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Film

Im All (k)ein Sein

„In space, no one can hear you scream.“ Aber im Kino! – Eben dort avancierte „Alien“ zu einem Klassiker des Horror- und Science-Fiction-Films. 33 Jahre später zieht es Regisseur Ridley Scott wieder ins All, um eine Art Vorgeschichte seines Meisterwerks zu erzählen: „Prometheus“, ab 9.8. im Kino.

Sein und Werden

Wie eine prähistorische, nebelverhangene Phantasie erstreckt sich die Vulkanlandschaft bis zum Horizont, entfesselt, erhaben, unbelebt. Materie im Urzustand. Mit der Kraft ungebändigter Natur, die nach zeitlosem Wandel im ewigen Stillstand strebt, stürzt sich ein gigantischer Wasserfall in die Tiefe, während am wolkendurchtosten Himmel ein kolossales Raumschiff schwebt. Da tritt eine menschenähnliche Gestalt an die Klippe, streift die Kutte ab und entblößt den wuchtigen, marmorweißen Körper eines ’homo superior’. Dieser trinkt eine schwarze Flüssigkeit, welche ihn von innen zu zerstören scheint. Sein Leib löst sich auf, fällt in die Fluten, seine DNA-Doppelhelix sprengt auseinander... und fügt sich unter Wasser zu neuer Form zusammen. Die Strömung schwemmt sie fort, unbekannter Bestimmung entgegen.

So beginnt „Prometheus“. Es ist ein visionärer Anfang, der überwältigt, zumal er in seiner emblematisch dichten Impression zwischen Sein, Vergehen und Schöpfen nie vollständig gedeutet werden kann. Weder läßt er sich nahtlos in das folgende Geschehen einbinden, noch erklärt sich daraus dessen Rätselhaftigkeit. Tatsächlich ist Ridley Scotts aktueller Film gleichzeitig sein enigmatischster, ein Projekt, mit dem er der Avantgarde visuell wie technisch Avancen macht, andererseits sein bisheriges Œuvre reflektiert. Scott spielt mit dem eigenen Mythos. Ein riskantes Unterfangen. Und ein höchst spannendes.

Sein und Herkunft

In atemberaubender Weise hatte „Alien“ 1979 vom Kampf zwischen Mensch und außerirdischer Kreatur erzählt. Damals ging es um das elementare Problem (Wie?) nackten Überlebens, wofür „Prometheus“ nun die existenziellen Fragen (Woher?, Wohin?) hinsichtlich der Herkunft allen Seins nachreicht. Beide Werke rühren an fundamentaler Thematik, nur daß in „Alien“ der Lebenssinn, nämlich Fortbestand der eigenen Art, längst festgelegt war, während er in „Prometheus“ neu definiert werden will. Hierfür wird dramaturgisch auf „Alien“-Motive zurückgegriffen, gleichzeitig mit der Saga gebrochen, um individuelle erzählerische Wege zu gehen und eine andersartige Legende zu schaffen. „Prometheus“ ist demnach kein Prequel, vielmehr eine Hommage.

Zum Inhalt: Gegen Ende des 21. Jahrhunderts erreicht das Raumschiff ’Prometheus’ einen fernen Himmelskörper, Mond LV-223, wo man sich Hinweise auf den Ursprung der Menschheit erhofft. Archäologische Funde von unterschiedlichsten Frühkulturen haben immer wieder jenen Sternenstandort verzeichnet. Dort, so glaubt das sich an Bord befindende Forscherpaar Elizabeth Shaw (vital: Noomi Rapace) und Charlie Holloway (aufrichtig: Logan Marshall-Green), würde man vielleicht auf die riesenhaften, von archaischen Höhlenzeichnungen bekannten ’Engineers’ treffen. Zur Mission, im Auftrag einer Corporation von Meredith Vickers (eisig: Charlize Theron) geleitet, gehören weitere Wissenschaftler, Techniker wie Captain Janek (robust: Idris Elba) und der Android David (ambivalent: Michael Fassbender). Gemeinsam machen sie die grauenhafte Erfahrung, daß auf dem fremden Planeten ihr Tod lauert, gar der Tod für die gesamte Erde.

Sein und Zerfall

Wie immer bei Ridley Scott, dem cineastischen Magier vom Range eines Auteurs, sind es zunächst die Bilder, die betören. Mit edler Pracht ziehen sie ins Geschehen, bevor sie ihr erzählerisches Destillat offenbaren. Niemals sind sie banal, nie geistlos oder schal, sie bekennen sich keineswegs zur Oberflächlichkeit, vielmehr zur faszinierenden Oberfläche, welche als Teil der Story derem tieferen Kern zustrebt. Der Raum definiert den Inhalt. Ganz in diesem Sinne präsentiert sich Mond LV-223 als irritierende Mischung aus urwüchsig-mächtigem Bergterrain und der seltsam-schwebenden Atmosphäre von neo-surrealistischer Fantasy-Art etwa eines George Grie. Unendliche Leere und schutzlose Weite dieser düsteren Landschaft korrespondieren mit einem gefährlich tiefen Höhlenlabyrinth, auf das die Raumfahrer treffen, als sie eine der monumentalen, offenbar von fremder Hand errichteten Pyramiden betreten. Niemand scheint hier zu sein, und doch ist der Raum nicht nur dank des raffinierten Sounddesigns auf unheimliche Weise belebt: draußen durch Staubfontänen und heranziehende Stürme, drinnen durch plötzlich ausgelöste holographische Aufzeichnungen. 

