Drucken
PsychoCiety

Future-Zone

Amazon möchte zukünftig von allen verkauften E-Books 50% des Verkaufspreises haben (bisher waren es 30%). Die Verlage sollen also zukünftig von ihren 50% die Autoren, das Lektorat, Buchgestaltung, Marketing, PR, Buchentwicklung, etc. bezahlen.

Katharina Ohana, Psychologische Beraterin, Bestsellerautorin und academicworld-Expertin

Und Amazon darf nur für den Vertrieb die anderen 50% behalten. Um Druck auf die Verlage auszuüben, hat sich Amazon gerade eine mittelgroße Verlagsgruppe ausgesucht (Bonnier, die auch Harry Potter herausgeben) und liefert deren gedruckte Bücher einfach später aus: Statt 2 Tage dauert es jetzt 10 Tage, ein Buch zu bekommen.  Und jetzt warten alle darauf, was wohl passiert, wer das Pokerspiel gewinnt. Doch diesmal geht es nicht um irgendein Produkt, es geht um Sinn, Inhalt, Geist. Bücher sind eben nicht bedrucktes Papier bzw. Ansammlungen von Buchstaben.

Der Hintergrund ist, jenseits von ein paar Euro für Bücher und ein paar Tage Wartezeit, ein elementarer Kampf um die menschliche Zukunft, ja um unsere Seelen. Das hört sich erst mal theatralisch an, doch hier geht es wirklich um das ganz große Fass, den Kampf der heutigen Mächte und ihrer Vormacht im Leben der Menschen. Es geht um Lebensinhalt, Lebenssinn, Geist, Wahrheit, Selbstbestimmung. Die Macht des Turbo-Kapitals, die in den letzten 30 Jahren unsere Leben bis in alle Winkel durchdrungen hat, unsere Jobs, unser Sicherheitsgefühl, unsere Arbeitskapazität und Schulerziehung, unsere Partnersuche und unser Selbstverständnis bestimmt, versucht nun über die Informationen und Daten, die wir im Internet hinterlassen, noch tiefer in unsere Leben einzudringen und sie in ihrem Sinne (also im Sinne der Gewinnvermehrung) zu beeinflussen. 

Amazon, Google und co. sind die großen Magneten der Hoffnungen des Risikokapitalismus. Hier werden die Milliarden investiert, die auf dem aufgeblähten Markt des vielen billigen Geldes in der Welt seit einiger Zeit herum schwirren. Hier konzentriert sich der letzte große Glaube auf noch mehr Gewinn, hier will kein Hedgefond die zukünftigen Abschöpfungen verpassen: Kapitalismus funktioniert ja nur über diesen zentralen Glauben an zukünftige Gewinne und nur bei den großen Firmen des Internet gibt es überhaupt noch ein Versprechen auf wertsteigernde Zukunft. Nur leider wird mit dem vielen Geld, was in die Internetfirmen investiert wird, bisher noch kaum Geld verdient. Die gigantische Wertsteigerung, die Amazon, Google und co. ständig für ihre Aktien verzeichnen, besteht eben bisher nur aus Glauben. Amazon ist ein Warenhaus, das mit einer bestimmten Marge Produkte verschickt. Diese Marge ist sehr berechenbar –  selbst wenn Amazon zukünftig bei ein paar E-Books 50% Gewinn machen sollte, statt bisher 30%. Gerade dass an einer solchen kleinen gewinntechnischen Schraube gedreht wird, zeigt, wie begrenzt die Möglichkeiten der Gewinnsteigerungen bei Amazon sind. Amazon macht 74,5 Milliarden Dollar Umsatz, aber nur 274 Millionen Gewinn. (Dazu muss Amazon ab dem 1.1.15 endlich die Steuern in dem Land zahlen, wo die Kunden sitzen, also 19% in Deutschland für jedes in Deutschland gekaufte Produkt - und nicht mehr 3% in Luxemburg, obwohl das Produkt in Deutschland gekauft wurde). 

