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Fernweh, Sport

Fjällräven Classic 2011: 110 Kilometer zu Fuß durch Lappland (Teil 2)

Seit 2005 findet jährlich der Fjällräven Classic statt, den der Outdoorausrüster Fjällräven als Veranstalter komplett unbescheiden als „the world’s most beautiful trekking event“ bezeichnet. Das werden wir ja mal sehen ...

Berge, Täler, Flüsse und ein Weg dadurch

zu TEIL 1

 

 

 

 

 

 

 

6.8.2011 Kiruna – Nikkaluokta - Kebnekaise Fjällstation

 

Wecken gegen 5 Uhr. Vorfreude trifft auf Einfach-noch-viel-zu-früh. Kaffee macht es besser, aber lang noch nicht gut.

 

Wir treffen um kurz vor Sechs am „Check-in“ ein, von wo aus uns der Bus zum Startpunkt bringen wird. Also, Busse, Plural, denn mit uns starten 297 andere Wanderer, die wir zum ersten Mal in geballter Form zu Gesicht bekommen. Viele Skandinavier, und in der Tat sind es die Schweden, die die größte Gruppe der Teilnehmer bilden. An Nummer zwei steht dann schon Deutschland – auch das merkt man. Nicht zuletzt an der prächtigen Ausrüstung mancher Teilnehmer.

300 Leute, die gleichzeitig starten. Ein Traum.

„Das verläuft sich aber bestimmt ganz schnell.“ Fast wie ein Mantra taucht dieser Satz immer wieder auf. Irgendwie glauben wir es aber nicht.

 

Eine gute Stunde geht es übers Land, bis wir in Nikkaluokta ankommen. Das ist keine Stadt, nur eine Art Restaurant-Café und einige Toiletten. Darum herum stehen überall verstreut Zelte hinter den Gebüschen und Birken.

 

Noch eine gute Stunde bis zum Start, man trinkt noch einen Kaffee, geht zweimal aufs Klo, wiegt seinen Rucksack. In meinem Fall: 15,5 Kilogramm. Angesichts der Tatsache, dass sowohl Nahrung für die ersten zwei Tage an Bord ist, als auch eine gefüllte Trinkwasserflasche und ein Bier, bin ich sehr zufrieden – und verwundert über meine offensichtliche Disziplin beim Packen.

 

Was es dem Wanderer hier auf dem Fjällräven im wahrsten Sinne des Wortes leicht macht, ist die Tatsache, dass es fast überall Bäche und Flüsschen mit Trinkwasser gibt. Statt wie meist drei Liter Wasser schleppen zu müssen, ist man hier mit herrlichen luftig-leichten 0,5 Litern unterwegs.

 

Langsam scharren wir mit den Hufen … es wird Zeit. Ich kann ja echt nicht noch einmal aufs Klo gehen. Also schmiere ich meine Füße als Vorbeugung gegen Blasen so richtig dick mit Hirschtalg ein und rauche noch ein paar Zigaretten. Für beides werde ich mit argwöhnischen Blicken bedacht. Mir doch egal. Trekkerdeppen.

 

9 Uhr. Es geht los. Es geht im Pulk durch Birkenwäldchen, über Felsen und Steine jeder Größe, über ausgelegte Planken, die den Weg ersetzen, wenn der Untergrund sumpfig wird, über Hängebrücken.

 

Das Schlimmste jedoch sind die sechs Rucksackdeutschen hinter uns.

Laut. Permanent unlustige Witzchen reißend. Widerlicher Zungenschlag.

Ich sehe in Istvans Gesicht, Wut und Abscheu sind dort niedergemeißelt. „Wir müssen den Bielefeldern entkommen.“ – „Sind die nicht aus Köln?“ – „Egal, du weißt, wen ich meine!“

 

Wir überholen Wanderer für Wanderer und bringen ein dickes Menschenpolster zwischen uns und das Böse. Dann taucht – gefühlt sehr früh – nach sechs Kilometern das erste Glanzlicht auf: „Lapp Donalds“, die Rentierburger-Bude. Zwar braucht man jetzt nicht schon unbedingt eine Pause, aber es wäre eine Sünde, sich das entgehen zu lassen.

