Seite empfehlen
Drucken
Buch

Grandes: Das gefrorene Herz

Álvaro ist auf der Beerdigung seines Vaters, als er Raquel zum ersten Mal sieht. Sie betritt den Friedhof und scheint auch zur Beerdigung seines Vaters zu wollen, bleibt jedoch weit entfernt stehen und beobachtet nur. Ihre Blicke treffen sich ehe sie wieder verschwindet. Álvaro wundert sich über diese Fremde, die scheinbar eine Rolle gespielt hat im Leben seines Vaters, doch er ist der Einzige, der sie gesehen hat.

Als sie sich wenige Tage später treffen, ist es Zufall, doch dabei bleibt es nicht.

Die Summe seiner Teile

Das Ganze wird erst dann mehr als die Summe seiner Teile, wenn diese voneinander erfahren.

Diesen Satz erklärt Álvaro Raquel bei einem ihrer ersten Treffen, und er soll sich wie ein Faden durch ihre Geschichte ziehen.

Während Álvaro eigentlich noch damit beschäftigt ist, mit dem Tod seines Vaters zurechtzukommen, sich um seine Mutter, Geschwister und Erbangelegenheiten zu kümmern, verliebt er sich Hals über Kopf in Raquel.

Nicht nur aufgrund der Tatsache dass er verheiratet ist und einen Sohn hat, sondern auch weil Raquel sich als die Geliebte seines Vaters ausgibt, hat er seine Zweifel an dieser Verbindung. So beginnt er - eigentlich auf der Suche nach der wahren Identität seines Vaters - Nachforschungen über seine eigene Familie anzustellen. Dabei findet er eine längst verstorbene Großmutter und einige Dokumente, deren Bedeutung auch Raquel kennt, doch sie spricht mit ihm nicht darüber aus Angst, alles kaputt zu machen.

Spanische Geschichte

Parallel zu dieser Geschichte der Gegenwart, die in Madrid spielt, wird zurückgeblendet auf die Vergangenheit Spaniens, den Bürgerkrieg und den zweiten Weltkrieg. Erzählt wird die Geschichte der Familie Fernández, Raquels Familie, und die Geschichte der Familie Carrión, Álvaros Familie.

Raquels Großvater hat viel erlebt und ist dem Tod mehrmals nur knapp entkommen, was soweit führte, dass er sein Land, Spanien, nicht mehr ertragen konnte. Erst als er schon sehr alt ist, geht er mit seiner Frau zurück, von Paris nach Madrid. Seine Sonntage verbringt er mit Raquel, meistens machen sie große Spaziergänge. Eines Sonntages nimmt er sie an die Hand und sagt, er möchte mit ihr einen alten Freund besuchen. Als sie dort ankommen, öffnet eine junge Frau die Tür und erschrickt beim Namen des Großvaters merklich. Während Raquel mit den Kindern spielt, spricht der Großvater mit dem Vater der Familie, und dann müssen sie ganz plötzlich gehen. Auf dem Heimweg setzen sie sich auf eine Bank und der Großvater fängt an zu weinen. Schließlich bittet er seine Enkelin, der Oma nichts von diesem besonderen Tag zu erzählen.

Álvaros Vater, Julio, hat es in Zeiten der Kriege ebenfalls schwer, doch mit kleineren und größeren Tricks schafft er es am Ende, sich Geld zu beschaffen und mit seiner Frau ein Leben aufzubauen. Dass er dieses Geld nicht ehrlich verdient hat, sondern durch Verrat einer Familie, deren Vertrauen er schamlos ausnutzt, kommt erst heraus, als es nicht mehr zu ändern ist.

Herausforderung für den Leser

Almudena Grandes erzählt abwechselnd die moderne, leidenschaftliche Liebesgeschichte von Álvaro und Raquel und die schwierige, von Verlust und Krieg geprägte Geschichte ihrer Vorfahren. Eine Herausforderung an den Leser besteht darin, all die vielen Personen in den Passagen der Vergangenheit auseinanderzuhalten und richtig einzuordnen, doch dafür gibt es im Buch glücklicherweise Stammbäume, zu denen man immer wieder blättern kann.

Dass Álvaros und Raquels Geschichte enger miteinander verwoben ist, als auf den ersten Blick klar ist, stellt keine Überraschung dar, doch wie, das ist so tiefschichtig, dass es tatsächlich erst im hinteren Drittel des Buches klar wird. In der Tat ist es nicht gleich offensichtlich, wie sich die Geschichten, die vergangene und die gegenwärtige, am Ende auflösen werden.

Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile - ein Satz, der immer wieder aufgegriffen wird, und dieses Buch treffender beschreibt als alles andere.

Sarah Brodacz

Almudena Grandes

Das gefrorene Herz

960 Seiten

24,90 Euro

rowohlt Verlag

 

Serie: 21 Fragen

Menschen des 21. Jahrhunderts:
Tom Kummer, der Faker

21 Fragen an: Tom Kummer

Tom Kummer arbeitete ab 1993 als Hollywood-Korrespondent für die Magazine der Süddeutschen Zeitung und des Tages-Anzeigers sowie als freier Journalist (unter anderem für Die Zeit, Der Spiegel, Frankfurter Allgemeine und Stern). Zudem ist der gebürtige Schweizer Autor mehrerer Bücher. Im Jahr 2000 löste Tom Kummer einen Presseskandal aus, als bekannt wurde, dass er zahlreiche Interviews mit Prominenten, die im SZ-Magazin erschienen waren, gefälscht hatte. 2010 drehte der Regisseur Miklós Gimes einen Dokumentarfilm namens "Bad Boy Kummer" über den umstrittenen Journalisten, der heute als Tennist...


Die Berufseinsteigerfrage

Wie komme ich auf den Radar von Headhuntern und anderen Arbeitgebern?

Die Berufseinsteigerfrage:

„Ich bin seit zwei Jahren als Chemiker bei einem großen Pharmaunternehmen in einer leitenden Position tätig. Ich suche eine neue Herausforderung in den nächsten zwei bis drei Jahren, möchte aber die potenziellen Arbeitgeber auf mich zukommen lassen und nicht selbst blindwütig Bewerbungen schreiben. Was halten Sie davon, sich über Fachbeiträge zu bestimmten Branchenthemen oder über die Teilnahme an Diskussionen eine gewisse öffentliche Reputation aufzubauen, die mich über das Internet leicht auffindbar machen? Oder, anders gefragt, wie bekomme ich am besten ein öffentliches Profil als Experte, um Headhunter und neue Arbeitgeber auf mich aufmerksam zu machen? Ich rede jetzt nicht von einem anbiederndem XING-Profil, sondern von etwas mit Klasse.“ Patrick S. (30), Frankfurt


Serie: Netzperlen

Diese Woche: People of Walmart

Netzperlen:

Wenn man sich in den USA amüsieren will, geht man einfach in den Walmart. Warum es dieser Discounter hierzulande einfach nicht geschafft hat und nach nur wenigen Jahren wieder das Deutschlandgeschäft beendet hat - angesichts dieser Bilder kann man nur den Kopf schütteln. Wir würden sogar Eintritt za...


Serie: Studenten fragen Professoren

Wie viel Schlaf brauche ich eigentlich?

Studenten fragen Professoren: Alltagsfragen