Jene enthüllen das Schicksal der vormals auf dem Mond weilenden ’Engineers’, offenbaren zudem deren übermenschliche Fähigkeiten. In der eindrucksvollsten Sequenz steht David im Kommandoraum der ’Engineers’, um ihn herum erhebt sich ein Hologramm vom Weltall. Galaxien und Milchstraßensysteme, Planeten und Sterne erstrahlen in einem blauweißen Glanz, verlieren sich in der Unermesslichkeit und sind doch ganz nah. Alsdann verblassen sie wieder, zuletzt auch die Erde. Denn die ’Engineers’ sind nicht nur Demiurgen, wie die Eröffnungssequenz suggeriert, sondern auch Zerstörer. Sie wollen die Menschen, die sie (vermutlich) einst erschufen, wieder vernichten. 

Sein und Leere

Zum Woher und Wohin gesellt sich in „Prometheus“ so noch die Frage nach dem Warum, im Prinzip nach der Korrelation zwischen Schöpfen und Ruinieren. Antworten werden keine geboten, nur religiös-philosophische Andeutungen. In deren eklektizistischer, sich gegenseitig teils widersprechender Zeichenhaftigkeit liegt auch eine der Schwächen des Films. Während die Szene zu Beginn einem mystischen, kreationistischen Schöpfungsakt ähnelt, dominieren später christliche Symbole wie Elizabeths Schmuckkreuz oder das Weihnachtsbäumchen an Bord. Die verschiedenen morphologischen Vorstufen des Aliens wiederum verweisen auf Darwinismus.

Überhaupt: das Alien. Dieses geniale Monsterwesen von H.R. Giger hat bis heute nichts von seinem biomechanischen Grauen verloren. „Prometheus“ hingegen mangelt es an einem solch zutiefst verstörenden Element, das mit subtiler Entschiedenheit die Grenze zum Horror überschreitet und den Film dominiert, selbst wenn es selten zu sehen ist. „Prometheus“, vorrangig dem Science-Fiction-, denn Horror-Genre zuzurechnen, versucht stattdessen, seinen Schrecken aus der Leere zu ziehen: der unendlichen im All, der landschaftlichen auf dem fremden Mond, der metaphysischen des Todes und der philosophischen angesichts existenzieller Fragen. Es ist eine Furcht vor dem Nichts, die am Ende ihren visuellen Ausdruck im titanenhaften Absturz zweier Raumschiffe findet. Unfassbar mächtig ist deren Fall und doch kaum mehr als ein Raunen im ebenso grenzenlosen wie gleichgültigen Kosmos.

Sein und Sexus

Auch wenn in „Prometheus“ nicht mit derart purer Präzision von Leben und Überleben wie noch in „Alien“ erzählt wird, kann der Film partiell verunsichern. Gleich seinem Vorgänger steckt er voller sexueller Implikationen, die sich hier allerdings eher alarmierend und als klar artikulierte Metaphern zu erkennen geben, denn in beängstigenden Nuancen. Natürlich weiß Ridley Scotts Inszenierung, gewissermaßen als elitär kultivierter Gegenentwurf zur heutigen medialen Ausbeutung des Physischen, die Form zu wahren. Doch dergleichen lenkt nicht ab von einem narrativen Leitgedanken: Fortpflanzung ist die obszöne Inbesitznahme fremder Körper.

Ob ein ’Engineer’ sich während eines Stiftungsrituals opfert, ob sich kobrahafte Würmer in Menschenkörper bohren, ob eine Prä-Alien-Krake einen außerirdischen Schöpfergott vergewaltigt, ob ein Liebesakt zum unbewußten Missbrauch wird – evolutionäre Reproduktion findet im Kontext von Gewalt statt. Dies gipfelt in einer schockierenden Sequenz, als die ungewollt mit einem Untier schwangere Elizabeth an sich selbst einen Kaiserschnitt zwecks Abtreibung durchführt. Eine perfide Szene, die nur schwer die Balance zwischen grotesk und lächerlich halten kann. Ohnehin wird in „Prometheus“ etwas zu oft nach dem komischen Moment gesucht, was dem ansonsten auf Tief-/Abgründiges zielenden Film nicht recht bekommt.

