Hunkeler zwischen Polizeiarbeit und Ruhestand

?Hunkeler und die Augen des Ödipus? ist bereits der achte Roman von Hansjörg Schneider um den Schweizer Kommissär. Die vorigen Bände waren mir bei der Lektüre des aktuellen Romans nicht bekannt, zum Verständnis ist dies auch nicht unbedingt nötig, wenn auch die kurz aufeinander folgende Vorstellung vieler Personen im ersten Drittel etwas verwirrend war.
Der verschwundene Regisseur
Der Theaterintendant Bernhard Vetter verschwindet nach einer Vorstellung, bei der ?König Ödipus? gegeben wurde. Die Inszenierung führte zu einem Eklat, dem Regisseur des Stücks wurden zwei Zähne ausgeschlagen. Hat Vetters Verschwinden seine Ursache in den ganz speziellen Kreisen des Theaters? Oder hat ihn womöglich ein eifersüchtiger Nebenbuhler getötet ? Vetter war schließlich eine Liebesbeziehung zu der jungen und attraktiven südamerikanischen Tänzerin Simone eingegangen? Diese Simone jedenfalls ist schon vor Vetter verschwunden?
Kommissär Hunkeler hat nur noch 6 Wochen bis zu seiner Pensionierung, ein Umstand, dessen Auswirkungen durch den gesamten Roman hindurch spürbar sind. Während die Basler Polizei sich auf die Suche nach Bernhard Vetter macht, erinnert sich Hunkeler auf der einen Seite an seine Vergangenheit und versucht auf der anderen ? mal mehr, mal weniger erfolgreich ? sich mit dem Gedanken an die baldige Veränderung anzufreunden. Die Zwiespältigkeit, die die bevorstehende Pensionierung in Hunkeler auslöst, wird gut transportiert, die Depression, in die der Kommissär zeitweilig zu stürzen droht, wird glaubwürdig dargestellt und ist berührend. Die betreffenden Stellen gehören zu den besten im Roman.
Der Polizist im Theater
Die Leitung der Untersuchung liegt wegen der bevorstehenden Pensionierung Hunkelers bei seinem Kollegen Madörin. Es kommt zu Spannungen zwischen den beiden. Hunkeler kann es natürlich nicht lassen und beginnt, auf eigene Faust zu ermitteln. Er begibt sich in die Theaterkreise, zu denen er einst, bevor er die Polizeilaufbahn einschlug, selbst gehört hatte. Seine Erfahrungen aus dieser Phase sind ihm dabei eine gute Hilfe. Er trifft auf einen alternden Schauspieler, dessen beste Zeit hinter ihm liegt, auf einen Regisseur, der durch seine moderne Inszenierung Aufsehen erregt und auf Journalisten, die sich die Wahrheit so drehen, wie sie ihnen am besten passt.
Sympathischer Protagonsit und solider Krimi
Kommissär Hunkeler ist ein sympathischer Protagonist, die Ausführungen zur Theaterwelt und zum Basler Kulturleben sind interessant zu lesen. Die Sprache Schneiders ist schnörkellos wo Schnörkel unangebracht wären. Trotzdem hat mich der Roman nicht richtig fesseln können. Hunkeler ist mir oft fremd geblieben, sein Privatleben wird nur angerissen. Gern hätte ich etwa mehr über die Beziehung zu seiner Frau erfahren. Diese Handlungsstränge werden schnell wieder verlassen. Leider birgt auch die Auflösung des Falls keine großen Überraschungen und verpufft ohne allzu großen Spannungsaufbau. Hier werden viele Themen mit Potential angegangen, aber keins befriedigend weiter geführt. Alles in allem ein solider Krimi um einen sympathischen Helden zwischen Arbeitsleben und Ruhestand.
232 Seiten
Verlag: Diogenes (August 2010)
19,90 Euro



























