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Urban Buhmann

Gentries gegen Gentrifizierung

Willkommen im Viertel, ihr Arschlöcher! Den Schlachtruf der Gentrifizierungsgegner kennt jeder Großstädter. Wenn fremde Besserverdiener in die Nachbarschaft ziehen und die Mieten zu steigen drohen, beginnt der Kampf ums "eigene Viertel". In das der klassische Gentrifizierungsgegner im Normalfall vor etwa zwei, drei Jahren gezogen ist ...

Bayrisch. Viele Bewohner von Untergiesing können das nicht lesen.

 

 

 

 

 

 

 

Ich habe vor kurzem die "Aktionsgruppe Untergiesing" bei Facebook entdeckt. 

Untergiesing ist ein isar- und zentrumsnaher Stadtteil in München, früher als Arbeiterviertel und 1860-Hochburg bekannt. Der Aktionsgruppe Untergiesing geht es laut Eigendarstellung „um Aufklärung und Sensibilisierung“. Ihr Ziel sei es, den Lokalpatriotismus im Sinne von Stadtviertelbewusstsein zu wecken.

Oder kurz gesagt: Es geht um Gentrifizierung.

Ich habe vor knapp 20 Jahren selbst einige Jahre in Untergiesing gewohnt. Wenn man erwähnte, wo man wohnte, sogen die Gesprächspartner oft scharf die Luft ein und machten dieses Geräusch, das man normalerweise macht, wenn man erzählt, man habe sich den Fingernagel bis aufs Blut eingerissen.

In Untergiesing gab es damals noch keine U-Bahn-Station, Untergiesing war als  Arbeiterviertel bekannt, wo am Samstag morgen die Kassiererinnen im Supermarkt mit Sechzger-Schals an der Kasse saßen, wenn oben am Giesinger Station ein Heimspiel anstand. Das hatte alles seinen Charme, aber schöner wohnen war was anderes.

Ich hatte damals einen klaren Deal mit Untergiesing: Du kostest wenig und ich beschwere mich nicht. Denn klar ist: Wenn man 350 Mark warm für sein Zimmer zahlt, dann muss man auch akzeptieren, dass etliche Mutanten bei dir im Haus wohnen. Zum Beispiel fand ich eines Tages zusammen mit einer Mitbewohnerin einen Arm in der Stockwerksdusche. Immerhin war es nur eine Prothese ...

Und ich erinnere mich einen älteren Briten, der sich Freitag Nachmittag immer nach der Arbeit so die Kante gab, dass er gerne mal im Gang schlief oder auch einfach nur einen Haufen dort machte.

Eigentlich gab es nur zwei Arten von Bewohnern in meinem Haus: Studenten und Mutanten. Und ein Mischwesen aus beidem namens Raimund, aber das ist eine andere Geschichte. 

Außerhalb des Hauses gab es Stehausschänke, (echte) Oma-Cafés und Obdachlosenheime - statt Kneipen, Clubs und Restaurants. Aber das war der Deal. Bei 350 Mark warm ist es auch völlig okay, mal Taxi zu fahren, um von woanders nach Hause zu kommen.

 

Glasscherbenviertel mit Glasscherbenviertelmiete. Ein klarer Deal.

 

academicworld-City-slicker

Urban Buhmann lebt in München und streift ausgiebig durch Straßen, Bars und Grünflächen. 

Jetzt hat Untergiesing die U-Bahn-Station Candidplatz, mehr Grün, hübsche Restaurants und Kneipen und noch immer ziemlich billige Mieten. Kein Mensch muss sich mehr schämen zu sagen, er wohne hier. Ein kommendes In-Viertel entstehe hier, sagt man - denn nahe an der Isar war es schon immer gelegen.

Es heißt bei solchen Vierteln ja gerne, sie würden von Künstler ob der günstigen Mieten entdeckt. Nach und nach ziehen dann auch Normalos zu und schließlich kommen die bösen Investoren und mit ihnen Unternehmensberater, Anwälte und Werber – und die Mieten steigen exorbitant, wodurch die Künstler, die das Viertel urbar gemacht haben, aus ihren Wohnungen verdrängt werden.

