Romantischer Thrill

Stephen Kill, Delaware: In der Kleinstadt geht Azrael, der Erzengel des Todes, angefeuert von der Stimme Gottes um, die Sünder zu strafen...
Der ehemalige Pfarrer Noah Gibson kehrt nach einer fünfjährigen Gefängnisstrafe zu seiner Exfrau Rachel auf das elterliche Weingut in seiner Heimatstadt zurück. Er leidet wegen seines Alkoholmissbrauchs in der Vergangenheit unter Blackouts, die just nach seiner Heimkehr wieder beginnen. Während einer dieser Erinnerungslücken wird ein Mann gesteinigt und mit einem zurückgelassenen Bibelzitat des Ehebruchs angeklagt. Auch Noah gerät in das Visier der Ermittlungen. Obwohl er sich vehement weigert, über seine ehemaligen seelsorgerischen Tätigkeiten mit der Polizei zu sprechen, ist er ansonsten eine äußerst phlegmatische Person.
Selbst nachdem die Geliebte ebenfalls des Ehebruchs bezichtigt und bei lebendigem Leib verbrannt wird, gibt er seine Passivität und Indifferenz nicht auf. Trotzdem er scheinbar der Einzige ist, dem die Opfer ihre Verfehlungen anvertraut haben könnten, zeigt er weder Neugier noch Interesse an diesen Menschen und den Morden.
Mehr Romantik als Thriller
Hinter dem Pseudonym Hunter Morgan verbirgt sich Colleen Faulkner, Autorin von Romance Novels. Und die Tendenz zum Romantik-Thriller ist auch mehr als deutlich. Der Schwerpunkt des Romans liegt nicht auf den Morden und den polizeilichen Ermittlungen, sondern auf Noah und seiner Familie, dem Aufarbeiten seiner Vergangenheit und der Beziehung des geschiedenen Ehepaars. Viele dieser Aspekte hält Hunter Morgan zurück und enthüllt sie erst nach und nach, so dass man zunächst noch mit einer gewissen Spannung weiter liest. Doch nachdem diese Geheimnisse gelüftet sind, verliert sich der Roman in Belanglosigkeiten.
Die Personen sind sehr klischeehaft entworfen. Die Frauen zart, fast ätherisch und natürlich wunderschön. Die Männer unglaublich attraktiv, maskulin aber auch verletzlich und von Traurigkeit umgeben oder durch Schuldgefühle gebeutelt, sodass die Frauen ihnen gegenüber gern in die Mutterrolle schlüpfen. Den Frauen wird eine gewisse Stärke zugeschrieben, indem Rachel den Arzttermin für Noah vereinbart und Deliah als die Untergebene in der polizeilichen Hierarchie eigene Ermittlungsansätze verfolgt. Doch vermißt man ein paar Ecken und Kanten, eine Persönlichkeit gewissermaßen.
Die Liebe spielt eine große Rolle. Da ist das zugleich angespannte und gefühlsgeladene Verhältnis zwischen Noah und Rachel, die sich mit den Schatten ihrer gemeinsamen Vergangenheit, dem Verlust ihrer Söhne und der immer noch bestehenden Attraktivität des anderen auseinandersetzen. Auch Snowden und Deliah verspüren eine gegenseitige Anziehungskraft, können aber wie die zwei Königskinder nicht zueinander finden. Damit wird der Aspekt des love interest übertrieben ausgereizt.
Wiederholungen erzeugen Langeweile
Nicht einmal die Ermittlungen von Chief Snowden Calloway und Sergeant Deliah Swift können das Ruder herumreißen, die zwar auch teilweise ausführliche Befragungen vornehmen. Ihre Beobachtungen jedoch wurden dem Leser meistens bereits vorher schon vermittelt und durch diese Wiederholungen wird der Roman zu einer langatmigen und leider auch langweiligen Lektüre. Bezeichnend ist ein Abend, an dem sich Snowden und Deliah Gedanken über den letzten Mord machen und auf zwei gegenüberliegenden Seiten dieselben Erkenntnisse in abgewandelten Worten zu lesen sind. Durch diese und andere nicht genannte Beispiele wird der Roman unnötig aufgebläht.
Eine nicht unbedingt neue doch konstruktive Eigenart des Romans ist, dass die Taten aus der Sicht Azraels geschildert werden. Mit zwei weiteren ermordeten Sündern wird auch noch der Kreis der Verdächtigen um mindestens drei Personen erweitert, die sich recht zwielichtig verhalten. Und ebenso werden einige falsche Fährten gelegt, denn nicht nur Noah, sondern auch einige andere Menschen in der Kleinstadt haben Albträume, schlafwandeln und vernehmen eine Stimme. Der Mörder, der sich Azrael nennt, wird in einem filmreifen Showdown bei Gewitter enttarnt. Hinweise über seine Identität sind für den Leser durchaus vorhanden, hätten dennoch bei einer beliebigen anderen Romanfigur ebenso glaubwürdig oder hanebüchen gewirkt.
Unausgeschöpftes Spannungspotential
Für sich genommen, enthalten die Details eine Menge Potential für Spannung. Eine sinistere Mordserie mit biblischen Motiven. Die Rückkehr eines Mannes aus der Haft und sein Versuch, einen Neuanfang zu wagen. Eine Kleinstadt mit den vielen kleinen und großen Geheimnissen ihrer Bewohner. Und die Religiosität im amerikanischen Osten. Zusammen ergibt sich in diesem Roman eine unausgegorene Mischung mit vielen Längen. Wer jedoch gern sogenannte Ladythriller liest, wird vielleicht auch dieses Buch mögen.



























