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Film

Geblendet von der Nacht

Zwei vom Leid gebrochene Menschen begegnen sich in New York. Zwei Rachepläne werden geschmiedet. Zwei Leben verändern sich. Der Thriller „Dead Man Down“, ab 4.4. im Kino, überhöht Tragik zur Neo-Noir-Kunst.

von Nathalie Mispagel, Kinoexpertin auf academicworld.net


Äußerlich und innerlich lädiert: Victor (Colin Farrell) und Beatrice (Noomi Rapace) unterwegs in Sachen Rache

Finstere Pläne

Am Anfang ein schlafendes Baby, am Ende ein Kuß aus Liebe. Bilder des Friedens umrahmen eine Story, die aus Hass geboren wurde und in einem Akt der Gewalt enden wird. Das ist Noir pur: Existenzielle Geschehnisse in exquisiter Düsternis – zu faszinierend und zu dramatisch, um wahr zu sein. Aber nicht zu schön fürs Kino, wo Verzweiflung dem Glück Fristen setzt. 

Victor (Colin Farrell) arbeitet für den Gangsterboss Alphonse (Terrence Howard), der unter anderem in illegale Immobiliengeschäfte verwickelt ist. Neuerdings erhält Alphonse kryptische Drohungen, einer seiner Männer wurde bereits ermordet. Während es in der Unterwelt brodelt, lernt Victor Beatrice (Noomi Rapace) kennen, die im Nachbarblock mit ihrer Mutter (Isabelle Huppert) wohnt. Beider Seelen sind schwer verwundet, nur dass Beatrice nach einem Autounfall ihre Narben offen im Gesicht tragen muss und Victor seinen privaten Verlust hinter schweigsamer Reserviertheit verbergen kann. Um mit dem damals alkoholisierten Unfallgegner abzurechnen, will Beatrice Victor für ihre Zwecke einspannen. Victor jedoch befindet sich längst selbst auf einem Rachefeldzug, der kein Zurück mehr bietet.

Dunkle Poesie

Antihelden wie Victor haben keine Vergangenheit, nur ein Schicksal, das ihr Dasein zu einem fatalistischen One-Way-Trip macht. Der Abgrund ist ihre Zuflucht. In einem New York fern des Manhattan-Glamours vegetieren sie in anonymen Hochhäusern, verstecken in leerstehenden Schiffwracks ihre Sünden und müssen auf Friedhöfen ihre Geheimnisse begraben. Verwitterte Lagerhallen im Hafen fungieren als Kommandozentrale, kleine Cafés als Zwischenstation in ihrem auf ständige Bewegung ausgerichteten Alltag. 

Wunderbar reflektiert wird das von Jacob Groths transparentem Soundtrack, der sich als intensiv fließender, atmosphärischer Klangteppich unter den Bildern entlangwindet. Er macht das fühlbar, was Paul Camerons hochästhetische Kamera sehen läßt. Nächte als farbige Lichterpoesie, Tage als graues Schattenepos. Menschen, konzentriert auf ihre Gesichter; (Stadt-)Landschaft, reduziert auf das Konstrukt. Selten löst sich diese Verdichtung von Raum und Emotion in Totalen auf, die aber auch keine Befreiung verheißen. Nur wenn Victor und Beatrice auf ihren gegenüberliegenden Balkonen stehen, den anderen beobachten oder miteinander telefonieren, weitet sich der Himmel über der urbanen Silhouette. Für Augenblicke scheinen sie auf dem Dach New Yorks zu stehen, sind einander näher als dem Trubel unter sich, sind einander wichtiger als ihre persönliche Vorsehung. Kurzzeitig dekodiert sich beider Trauma zu einem Traum, dem Traum von Trost und Vergessen.

