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Zeitgenössische Literatur

Ich bin schuld, du bist schuld, er/sie/es ist schuld

Nach dem Unfalltod seiner Frau in Pakistan hat Michael alles verloren. Um der Vergangenheit zu entfliehen, zieht er nach London. Dort geht er weiter seiner Tätigkeit als Schriftsteller nach und baut aus dem Nichts eine enge Freundschaft mit seinen Nachbarn auf. Doch der schöne Schein trügt - und die Vergangenheit befreit sich aus ihrer Gefangenschaft.

In diesem Buch folgen wir einem Mann, von dem die Leser sofort wissen, dass ihm etwas Schreckliches geschehen wird. Und bereits ist, denn seine Frau Caroline, Journalistin in Pakistan, wurde von einer ferngesteuerten Waffe getötet. Ist das der Moment, der sein Leben für immer verändern wird? An sich ja. Aber der Leser merkt schnell, dass es hier um mehr gehen muss. Sein Name ist Michael und nach dem Tod seiner Frau zieht er nach London, um sich ein neues Leben aufzubauen. Dort lernt er Josh und Samantha Nelson kennen, seine neuen Nachbarn. An einem frühen Morgen betritt das Haus der beiden und stellt fest, dass niemand hier ist.

Gefangen in Trauer

Routiniert sucht er nach seinem Schraubenzieher, schließlich kennt er sich bei seinem Nachbarn gut aus. Den hat er zwar wirklich verliehen. Allerdings wird schnell klar, wie stark er sich in den Fängen seiner Trauer um seine Frau befindet – selbst bei der einfachen Suche nach einem Gegenstand schweift seine gesamte Gedankenwelt zu Caroline ab. Er bildet sich ein, ihren Duft zu riechen und in fast jeder Ecke ihren Schatten zu sehen. Und so dringt er immer tiefer in das Haus vor, bis zu dem Zeitpunkt, an dem alles in einem einzelnen Moment wie ein Kartenhaus in slow motion zusammenbricht.

Insgesamt ist es ein sehr interessantes Konzept, oder „plot“, wie es so schön heißt. Das Leben von Michael läuft in geregelten Bahnen, bis ein einzelner Moment es vollkommen zerfetzt. Dann baut der Protagonist sich wieder auf, nur um wieder an einem einzelnen Moment mit Absolutheit zu scheitern. Die Handlung wird nicht chronologisch erzählt, sondern wechselt nicht nur Kapitelweise, sondern auch innerhalb der Kapitel die Zeit. So erfährt man mehr über die Vergangenheit von Michael, sondern erhält gleichzeitig eine Ahnung von der Zukunft, während man zusammen mit Michael die Gegenwart erlebt. Das klingt zum Glück komplizierter, als es sich liest – nämlich gut strukturiert und fesselnd.

Der moralische Zaunpfahl

Perfekt ist die Umsetzung allerdings nicht: Was zum einen nicht so gut schmeckt, ist die Moral hinter dem Ursache-Wirkungs-Geflecht. Wenn Josh nicht bei dem Seitensprung gewesen wäre, wäre das schreckliche Vorkommnis nicht geschehen. Hier winkt der Moralapostel mit seiner ziemlich dicken Keule. Josh ist schuld! Anders gesehen: Wäre Michael nicht so selbstzerstörerisch im Haus seiner Nachbarn geblieben, wäre das schreckliche Vorkommnis auch nicht passiert. Michael ist schuld! Oder gibt es überhaupt einen „Schuldigen“? sollte man wohl lieber fragen. Und das macht der Autor noch, aber natürlich lässt sich diese Frage nicht einwandfrei klären. Die Frage, wie man mit Trauer umgeht, geht zu diesem Punkt unter, halbiert das Buch also thematisch.

Was klingt wie eine hohle Phrase, ist in diesem Fall aber einfach zutreffend: Sehr packend geschrieben. Das Buch lässt sich wirklich nicht aus der Hand legen und liest sich intensiv, aber flott. I SAW A MAN ist ein sehr gutes Beispiel dafür, dass ein Buch intelligent verfasst sein kann, ohne sich in Arroganz zu verlieren. Es gibt keine übertriebene Häufung von Fremdworten. Spannend wird es am Ende auch noch, als Josh das Geheimnis von Michael lüftet und ihn konfrontiert. So überraschend, wie sich diese Konfrontation anbahnt, ist sie auch schon wieder vorbei, geradezu flüchtig.

Das Ende schätzt vermutlich jeder anders ein. Für mich versteckt sich Michael hinter Worten und trägt keine ernsthaften Konsequenzen davon. Möglicherweise ist das die Aussage, die der Autor gerne treffen würde? Also dass manchmal schreckliche Dinge einfach passieren, das Leben ist hart und man kann es nur akzeptieren? Wenn dem so ist, findet Owen Sheers klare Worte dafür. Wenn nicht, freue ich mich jederzeit über andere Sichtweisen auf das Buch ;)

Ja, aber das Fazit!

Das bekommt ihr natürlich auch noch: lesenswert, absolut! Trotz der Kritikpunkte gibt es ganz offensichtlich viel, worüber man sich im Anschluss Gedanken machen kann. Und wenn ein Buch dafür sorgen kann, muss es keine perfekt ausbalancierte Geschichte erzählen.

Bettina Riedel (academicworld.net)

I saw a man. Owen Sheers.
DVA Verlag. 19,99 Euro.




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