Die Investoren wollen aber endlich Geld sehen, sie machen Druck auf die Manager und die machen Druck auf die Buchverlage, damit sie ihre Gehälter und Posten rechtfertigen können. Schließlich muss man bei der nächsten Versammlung den Kapitalgebern etwas vorweisen. Da Autoren und Verlage aber sowieso die ganze Zeit um ihre Existenz kämpfen, wird Amazon damit nicht sehr weit kommen. Im Moment schaden sie nur ihrem Image und werden genau für ihre Gewinngier, ihre Arbeitsbedingungen und Ausbeuterverhalten angeklagt. Darüber wundern sich die Manager und Kapitalgeber, als würden sie in einer Welt leben, die die Regeln des Kapitalismus als einzig sinnvoll und gültige darstellen. 

Am liebsten wäre es ihnen, die Autoren würden gleich nur bei ihnen E-Books publizieren. Sie versprechen uns Autoren dafür 70% des Gewinns. Nur seltsamer Weise – und hier kommt die andere Seite im Kampf um unsere Seelen zum Tragen – lassen sich gute Autoren darauf nicht ein. Bücher sind nicht einfach Waren, sie sind eben etwas mehr. Und Autoren sind nicht einfach Menschen, die mit irgendwas Geld verdienen. Sicher brauchen auch Autoren Geld zum Leben, doch die ewige Gewinnmaximierung in der Welt des Kapitals und des Managements ist ihnen fremd oder sogar ihr Feind. Autoren verdienen ohnehin kaum Geld, meist 1,5 Euro pro Buch. Eigentlich dürfte es keinem Manager überhaupt klar sein, warum jemand ein Buch schreibt (außer fürs Ego vielleicht, für den Status, so wie ein Hilfsprojekt ).Wenn ich mir über den Sinn und die Zusammenhänge in unserer Welt Gedanken mache und das andere Leute für lesenswert halten und  ein seriöser Verlag für druckenswert , warum sollte ich dann für ein paar Cent mehr bei Amazon ein unlektoriertes Buch einstellen, dass es nie auf Papier gibt. Und 80% der Bücher werden immer noch als gedruckte Exemplare gekauft? Warum sollte ich meine Motivation zu schreiben, zu analysieren verraten an die Menschen, die ich wie nichts anderes auf der Welt verachte: Manager und Kapitalisten, die nur Gewinn im Kopf haben, nichts von der Welt verstehen, unser aller Leben bedrohen mit ihrer Rückradlosigkeit?!

Der Cyberspace Guru Jaron Lanier hat gerade ein sehr bemerkenswertes Buch über das Internet und unsere Zukunft heraus gebracht: „Wem gehört die Zukunft?“, heißt es. Auch er analysiert die großen Internetkonzerne, deren Gründer er gut kennt, deren Entwicklung er seit 30! Jahren verfolgt. Man könnte ihn den Philosophen des Internet nennen. Er behauptet, die Konzerngründer hätten bei all den Milliarden, die ihre Konzerne wert sind und die sie verdienen eigentlich kein Interesse am Kapitalismus. Sie wollten die Welt verbessern mit dem Internet, das menschliche Leben so organisieren, vereinfachen, entlasten. Leider brauchen und brauchten sie aber das Kapital dazu und das macht jetzt Druck. Da es mit dem Verkauf von Dingen kaum die erwarteten Megagewinne geben wird, wird sich nun auf die Auswertung der gewonnen Daten von uns Käufern und Suchern gehandelt. Nicht nur die NSA/Politik hat daran Interesse, sondern auch die Geldgeber lassen riesige umfangreiche Statistiken erstellen.

Dahinter steht, wie ich es hier schon mehrfach erwähnt habe, ein sehr eingeschränktes, einfach gestricktes, aber verbreitetes und mächtiges Menschenbild, das versucht im Sinne der herrschenden Technik und des Kapitals den Menschen berechenbar zu definieren, um ihn in die eigene Sichtweise möglichst gut einzupassen. Und damit kommen wir zum Kern der ganzen Angelegenheit. Der Kapitalismus hat sich parallel zur Technisierung entwickelt und hat (bisher wenig hinterfragt) ein Maschinen-Menschenbild entwickelt, das auch bis tief in die Wissenschaften und die Psychologie hinein reicht (die ja nützliche Forschung für Technik und Kapital liefern sollen). Es basiert auf der Ansicht, dass der Mensch wie eine Maschine über den Treibstoff seiner Triebe direkt gesteuert werden kann. Es geht von der sehr eindimensionalen Annahme aus, dass der eigene Vorteil (mehr, besser, höher, schöner) der einzige Ausrichtungspol  des Menschen ist: Verspricht man dem Mensch mehr Güter, Sex, Status für möglichst weniger Leistung / Energieaufwand, kann man ihn fremdsteuern in die gewünschte Richtung. 