 

Ein guter Burger! Doch wie schmeckt Rentier? Wie Hühnchen? Wie Wild? Wie Schlange?

Eigentlich ist es von Rind - in dieser Form zumindest – nicht zu unterscheiden. Aber guter Burger bleibt guter Burger!

Warten auf den Start

Unsere Gemeinschaft zerbricht. Ich beschließe nach dem Burger noch zehn Minuten zu ruhen, meine Mitstreiter machen sich bereits auf den Weg. Ich sehe ein etwa zehnjähriges Mädchen, das sich schon mit Blasen herumschlagen muss. Vermutlich ist das Abenteuer am Ende des Tages für sie bereits vorbei.

Etliche Wanderer müssen Jahr für Jahr frühzeitig aufgeben und werden dann mit den Versorgungshelikoptern ausgeflogen. Einen Flug im Hubschrauber habe ich noch nie gemacht … Verlockend, aber wandernd ankommen wäre mir dann doch lieber.

 

Zehn Minuten später bin ich, so seltsam das klingt, ziemlich allein auf dem Weg. Tatsächlich, es verläuft sich in der Tat. Erst nach 13 Kilometern treffe ich meine Wanderfreunde wieder, dazwischen war teilweise ich so lang ganz allein, dass ich kurze Zeit sogar befürchtete, irgendwann falsch abgebogen zu sein – was eigentlich gar nicht möglich ist.

 

 

Lemming. Ein echtes Opfer.

In Kebnekaise, der ersten Station, bekommt man den ersten Stempel in seinen albernen Wanderpass. 19 Kilometer sind geschafft. Einige schlagen hier ihre Zelte auf, andere hetzen weiter, die meisten genießen die Sonne und das Gefühl, die Schuhe von den Füßen zu haben.

 

Wir wollen noch weiter und schauen, wie weit uns die schwindende Motivation heute noch bringt. Heute? Im Prinzip könnten wir diese Gedanken aufgeben. Es wird nicht dunkel, der herkömmliche Tagesablauf verliert seine Bedeutung. Man könnte genauso abwechselnd acht Stunden gehen, acht Stunden schlafen, die Tage so aufteilen, wie man sie gerne hätte.

 

Wir gehen durch ein riesiges Tal, flußaufwärts , die Vegetation wird immer bescheidener, nachdem die Baumgrenze hier bei 600 Metern liegt. Kleine Büsche, Blaubeeren, Preiselbeeren, Kranichbeeren, Flechten, Moose, Gräser, das war’s.

 

Ab und zu huschen jetzt Lemminge herum, diese kleinen Tiere, die angeblich Selbstmord begehen. Tun sie natürlich nicht, das ist nur eine Erfindung von Walt Disney, aber sie tun auch nichts dafür, am Leben zu bleiben: Sie sind langsam, unvorsichtig und laufen in einem gelb-orangen Tigerkostüm durch die Gegend, sodass sie immer schön zu sehen sind. Was hat sich die Natur dabei nur gedacht?!

 

Und endlich: Rentiere! Bis dahin nur als Burgerbelag bekannt!

Nach rund sechs, sieben Kilometern schlagen wir in einem lieblichen Tal unsere Zelte auf. Die Wolken hängen tief, ab und zu regnet es ein wenig und der Wind bläst kalt. Zu ersten Mal frage ich mich, was ich hier mache.

Ich gehe gerne wandern, doch ein nicht unerheblicher Reiz daran ist das Einkehren am Abend: Bier, Hirschgulasch, Gespräche, Zigaretten, das Wissen um ein herrliches Bett.

 

Hier: Chicken Korma aus der Tüte und Tüten-Cappuccino. Windschutz nur in den Zelten. Doch wir haben oft genug „Ausgesetzt in der Wildnis“ gesehen, kennen Bear Grylls Dogma: Feuer rettet Leben. Und Motivation.

