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Film

Groupies bleiben nicht zum Frühstück

Berlin Backstage: ?Groupies bleiben nicht zum Frühstück?

Foto: Disney

Eine Geschichte wie ein Märchen: Cinderella trifft auf Prince Charming, verzaubert ihn, und beider Welten werden eins. Süß! Während früher gerne auf einen ritterlichen Adligen gewartet wurde, muß es heute schon ein sexy Rockstar sein, damit die Dame Feuer fängt. Dann wird ihm auch verziehen, wenn er statt zu Pferd nur mit dem Skateboard vorbeikurvt.


Rock-Romanze


Lila (Anna Fischer) schnarcht im Schlaf. Und zwar so furchterregend, daß sie die sprichwörtlichen Toten aufwecken könnte. Ansonsten aber gibt es nichts Negatives über die entzückende 17jährige zu sagen, die gerade mit dem Flieger von einem Aupair-Aufenthalt in den U.S.A. zurückgekehrt ist. Nach 12 Monaten im texanischen Hinterland ist sie nicht nur ausgehungert nach ihrer großstädtischen Heimat Berlin, sondern gänzlich uninformiert über aktuelle Mediensensationen. Als sie Chriz (Kostja Ullmann) kennenlernt, ahnt sie zunächst nicht, daß sie dem begehrten Leadsänger der schwer angesagten, bei den primär weiblichen Fans Massenhysterien auslösenden Band ?Berlin Mitte? in die Arme gelaufen ist. Die zwei mögen sich auf Anhieb, sind sie doch gewissermaßen ?Naturkinder? geblieben. Trotz des rasanten Erfolges seiner Band, der ihn in ein paar Tagen zu einer Tournee durch Amerika führen wird, hat sich Chriz eine ehrliche Freundlichkeit bewahrt, und Lila besitzt sowieso einen unvergleichlich pfiffigen Jungmädchencharme. Die beiden sind füreinander geschaffen.
Nur das böse Management will es anders. ?Berlin Mitte? und vor allem Chriz haben nach strengen Marketingstrategien zu funktionieren, die keinerlei Eklat zulassen, wobei eine Liaison den schlimmsten Skandal bedeuten würde. Für die Fans, meist präpubertäre, zum spontanen Kreischanfall neigende Mädchen, soll Chriz der hübsch-aseptische Posterboy bleiben, niedlich genug für harmlose Phantasien, doch letztlich unerreichbar. Manager Paul (Roman Kni?ka), der sich auf die Kunst versteht, aalglatt und gleichzeitig schmierig zu sein, wacht hierüber mit Argusaugen, ohne zu ahnen, daß es wahre Liebe nicht nur in Popballaden, sondern auch im richtigen Leben gibt.


Sommergefühle

Das richtige Leben in ?Groupies bleiben nicht zum Frühstück? ist natürlich nur ein Teenietraum, angesiedelt im hippen Zwischenreich von VIVA und ?Bravo?-Magazin, am Laufen gehalten von YouTube und Twitter. Substanz ist nichts, Hype alles. Dazu paßt, daß ?Berlin Mitte? Mainstream-Rock jener Sorte bietet, die zum einen Ohr hineingeht und aus demselben wieder herausfällt: einmal gehört, zweimal vergessen, dennoch ganz okay. Auch die filmische Erzählung bietet im Prinzip nichts Neues, kombiniert trendige Klischees mit märchenhaften Elementen, kreuzt Romantik mit Rock. Gleichwohl funktioniert sie, weil sie das alles mit musikalischer Verve und lockerer Liebenswürdigkeit erzählt. Mangelnde Originalität wird keineswegs kaschiert, sondern mit Hilfe humorvoller Details vergessen gemacht oder gleich in Ironie verwandelt.
Daß die Story über weite Strecken trägt und nur dann etwas an Fahrt verliert, als ein kleines Drama der Mißverständnisse sich einzuschleichen beginnt, ist ebenso der zwanglosen Regie von Marc Rothemund wie dem erfreulich witzigen Drehbuch mit all seiner lässigen Situationskomik zu verdanken. Völlig unangestrengt wird ein sommerlich luftiges Lebensgefühl beschworen, das es real vielleicht nicht gibt, aber das sehr sympathisch rüberkommt. Etwa wenn Lila und Chriz bei ihrem ersten gemeinsamen Streifzug auf einem Spree-Ausflugsdampfer voller fideler Senioren landen, mutig Volkslieder mitsingen und Lila die Fans, die von einer Brücke aus Chriz zujubeln, mit einem fröhlichen Kopfschütteln als kuriose ?Touris? mißversteht.


