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Fernweh

Geschichten in Nairobi

An Nairobi kommt man kaum vorbei. Der Flughafen, die Botschaft, Verwaltungen, Veranstaltungen, Banken, Organisationen – wenn ich nach Kenia komme, muss ich zwangsläufig durch seine Hauptstadt.

von Laura Künzig

Street Art in Nairobi

Als ich vor dreieinhalb Jahren zum ersten Mal aus dem bayerischen Dorf als Freiwillige in die Metropole kam, hielt ich es hier genau zwei Monate aus. Die restlichen drei verbrachte ich in ländlichen Gegenden im Westen Kenias, wo ich mich wesentlich wohler fühlte. Doch spätestens kurz vor dem Rückflug fand ich mich in den Menschenmassen wieder, zwischen den hohen Gebäuden, in all der Werbung und der Straßensymphonie von Großstadtgeräuschen. Inzwischen gewöhne ich mich an die Stadt. Ich habe zumindest Kleinstadterfahrungen in Europa gesammelt, finde mich langsam im City Center zurecht und am Ende machen doch immer die Menschen die Stadt und ich habe hier schon so viele liebe Leute (wieder)getroffen, dass ich Nairobi zumindest respektieren, wenn auch noch nicht lieben kann.

Zur Zeit streikt das Lehrpersonal in Schulen und Universitäten, weil die Regierung eine Abmachung, die schon von mehreren Jahren getroffen wurde, immer noch nicht erfüllt hat. Das Ganze hat auch noch einen politischen Aspekt, weil demnächst Präsidentschaftswahlen stattfinden sollen, und es bringt die ewig geführte Debatte um das Bildungssystem auf einen neuen Höhepunkt. Aber das bekomme ich alles nur aus dem Radio mit.


Mein persönlicher Eindruck ist, dass es genau drei Dinge gibt,die die Leute in Nairobi tun: kaufen, verkaufen oder unterwegs sein. Meistens sind die Straßen und Gehwege und Abkürzungen und Busse und Zugwaggons und Autos und überhaupt – voller Menschen, die immer irgendwo hin gehen oder fahren, zum Beispiel zum Supermarkt, oder in einen anderen Laden, oder zum Kiosk, oder zum Markt, um etwas zu kaufen…

Aber am Wochenende habe ich gesehen, dass es in Nairobi auch Leute gibt, die lesen: Auf dem Storymoja Hay Festival für Literatur, das im National Museum stattfand. Ich habe mich im letzten Jahr in diversen Seminaren meiner Uni mit junger kenianischer Literatur beschäftigt, das machte das Event so interessant für mich. Es waren so manche Schriftstellergrößen da, die vorgelesen und diskutiert haben. Von “DER afrikanischen Literatur” war da die Rede, und wer diese produziert, und wer sie als solche definiert. Und von “DER kenianischen Mittelklasse”, die vor allem auf der Veranstaltung präsent war. Das umgerechnet knapp zehn Euro teure Tagesticket kann sich nicht jeder leisten. Es war ein merkwürdiges Gefühl, zu der privilegierten Klasse zu gehören, die mir in Deutschland eher fremd ist.


Die Diskussionen waren jedoch sehr inspirierend und spannend. Auch die Gäste und Besucher, die daran teilnahmen, sprachen selbstkritisch von der “bequemen Mittelklasse”, die twittert, während in Tana River vermutlich politisch motivierte Massenmorde geschehen. Und sie kommen zu dem Schluss, dass es an der Zeit ist, darüber hinaus zu gehen, aktiv zu werden, mit Leuten auf dem Land zu sprechen, die überforderte Regierung herauszufordern und schließlich: zu schreiben. Denn eine Sache wurde sehr deutlich auf dem Festival: Egal ob Kenianer oder Nigerianerin oder Deutsche oder Amerikaner oder alles zusammen oder nichts davon – Autoren und Poetinnen schreiben, was sie interessiert und beeinflusst, und das kann manchmal die Welt verändern.

Mehr von Laura Künzig gibt es auf blog.daad.de/go-out/author/lkuenzig/




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