Sein und Zeit

Zweifelsohne ist das Grundkonzept hinter Geschichte und Dramaturgie gewaltig, eventuell zu gewaltig für Ridley Scott, der für seine himmelstürmenden Bilder eine ’geerdete’ Story als Basis braucht. „Prometheus“ erscheint hierfür zu pseudo-philosophisch, zu Mystery-orientiert und universell zu obskur definiert. Selbst in „Blade Runner“ (1982), der ja ebenfalls Existenzielles, nämlich die Frage nach menschlicher Identität, verhandelte, war der Konflikt eng an das Schicksal der Protagonisten gebunden. In „Prometheus“ jedoch fehlt es den inneren Zusammenhängen an Transparenz, wirken Motivationen klischeehaft und Affekte abstrakt. Die Figuren besitzen weder eine intensive narrative Einbindung noch persönliche Entwicklung und sind ungeachtet ihrer Handlungen weder von wissenschaftlichem Wahn noch von privater Vision beseelt. Auch ein Vater-/Sohn-Konflikt zwischen Android David und seinem Erbauer, der den Mensch-/Schöpfer-Konflikt in nuce abbilden soll, bleibt flach.

Eben jener uralte Erbauer, eigentlich längst tot, scheint der einzige Getriebene zu sein. Während die anderen nach ihrem Ursprung suchen, will er die Zukunft erobern. Die Angst vor dem Sterben, vor dem Verlust der eigenen Zeit hat ihn ein Projekt finanzieren lassen, das den Anbeginn aller Zeit ergründen soll. Daß er selbst aus Konservierungsgründen meist im Hyperschlaf liegen muß, also seine verbliebene Zeit als Mumie verbringt, kann als ironischer Kommentar zu menschlicher Hybris verstanden werden. Unsterblichkeit ist ein verdammt lebloser Zustand!

Sein und Sehen

Angesichts der Schwächen im zwar hochkomplexen, aber unfokussierten Drehbuch von Jon Spaihts und Damon Lindelof, nämlich eindimensionale Charaktere, fehlende überraschende Wendungen, ein gezwungen-vager ’conditio humana’-Subtext mit Logikeinbrüchen, gewinnt Ridley Scotts suggestive Raumpoetik zusätzlich an Bedeutung. Er findet kraftvolle Bilder für Ursprung und Verfall aller Existenz. Erstmals hat er mit digitalen 3D-Effekten gearbeitet, dabei bewiesen, daß seine Kunst selbst High-End-Technik standhält bzw. diese zu transzendieren versteht. Bei ihm verschafft die ansonsten meist als Eye Candy funktionierende Stereoskopie dem Film eine weitere dramatische und atmosphärische Dimension, welche das prinzipielle Ausgesetztsein der Figuren widerspiegelt.

Ebenso versteht es der Regisseur, seiner filmischen Fiktion angemessene Künstler zu versammeln. Untermalt von Marc Streitenfelds epischem Score gewinnt das von Arthur Max, Scotts bevorzugtem Production Designer, entworfene Set echte Größe, die wiederum Kameramann Dariusz Wolski in eine symbolisch aufgeladene Hell-/Dunkel-Komposition verwandelt. Wenn die Raumfahrer eine kapellenartige Halle der ’Engineers’ betreten, die einen riesigen Steinkopf und zahllose mysteriöse Kanopen beherbergt, dann sind sie in ihrer eigenen Gruft gelandet. Eine beinahe alles verschlingende, klaustrophobische Düsternis umgibt die Forscher, läßt sie ihr Fatum spüren, ohne daß sie es erkennen können.

Sein und Magie

Eben jene Momente machen aus „Prometheus“ ein phänomenales Werk, selbst wenn es kein bedeutendes ist. Vielleicht wird dies irgendwann ein Director’s Cut korrigieren oder gar eine Fortsetzung, auf die das Filmende spekuliert. Bislang verhebt sich „Prometheus“ etwas an der eigenen Größe, ist ästhetisch wie technisch eine Offenbarung, inhaltlich allerdings zum Teil unzureichend. Gleichwohl bleibt er intelligente, hochambitionierte Innovation.

Das suggeriert bereits sein Titel: Prometheus, der griechisch-mythologische Menschenformer, Kulturstifter und Feuerbringer, der Titan, der sich gegen die Götter auflehnt – welch ein ’nom de guerre’ für einen Film! Und welch ein Tribut an seinen Schöpfer, an Ridley Scott. Seit Jahrzehnten schon kreiert er cineastische Flammen, die ein Kino-Universum auflodern lassen, das es niemals gab und dennoch immerfort nachglüht... als pure Magie.

Nathalie Mispagel

Prometheus - Dunkle Zeichen
Darsteller: Charlize Theron, Noomi Rapace, Michael Fassbender
Start: 09.08.2012




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