Normaler Wahnsinn


Mit Lila hat Chriz eine patente Gefährtin gefunden, die das Leben aus der normalen Alltagsperspektive kennt. Zusammen mit ihrer verständnisvollen Mutter (Inka Friedrich) und der kecken 12jährigen Schwester Luzy (Amber Bongard) lebt sie ein glücklich-chaotisches Familienleben in Schöneberg, das zwar einst den Unfalltod des Vaters verkraften mußte, ansonsten jedoch von tiefer, meist geschickt in launigen Scharmützeln versteckter Zuneigung getragen wird. Und bei Liebeskummer gibt es in Herzform geschnittene Trostmöhrchen. Selbst als die Mutter endlich wieder einen Partner, den deutlich jüngeren, fürsorglichen Tom (Ben Braun), gefunden hat, ergeben sich Möglichkeiten, ihn und sein Taxi in den täglichen Wahnsinn zu integrieren. Darüberhinaus stehen Lila mit dem verschrobenen Hobbybotaniker Gustav (Josef Mattes) und der kessen Berliner Göre Nike (Nina Gummich) zwei treue Freunde zur Seite.
Im Gegensatz dazu bewegt sich Chriz in einer Welt, wo er Autogramme für Mädchen mit verwirrenden Namen wie La Toya-Nicolette schreiben, schwachsinnige Handy-Spots drehen oder sich im Fünf-Minuten-Dauerlächeln versuchen muß. Überhaupt scheint es mit dem exzessiven Dasein als unartiger Rockstar nicht weit her zu sein. Anstatt stilecht Hotelzimmer zu zerlegen, werden heutzutage ausgelassene Kissenschlachten gefeiert, und Rendezvous enden nicht mit einem heißen One-Night-Stand, sondern ganz allein im Jugendzimmer der kleinen Schwester. Als Chriz dort am nächsten Morgen aufwacht und ihm sein eigenes Konterfei von unzähligen Postern entgegenschmachtet, bekommt er einen Schreikrampf. So fühlt es sich also an, vom Erfolg eingeholt zu werden.


Glücksfall


Der Titel der unbeschwerten Komödie hört sich zwar mehr nach Fernsehfilm an, und auch die Kamera orientiert sich mit ausgesprochen vielen Close-Ups eher an einer fernsehgerechten Optik ohne Finesse. Dafür sind die Darsteller umso gewitzter, allen voran die reizende Anna Fischer. Ihre ungekünstelt-frische, sich nie im oberflächlich Heiteren verlierende Aufgewecktheit umgibt sie mit einem entwaffnenden Zauber, von dem das blondierte Harpyien-Quartett aus ihrer Schulklasse nur träumen kann. Kein Wunder, daß Chriz die Nähe der quirligen Lila sucht, mit ihr ungenießbares Essen kocht, alternativ Tiefkühlpizza auftaut, ihr während eines Megakonzertes einen Song widmet und sie auf die Dachterrasse seines prächtigen Luxushotels entführt, romantisches Küssen mit Panoramablick auf das nächtliche Berlin inklusive.
Diese amüsante Lovestory verlangt natürlich ihr genremäßiges Happy-End, für das zuletzt irgendwie alle Beteiligten ein bißchen verantwortlich sind: Familie, Freunde, die ebenfalls auf dem Boden gebliebenen Bandkollegen von Chriz oder dessen bulliger, Sinn für Herzschmerz beweisender Bodyguard Horst (Michael Keseroglu). Manchmal ist Glück eben Gemeinschaftsarbeit. Das darf als Fazit aus einem netten, weltfernen Film mitgenommen werden, der nicht so cool wie ein Punkrock-Konzert, aber weitaus smarter als ein Blaskapellen-Umzug ist. Selbst das Problem mit Lilas Schnarcherei hat sich erledigt, weil Chriz seit seinen Bühnenauftritten eh etwas schlechter hört. Kein Zweifel: Das Paar hat Zukunft.


(Nathalie Mispagel)

Anna Fischer und Kostja Ullmann - zwei, die im Film eine Zukunft haben; Foto: Disney

Kinostart: 16. September 2010

Regie: Marc Rothemund
Mit Anna Fischer, Roman Knizka, Kostja Ullmann, Amber Bongard

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