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PsychoCiety

Homo Internet oder kleine Neros

Vielleicht geht das jedem so, der im Internet sogenannten Content d.h. Inhalte einstellt, also seine geistige Arbeit präsentiert in Form eines Blogs, Filmbeiträgen oder in Artikeln in Zeitschriften, die auch online erscheinen: Man wird manchmal unglaublich schonungslos angegriffen, mit Worten und Behauptungen, die einem so im normalen zwischenmenschlichen Alltag niemals begegnen.

Katharina Ohana, Psychologin, Bestsellerautorin und academicworld-Expertin, Foto: Privat

Das reicht von schulmeisternden Schlaumeierein bis hin zu Spekulationen über den psychischen Zustand. Selten ist es gut begründete, durchdachte Kritik, über die sich jeder Schaffende freut.

Der Mensch identifiziert sich gerne mit Menschen, die er bewundert, die sich aus der Anonymität heraus trauen, etwas zum Vortrag, zur Darstellung bringen. Er lässt aber auch gerne die anderen den Kopf hin halten und schaut lieber zu, versucht durch die Identifikation mit den Protagonisten etwas zu erleben und zu lernen und ist froh sich nicht draussen in der Manege zu befinden und selbst kämpfen zu müsse.

Die emotionalen Reaktionen von Zuschauern reichen deshalb von Mitgefühl bis Schadenfreude: Schließlich bekommt der da im Rampenlicht ja auch die Aufmerksamkeit. Dafür muss er dann aber auch mit der Meinung der Zuschauer rechnen, denn schließlich wird ja die ganze Show für diese abgehalten.

Doch der Zuschauer ist der Show auch ausgeliefert, kann nur zu- oder wegschauen und bestimmt eben nicht aktiv an deren Gestaltung mit, sondern hebt oder senkt NUR den Daumen. Vielleicht entsteht gerade aus seiner Ohnmacht oder seinem Neid auf die Aktiven diese Lust am Urteil: Wer urteilt, verurteilt, scheint doch mitwirken zu können. Er schwingt sich zum Richter auf, jemanden der über den Dingen steht, genau weiß, was das alles (ihm) wert ist. Er macht sich selbst wichtig.

Neben Google Maps, Homebanking, dem Kulturveranstaltungskalender und Wikipedia, die unser Leben ungemein vereinfachen, wird das Internet zum Magneten für alle unreifen Persönlichkeitsstrukturen, alle Neurosen: Bindungslose Stubenhocker finden hier Kontakt, Perverse Objekte ihrer Begierde, Neider Ventile für ihre Missgunst und Größenwahnsinnige ihre Illusionswelten ? alles auf Knopfdruck und bequem vom Sessel aus. Sie müssen sich ihren Mankos nicht mehr im richtigen Leben stellen, die Motivationsenergie des Leidensdrucks, kompromittierende Situationen werden vermieden: Triebabfuhr in eine Endlosschleife, am Existenzminimum. Niemand zwingt sie mit realen Reaktionen sich ihren Problemen zu stellen.

Was aber wird aus dem simplen mehr oder weniger neurotischen Zuschauer, der eigentlich nicht selbst gestalltet, der sich mit seiner Meinung, seinem Verhalten nie der Öffentlichkeit stellt, der es lieber genießt, andere über die Klinge springen zu sehen oder sogar noch nachhilft? Was wird aus all den anonymen Richtern und Besserwissern? Wie wird es ihnen am Ende gehen, bei ihrem Rückblick auf ihr Leben? Werden wir irgendwann die erste Generation von Internetnutzern in den Altersheimen sitzen haben, die sich fragen, ob ihnen das Internet ihr Leben aus den Fingern gesaugt hat, sie ruhig gestellt hat wie ein schweres Psychopharmaka?


Die Rechnung wird immer am Ende gemacht und für manche Menschen ist sie dann sehr hoch.

 

Katharina Ohana moderiert als Psychologin und Philosophin für verschiedene Fernsehsendungen. Ihr neues Buch ?Gestatten: Ich ? Die Entdeckung des Selbstbewusstseins? ist beim Gütersloher Verlagshaus erschienen und erklärt die Entstehung unserer Persönlichkeit und unserer Probleme ? und wie wir sie loswerden können.

Mehr von ihr gibt es auf  KatharinaOhana.de

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