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Zeitgenössische Literatur

Flucht nach Gotland

Es scheinen die Jahre der tschechischen Autoren angebrochen zu sein - einer von ihnen ist Michael Stavaric. Mit "Gotland" liefert er einen düsteren Thriller einer ganz neuen Kategorie - aber ob das so gut ankommt?

Inhaltlich scheint das Buch schwer zu fassen: Ein zunächst namenloser Junge wächst mit einer alleinerziehenden Mutter in den 90er/2000er Jahren heran. Sie ist streng religiös, aber wirkt nicht unsympathisch. Es ist also niemals die Rede von irgendwelchen Zwängen oder gar Kasteiungen. Sein Verhältnis zu der Mutter ist ein gutes, wobei der fehlende Vater immer stärker in den Vordergrund tritt: Man merkt es daran, wie der ich-Erzähler sich an den Turnlehrer ranhängt, an den Direktor oder eben immer wieder über Gott sinniert.

Wie jeder normale Teenager kommt die Zeit, in der er stark auf sexuelles Verhalten achtet. An dieser Stelle wirkt es extrem seltsam, dass er sich wie ein Junge beschreibt, der in den 50er Jahren aufgewachsen ist: Mutmaßungen, keiner wusste so recht, was wahr ist, Bienchen, Blümchen, kein Aufklärungsunterricht in der Schule ... In seinem Zeitalter hätte er aber schlicht googlen können? Mit der "Realität" hat das Buch letztendlich mit Absicht wenig am Hut, denn ab der Mitte stellt man fest (kein Spoiler!): Man liest das Tagebuch eines Psychopathen. Schon von Anfang an werden Andeutungen über ein Verhör eingestreut, sodass man schnell auf den Trichter kommt: Es muss ein Verbrechen verübt worden sein. Doch von wem? Wer war das Opfer? Dass die Mutter stirbt, war ja von vornherein bekannt. Dann scheint die Hauptperson plötzlich in die Fänge einer Sekte geraten zu sein - das ist der Zeitpunkt, an dem das Buch mir persönlich etwas zu wirr wurde.

Laut dem Zitat der Zeit soll der Autor seinen Leser angeblich in eine "zauberhafte, verwunschene Welt" entführen. Wenngleich man viel unter "künstlerische Freiheit" verbuchen kann, muss ich doch sagen, dass Gotland sich für mich wie ein dauerhafter Drogentrip jenseits von Gut und Böse liest. Stellenweise liest sich die Geschichte ganz locker und eingängig, dann wieder ist sie inhaltlich so zerhackt und ergibt für mich einfach wenig Sinn - so macht Lesen wahrlich wenig Spaß. Der Abstraktionsgrad ist dann einfach eine Nummer zu hoch.

Der Diskussion um die Existenz Gottes kann ich sehr wenig abgewinnen. Denn diese Frage lässt sich aus menschlicher Sicht nicht beantworten - wir können es schlichtweg nicht wissen. Manche glauben es halt und daraus werden Religionen gemacht. Ende.

Ein Zusammenhang dieser Geschichte mit den ersten 28 Seiten, dem sogenannten "Vorwort", hat sich mir außerdem nach wie vor nicht erschlossen. Klar geht es darin um Gotland, aber auch in einer wiederrum sehr abstrakten Art, die einfach wilden Gedankengängen und -sprüngen gleichen.

Fazit: Ein extrem spezielles Buch, das man nicht einfach "Thriller" kategorisieren kann und wirklich eigensinnige Leser erfordert, um es mit all seinen Eigenarten schätzen zu können.



Bettina Riedel (academicworld.net)

Michael Stavaric. Gotland.

Luchterhand Literaturverlag. 20,00 Euro.




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