Films passen. Aber selbst bei so einem Film scheint Hollywood wohl nicht auf ein Happy End verzichten zu können.

Leonie Herr (academicworld.net)

Kind 44

Regie: Daniel Espinosa
Darsteller: Tom Hardy, Noomi Rapace, Gary Oldman, Vincent Cassel, Joel Kinnaman

Ab dem 4. Juni im Verleih von Concorde im Kino




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