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Meine Meinung - von Ulf D. Posé

Gib den Dingen den richtigen Wert!

Es ist schon komisch, wenn nicht sogar lustig; in den meisten Fällen jedoch eher traurig. Die Wertewelt ist etwas durcheinander geraten.

von Ulf D. Posé, dem Experten für Unternehmens- und Vertriebskultur auf www.academicworld.net

 

 

Die Wertewelt der Kinder kann ein gutes Leitbild darstellen

Im Ethikkodex der Firma Katalysator-IT steht: „Unsere Kunden behandeln wir fair.“ Der Vertrieb hat hier die Aufgabe bekommen, ein bestimmtes Produkt an den Mann zu bringen. Und das geschieht auch.  Fairness bleibt da durchaus auf der Strecke. Also haben wir hier einen Wert, der sich im Handeln nicht wieder finden lässt. Damit ist der Wert nichts wert! Der wahre Wert, also der gelebte Wert lautet: „Wir müssen auf Teufel komm heraus erfolgreich sein.“

Leben wir also in einem Wertevakuum? Nein. Wir leben nicht in einem Wertevakuum, auch wenn es immer wieder behauptet wird. Nein, wir ersticken geradezu an Werten. Dabei haben wir Werte, die schön formuliert immer wiederbegeistern, und wir haben Werte, die gelebt werden, jedoch nirgendwo geschrieben stehen.

Werte sind letztlich das Wünschbare. Menschen handeln immer nach Werten, nach dem, was sie sich wünschen. Schon unser Grundgesetz enthält einige Werte. In der Präambel steht im Artikel 1   der wohl wichtigste Wert, den wir I. Kant verdanken: „Die Würde des Menschen ist unantastbar, sie zu achten und zu schützen ist Aufgabe aller staatlichen Gewalt.“  So weit, so gut. Nur: handeln wir auch danach? Das ist sie entscheidende Frage. Mir scheint manchmal der tatsächlich gelebte Wert unseres Landes zu sein: „Wohlerworbene Besitzstände sind unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Aufgabe aller staatlichen Gewalt.“ Schaue ich mir nämlich das Handlungsspektrum unserer Behörden an, dann wird selten etwas unternommen, wenn die Würde von Menschen verletzt wird, wenn also Menschen verzwecklicht, funktionalisiert werden.

Das ist in Unternehmen nicht anders.  In wunderbaren Ethik-Kodizees stellen tolle Sachen. Nur hält sich kaum jemand daran. Wenn ich feststellen möchte, welche Werte gelebt werden, dann muss ich mir anschauen, was jemand tut.  Oder ich schaue mir an, wann jemand für andere wertvoll, etwas Besonderes ist. Die tatsächlich gelebten Werte in den meisten Unternehmen lassen sich auf vier Werte reduzieren. Diese Werte bestimmen die Welt der Erwachsenen. Diese Werte lauten: Erfolg, Reichtum, Macht und Leistung. Ein Mitarbeiter ist dann für das Unternehmen besonders wertvoll, wenn er ein Leistungsträger ist, wenn er zum Erfolg entscheidend beiträgt, wenn er Karriere macht, also mächtig wird und wenn er zum Reichtum erfolgreich beiträgt. Wie man das feststellen kann? Nun, ganz einfach. Ein Mitarbeiter ist dann nichts mehr Wert, wenn er erfolglos ist, ohnmächtig, arm und leistungsschwach.

Dabei ist gegen diese vier Werte zunächst nichts einzuwenden. Was soll falsch sein am Erfolg, an Reichtum, an der Macht und der Leistung? Diese Werte werden dann gefährlich, wenn sie absolut gesetzt werden, also allein über den Wert eines Mitarbeiters entscheiden. Diese vier Werte sollten demnach von anderen Werten begleitet, kontrolliert werden. Welche Werte können das sein? Eigentlich ganz einfach. Wir müssen uns nur in der Wertewelt der Kinder bedienen. Wir wachsen nämlich mit den vier Werten der Erwachsenenwelt nicht auf. Erfolg, Reichtum, Macht und Leistung spielen für Kinder keine Rolle. Denen sind sie nichts wert. Kinder haben andere Werte, ebenfalls vier. Danach richten Kinder ihr Leben aus. Diese Werte sind: Wohlwollen, Dankbarkeit, Verzeihen-können und im-Kleinen-glücklich-sein. Erst wenn Kinder zu Teenagern werden, in die Welt der Erwachsenen eintauchen, werden die anderen Werte wichtig. Die große Frage dabei ist, ob es gelingt, die Werte der Kinder in die Welt der Erwachsenen hinüber zu retten, damit die Werte der Kindwelt die Werte der Erwachsenenwelt ein wenig kontrollieren.   

Wenn es in einem Unternehmen gelingt, Mitarbeiter mit Wohlwollen, Dankbarkeit und Verzeihen-Können zu führen, dann bekommen Erfolg, Reichtum, Macht und Leistung einen vertretbaren Stellenwert, dann werden sie nicht mehr absolut gesetzt. Dann kann man damit verantwortungsvoll und werteorientiert umgehen.




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