Leider kann dieses Maschinen-Menschenbild viele menschliche Phänomene nicht erklären.  Warum  gibt es Depressive, Alkoholabhängige, Burn-Out, Essgestörte, denen auf Dauer keine Pille helfen kann?  Warum gibt es eine Grenze, wo mehr Wohlstand nicht mehr Zufriedenheit bringt? Warum lässt sich Liebe nicht kaufen, obwohl finanzielle Sorgen sie töten kann?

Das Problem dabei ist: Sowohl die Kapitalisten als auch die Internet-Nerds der großen Internetfirmen hängen dem Maschinen-Menschenbild an: Die einen, um aus dem Mensch noch mehr Gewinn herauszuholen, die anderen, um sein Leben zu verbessern (in ihrem Sinn von gutem Maschinen-Menschenleben: Alles einfacher, schneller). Das Internet hilft Diktatorenregime zu stürzen, äußere Repressionen zu unterwandern. Die offen-sichtbare, politisch-unterdrückende Macht kann es wirklich gut bekämpfen. Doch dann kommt die Macht der Datenverwertung, der gezielten Verbraucherwerbung, der unbewussten Beeinflussung. Und die ist sehr viel schwerer zu erkennen und zu bekämpfen.

Lanier warnt davor, dass unsere persönlichen Spuren-Daten des Netzes in die falschen Hände geraten können, d.h. an die Kapitalgeber oder an die Mächtigen hinter den Politikern (was oft genug die Kapitalgeber sind). Für sie bedeutet mehr Geld mehr Macht, mehr gekaufte Politiker, mehr gekaufte Wahlveranstaltungen, mehr gekaufte Demokratie. Allmählich gleichen wir hier den Diktaturen: Ein paar sehr reiche Menschen sind es gewohnt, sich „die Welt“ zu kaufen. Und sie zählen auf unsere Sehnsucht nach Wohlstand, auf unsere Verführbarkeit für Wahlversprechen, auf unser Maschinen-Menschen-Denken:  Mehr Luxus, mehr Sicherheit, mehr Sorglosigkeit. 

Lanier glaubt daran, dass man bezahlen sollte für die Dienste, die das Internet zur Verfügung stellt. Dann würde man die Kontrolle über seine Daten behalten. Dann können die großen Firmen mit den großen Computern nicht einfach die Daten einsammeln und anonym damit machen, was sie wollen. Man könnte nachweisen, was aus den Daten wird. Weder die Kapitalisten können versuchen, noch mehr Gewinn aus uns und unseren Sehnsüchten heraus zu pressen. Noch können die Internet-Nerds ihre Vorstellung vom perfekten Maschinen-Computer-Menschen verfolgen, dessen Leben sie vollenden und damit alle Probleme beseitigen, die der Mensch je hatte, so wie man eine besonders schwierige Matheaufgabe, einen besonders komplexen Algorithmus irgendwann zu Ende ausrechnen könnte, wenn man nur genug Infodaten einbezogen hat. Ich weiß nicht, was beide Parteien davon abhalten sollte, unsere Daten trotzdem zu verwenden für ihre Ziele – selbst wenn wir zahlen würden. Mal davon abgesehen, dass wir all zu gerne nicht bezahlen….

Ich glaube der Ausweg liegt wo ganz anders. Man könnte auch sagen die Frage nach dem Lebenssinn ist die geheime Nische des großen Widerstands. Er ist nicht berechenbar, er ist unregelmäßig. Aber er basiert auf der bewussten Selbstbestimmung, die wir entwickeln müssen, der Energie, die Lust, die wir verwenden, um uns den Berechnungen des Systems zu entziehen. WOHLSTAND ist hier das Schlüsselwort. Wir brauchen eine selbstbestimmte Definition für uns, was wir wirklich brauchen und wie wir damit und darüber hinaus selbstbestimmt leben wollen. Wir dürfen nicht durch unsere Daten berechenbar und steuerbar werden. Wir werden es, wenn der Konsum, die Angst um Wohlstandsverlust und die Sehnsucht nach noch mehr Wohlstand den größten Teil unseres Lebens ausmachen. Das kann und muss jeder Mensch für sich selbst erfassen und analysieren – genauso wie die Interessen, den Lebensinhalt, der darüber hinausgeht.  Wir müssen das ganze Getue um immer neue Konsumgüter, die unsere leeren Persönlichkeiten füllen sollen, hinterfragen. Jede Luxushandtasche, jeder SUV-Stadtgeländewagen, jedes Polohemd ist ein Zeichen für unsere Fremdbestimmung und Berechenbarkeit. 