Schwarzer Schmerz

„Dead Man Down“ ist der erste amerikanische Film des dänischen Regisseurs Niels Arden Oplev („Worlds Apart“, „Stieg Larsson – Verblendung“). Mit außerordentlichem Stilbewußtsein nähert er sich dem Film Noir, erfindet ihn zwar nicht neu, gewinnt aber dem Klassischen mit inszenatorischer Raffinesse unerwartet reizvolle Seiten ab. Der bleihaltige Showdown etwa findet in einem Haus statt; gleichwohl fällt dank Sprinkleranlage Regen auf die Protagonisten – wie vergebens vergossene Tränen für alle, die längst tot sind, auch wenn sie noch leben.

Jene Ahnung wird von Beginn an durch eine dramaturgische Bedächtigkeit vermittelt, die perfekt mit Victors Zögern vor dem endgültigen Zuschlagen harmonisiert. Die Angst vor der Rache ist die Angst vor deren fehlendem Sinn. Was ist, wenn nach der Sühnetat der Schmerz bleibt, wenn die Lücke im Leben sich trotzdem nicht schließt, wenn endgültige Entfremdung wartet? Darauf deutet alles in Victors kahler Wohnung hin. Hier atmet nichts Zukunft.

Selbst in den beiden aufregenden Actionsequenzen will sich die Zeit nur mühsam dynamisieren, akzentuiert durch virtuos eingesetzte Slowmotion. Einmal allerdings, als Victor durch ein Treppenhaus vor seinen Häschern fliehen muß, stürzt sich der Blick von oben in den Schacht und fällt ins Bodenlose. Doch auch das ist eine Bewegung ohne Endpunkt. 

„Dead Man Down“, ab 4. April 2013 im Kino

Düstere Gestalten

Im Prinzip bietet J.H. Wymans Drehbuch wenig narrative Innovation. Es ist ein Konglomerat wohlbekannter Erzählmuster und archetypischer Genrefiguren. Darin liegt freilich seine Stärke. Ohne Originalität demonstrieren zu wollen, entwickelt es eine lakonische, nuanciert prägnante Kinovariation, die keinen Moment verschenkt und dennoch jeden hinauszögert. Niels Arden Oplev setzt dies in eine furios angespannte Dramaturgie des Sehens und Beobachtens um. Ob Victors Gangsterfreund Darcy (Dominic Cooper) über Familienfreuden philosophiert, ob Beatrice wieder ihren alten Kosmetikerjob annimmt, ob Alphonse sich vor den Hintermännern seiner dubiosen Deals rechtfertigen muß – jedesmal liegt ein stummer Metatext über dem Gesagten.

Es ist nicht zuletzt das Verdienst einer konsequenten Schauspielerführung, daß der Film auch auf dieser nonverbalen Ebene funktioniert. Colin Farrell, dunkel und schön wie die Nacht, setzt den elegischen Grundton. Noomi Rapace sorgt für die atemberaubende Dissonanz. Ein Mann mit dem resignativen Blick eines Noir-Melancholikers, der alles ersehnt und nichts mehr erwartet. Eine Frau, schier zerrissen und dennoch unbesiegt. 

Schattenhafte Hoffnungen

„Dead Man Down“ ist ein bitterer Rachethriller, der eine fragile Lovestory hätte sein können. Oder umgekehrt. Hoffnung stiehlt sich in solch eine bedrückende Welt, die Vergebung allein als Vergeltung kennt, nur auf Umwegen, und sogar dann bleibt sie ein seltenes Gut. So zerbrechlich wie die vielleicht schönste aller Noir-Liebeserklärungen: „I could love you.“, natürlich nur aus der telefonischen Distanz heraus zu sagen gewagt.

Das hat nichts mit Realität zu tun und alles mit Kinowahrheit. Spätestens in dem Moment, wenn Zaz aus dem Off „Eblouie par la nuit“ erklingen läßt, gibt es ohnehin keine andere mehr.






Dead Man Down
Regie: Niels Arden Oplev
Darsteller: Colin Farrell, Noomi Rapace, Isabelle Huppert, Dominic Cooper

Kinostart: 04. April 2013
Verleih: Wild Bunch Germany




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