 

Wir machen Feuer für die Moral. Nicht einfach ohne Bäume, aber ein paar trockene Äste in den Gebüschen, etwas Treibgut und herumliegender Rentierdung reichen.

Das Feuer fühlt sich verdammt gut an und lockt andere Wanderer an, die nach und nach in „unserem“ Tal ihre Zelte aufschlagen.

 

 

 

Kalt, nass. Aber irgendwie schön.

7.8.2011 Singi - Sälka

Der Tag beginnt mit Regen, der auf Zelte fällt – und der Hoffnung, dass die anderen nicht aufwachen. Ich will nicht aufstehen.

 

Natürlich, natürlich tut man es doch. Man verstaut das nasse Zelt und macht sich im Nieselregen auf den Weg. Ja, das ist genau das, was ich am Zelten immer gehasst habe.

Alles ist eklig und nass.

Es regnet, der Wind ist kalt und es geht bergauf. Die Strecke ist unschön. Nass, Unmengen von Steine und Felsen auf dem „Weg“, der so gar keine Ähnlichkeit mit den Wegen hat, wegen derer man oft wehmütig an frühere Touren zurückdenkt.

 

Federnde, mit Kiefernnadeln bedeckte Waldwege, das Sonnenlicht, das durch die Bäume bricht, Alleen mit Esskastanien und Walnüssen. Nicht hier. Hier: Steine, Nässe, Matsch, Wind.

 

Wir erreichen nassgeschwitzt und frierend den nächsten Checkpoint Singi, wo es neben einem Stempel auch von von einer gutgelaunten und dick eingemümmelten jungen Schwedin einen Wrap nach Lapplandart gibt: Fladenbrot, Rentierfleisch, Kartoffelbrei aus der Dose, auf der ein Pilz abgebildet ist, Preiselbeerkompott und das Ganze mit „Scharf“ nach Wunsch.

 

Nicht erfüllt wird hingegen der Wunsch nach „Warm“. Die Hütten darf man nicht betreten, dummerweise stehen sie auch auf Pfählen, sodass es nicht mal hinter einer Hütte windstill ist.

 

Es ist kalt und eklig und wir gehen weiter. Bevor ich sowas noch einmal mache, werde ich jeden Tiroler Wanderweg gehen, den es gibt, fluche ich innerlich.

Was sonst noch positiv ist: Keine Mücken. Was sich bis zum Ende der Wanderung nicht ändern sollte. Reichlich Mückenschutzmittel sollte man mitnehmen, wurde einem vorher immer wieder eingebläut. Ja ja, alles klar …

 

Wir gehen wieder stempeln. Die Station Sälka ist ungleich einladender als Singi. Es gibt Kaffee und Karottenkuchen – theoretisch kann man hier auch seine Lebensmittelvorräte aufstocken. Ich habe noch zwei Packungen Frühstück und eine Packung Chili. Gefriergetrocknet. Was ich noch habe: Absolut  keine Lust darauf. Dafür gibt es einen kleinen Laden, der Cola und Bier führt. Flüssige Moral. Und die Sonne scheint jetzt auch noch. Jetzt kommts ganz dicke mit der Moral.

 

Es muss weitergehen. Wir schließen uns an. Nach einigen Stunden erreichen wir ein Tälchen am Fluß, das frappierend dem gestrigen ähnelt. Dem können wir uns nicht entziehen. Zumal wir uns kurz vor dem Bergpass befinden, der zum höchsten Punkt der Tour führt. Es ist keine gute Idee, am Ende eines Wandertages noch einmal aufzusteigen, denn übernachten sollte man nicht an den höheren Punkten. Wir bleiben.

 

Wir sind heute fast 30 Kilometer gegangen, der Tag war fies und anstrengend. Im Wind ist es ungemütlich kalt. Der Abend endet schnell und freudlos im Zelt. Das Bier wird zur Pflichtaufgabe.

Und eigentlich müsste man sich mal waschen …

 

Das soll mein Urlaub sein? Einzige der Gedanke daran, dass ich dabei abnehme, tröstet mich ein wenig.

 

 

Hier geht's zum letzten Teil!