Ob es wirklich diese gewaltige Menge von Künstlern gibt, sei dahingestellt. Das Problem ist eher, dass die Normalos meist über sich denken, sie seien die Künstler. Dabei sind sie die Speerspitze der Gentrifizierung, die Ur-Gentrifikatoren.

Ich kenne niemanden, der ernsthaft behaupten würde, er hätte gerne die alten Zustände zurück. Allerdings finden die Leute irgendwie die Glasscherbenviertelmieten immer noch sehr cool.

Die größten Kritiker der Elche - früher selber welche?

Damit zurück zur „Aktionsgruppe Untergiesing“. Sie spricht von einer Vertreibung alteingesessener Anwohner - nur fragt man sich: Agiert hier nicht das Problem an sich? Denn kaum einer der Aktivisten dürfte länger als zehn Jahre in Untergiesing wohnen. Sind sie also nicht eher Teil des "Problems" als Teil der Lösung? Man kann durchaus davon ausgehen, dass die meisten hier wohnen, weil sie irgendwann entdeckten, dass es hier gar nicht mehr so scheußlich ist, aber die Mieten immer noch günstig sind. 

Sie haben nichts dagegen jetzt auch mal hübsch draußen sitzen zu können. Aber sie haben was dagegen, dass die Mieten steigen. Und sie haben etwas dagegen, dass nun plötzlich Leute mit Geld in ihrem Viertel leben. Dabei sind sie als Lehrer, PR-Berater, Gastronome im Vergleich zu den alteingesessenen Studenten und Arbeitern schon lange selbst Menschen mit Geld.

Mittlerweile hat Untergiesing auch sein erstes hippes  - vietnamesisches – Szenelokal bekommen. Das sieht ebenso wie die Gäste so cheesy und bemüht trendig  aus, als wäre es als Bausatz inklusive Figuren aus der Jungeltern-Postille NIDO gefallen. 

Biofleisch, vietnamesisch, eine kleine Karte und ganz frische Zutaten (wogegen nichts zu sagen ist, nur ist es halt auch mal wieder so wahnsinnig zeitgeistig), die übliche puristische Einrichtung mit „witzigen“ Details: Da leuchtet das Auge des Hipsters! Wenn man den Laden betreten und die Gäste fragen würde, wer schon mal im „Hackerkrug“, dem Vorgänger in diesen Räumlichkeiten, war, würde sich vermutlich keine Hand heben.

Die Betreiberin des Ladens gilt als umtriebige Gastro-Krake, die den Finger ebenso am Puls der Zeit hat, wie ihre Finger in etlichen Münchner Lokalen. Und natürlich ist auch sie selbst in der "Aktionsgruppe Untergiesing".

Irgendwie erschien mir das alles doch sehr verlogen - und führte mich in das Gästebuch der Aktionsgruppe. Nach einem kleinen aber eigentlich ganz freundlichem Scharmützel werde ich nun einmal das nächste Treffen der Aktionsgruppe besuchen. Das schöne an München ist ja doch, dass die Menschen hier nicht allzu bescheuert sind und nicht Kinderwagen anzünden oder ähnliches (unglaublich welch' Idiotie unter dem Deckmantel der Anti-Gentrifizierung gedeiht). 

Ich werde berichten, wie das mit den Gentries von den Gentrifizierungsgegnern so lief …

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Rolf Dobelli ist der Begründer von getAbstract, dem mittlerweile größten Anbieter von Buchzusammenfassungen weltweit. Der Luzerner studierte in St. Gallen Betriebswirtschaft und promovierte an der gleichen Universität. Er war mehrere Jahre lang Finanzchef und CEO verschiedener Tochterfirmen des Swissair-Konzerns und lebte in Australien, Hongkong, England und in den USA. Vor einigen Jahren begann er Belletristik zu schreiben. Sein neuestes Werk heißt "Himmelreich".


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