Ich glaube, dass die Gründer von Amazon, Google und co. (amerikanische Bürschchen meiner Generation) sehr wenig Ahnung vom Menschen haben. Ich glaube, dass das psychodynamisch-intersubjektive Modell vom Menschen einen völlig anderen, revolutionären Ansatz bietet, weil der Mensch jenseits der Wirtschaftspsychologie hier als ein sich emanzipierendes individuierendes Einzelexemplar gesehen wird, das nicht von einem triebgesteuerten, immergleichen, einheitlichen Ich-Kern nur Richtung mehr Wohlstand gezogen werden kann. Facebook hat gerade ohne das Wissen der Nutzer an 700000 englischen Nutzern Experimente durchgeführt: Was kaufen sie, wenn man ihnen bestimmte (fröhliche, traurige, etc.) Inhalte zeigt. Der reale finanzielle Erfolg des Algorithmus wurde nicht veröffentlicht. Der Imageverlust von Facebook ist riesig. Der Mensch ist eben keine wehrlose Maschine, auch wenn er bestimmte psychische Muster hat. Und es reicht den Konzernen und den Kapitalgebern ja schon lange nicht mehr, Gewinnsteigerungen von vielleicht 3% hinzunehmen. 

Es ist also die große Frage, wie viele Menschen auf der Welt zu diesem Widerstand durch Selbstbestimmung fähig und willens sind. Was macht den Willen zur bewussten Individualität aus? Sicher ist: Es ist ein täglicher Kampf in einer Welt voller Verführungen, die unsere Individualität mit Konsum füllen bzw. ersetzen wollen, der bestimmt ist von den permanenten Angriffen aus den Rechnern der Konzernen, die sich ein Bild von uns und unseren unbewussten Funktionsweisen machen. Es ist ein Kampf ums Unbewusste. Je mehr Zugriff wir uns selbst auf unsere Muster erarbeiten, um so gewappneter sind wir.




Die Berufseinsteigerfrage

Wie viel Show-Typ muss man sein, um Karriere zu machen?

Die Berufseinsteigerfrage, Bewerbung & Berufseinstieg:

Malte B. (26) aus Bonn schreibt uns: “Ich bin Ingenieur und arbeite in der Automobilindustrie. Bei aller Bescheidenheit bin ich meinen Traineekollegen fachlich weit überlegen. Ich habe bereits in den ersten Monaten technische Lösungsvorschläge erarbeitet, die direkt umgesetzt worden sind. Da bei uns Teamarbeit großgeschrieben wird, präsentieren wir unsere Arbeiten jedoch immer in der Gruppe. Da ich es unangenehm finde, im Mittelpunkt zu stehen, übernehmen die ‘Show-Typen’ die Präsentation meiner Arbeiten. Leider sammeln sie dann auch die Lorbeeren ein. Reicht nicht die fachliche Kompetenz, muss man auch ein ‘Show-Typ’ sein, um Karriere zu machen? Und wenn ja, wie wird man so?“


Serie: Netzperlen

Diese Woche: Notes of Berlin

Netzperlen:

In Berlin kommt alles zusammen: Verrückt- und Verruchtheit, Offenheit und Spießertum, Liebe und Hass - im deutschen Mekka für Kreative und Individualisten gibt es viel zu entdecken. Was für skurrile, poetische oder humorvolle Zettelchen und Botschaften überall in der Stadt versteckt sind, zeigt uns ...


Serie: Studenten fragen Professoren

Was machen eigentlich verschleppte Ameisen?

Studenten fragen Professoren: Alltagsrätsel

Ameisennapping. Man kennt das: Du liegst irgendwo im lauschigen Grünen beim Picknick und später zuhause merkst du, dass du einen blinden Ameisenpassagier nach Hause mitgenommen hast.