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Film

Familienbande: „Dark Shadows“

Ein Vampir auf Zeitreise – Nur Tim Burton und seine Muse Johnny Depp schaffen es, aus diesem Stoff einen bizarren Nostalgietrip in die 1970er Jahre zu machen, der vom Charme des vertraut Schaurigen lebt: „Dark Shadows“, ab 10.5. im Kino.

Erwachsen und souverän: So wie Barnabas Collins (Johnny Depp) wünscht man sich seine Vampire. Foto © Warner Bros.

Auferstandener unter Neurotikern

Längst gehören übernatürliche Wesen zum Standardpersonal von Fernsehserien. Pionierarbeit leistete in dieser Hinsicht die amerikanische Gothic Soap Opera "Dark Shadows" (1966-1971), zu deren beliebtesten Protagonisten Barnabas Collins zählte. In der Filmadaption ist er sogar die Hauptfigur, wenngleich eine zunächst unglückliche.

Weil Barnabas (Johnny Depp), im 18. Jahrhundert als Sproß eines erfolgreichen Fischereiunternehmers geboren, die Liebe der Hexe Angelique Bouchards (Eva Green) verschmäht, verwandelt sie ihn in einen Vampir und läßt ihn lebendig begraben. Rund 200 Jahre später wird er durch Zufall befreit. Konfrontiert mit den Tücken der Moderne flüchtet Barnabas auf sein einstiges Anwesen, wo er ein Herrenhaus im Verfall und eine Nachkommenschaft im finanziellen wie emotionalen Ruin vorfindet.

Tatsächlich dürfte Familie Collins, angeblich unter einem Fluch stehend, die neurotischste Sippe sein, die man im Staate Maine des Jahres 1972 finden kann. Die resolute Matriarchin Elizabeth Collins Stoddard (Michelle Pfeiffer) kann sie kaum kontrollieren, weder ihre eigensinnige Teenager-Tochter Carolyn (Chloë Grace Moretz), noch ihren komplett unnützen Bruder Roger (Jonny Lee Miller) samt dessen verstörten, mit seiner toten Mutter kommunizierenden Sohn David (Gulliver McGrath). Selbst Psychiaterin Dr. Julia Hoffman (Helena Bonham Carter), nunmehr seit drei Jahren Dauergast auf "Collinswood Manor", hat bislang keinerlei Verbesserungen erzielen können. Außer beim Steigern des eigenen Alkoholkonsums... Abgerundet wird der Clan von einem missgelaunten Verwalter (Jackie Earle Haley) und Davids neuer Nanny, der geheimnisvollen, ebenfalls Gespenster wahrnehmenden Victoria Winters (Bella Heathcote). 

Sonderling unter seinesgleichen

Jenes reizende Ensemble hat eigentlich nur auf einen Vampir wie Barnabas gewartet, der mit besten Manieren, altmodischer Ausdrucksweise sowie einem hochentwickelten Familien- und Geschäftssinn beeindruckt. Da werden gewisse Mißgriffe im Styling und Ernährungsverhalten gerne mal großzügig übersehen. Ohnehin fordert der Flower-Power-Zeitgeist seinen Toleranztribut, auch wenn Barnabas mit seinem theatralischen Gehabe gewissermaßen bereits die Gegenbewegung zur Gegenkultur der Späthippies verkörpert. Aus diesem metaphysisch-mentalgeschichtlichen Culture-Clash zieht "Dark Shadows" einen Großteil seines schrägen Humors, wobei es Tim Burtons Sinn für verspieltes Kino zu verdanken ist, daß weder eine Gagrevue noch Gesellschaftssatire entsteht. Barnabas' unfreiwilliger Zeitensprung dient keineswegs dem Bloßstellen zivilisationsuntauglicher Freaks, sondern veranschaulicht den schwierigen Orientierungsprozeß von Außenseitern. 

In seinem strengen Schwarz-/Weiß-Look hat Barnabas als exzentrischer Gothic-Gentleman und Vampir unter Kulturschock wenig gemein mit der bunten Seventies-Gegenwart. Aber weil seine Familie ebenfalls ziemlich abgefahren ist, fällt ein weiterer Sonderling unten ihnen kaum auf. Auch der Soundtrack spiegelt solch geglücktes Nebeneinander der Gegensätze wider, wenn sich denkwürdige Hits aus den Siebzigern problemlos dem Schauer-Score von Danny Elfman eingliedern können. Selbst ein leibhaftiger Auftritt von Alice Cooper - laut Barnabas das häßlichste Frauenzimmer, das er jemals gesehen hat! - paßt da noch locker rein.

Auch an Männer wird gedacht: Ein hübsch-morbides Ensemble. Foto © Warner Bros.

Exzentriker unter sich

Eine nennenswerte Story hat die morbid-vergnügliche Gruselkomödie "Dark Shadows" im übrigen nicht. Auch die Scharmützel zwischen Barnabas und der im 20. Jahrhundert zur cleveren Kapitalistin mutierten Angelique, explizit ihre originelle, als exzentrische Zerstörungsorgie getarnte Sexepisode, besitzen kaum narrative Tragfähigkeit. So hängt der Film, der sich auf klassische, teils ironisch abgewandelte Horrormotive stützt, erzählerisch alsbald durch. Gleichwohl besitzt er Klasse, allein weil er wie eine konzentrierte Werkschau von Tim Burton anmutet. Vieles, wofür der findige Filmemacher steht, gibt sich in "Dark Shadows" ein illustres Stelldichein: Ein hinreißendes Gothic-Szenario, durchdrungen von schauerromantischer Atmosphäre und architektonisch flankiert von einem Geisterpalais mit Shabby-Chic; düstere, sich zwischen Phantastischem und Realem ausrichtende Konflikte; ein unwiderstehlich skurriles Personal, das im Grotesken sein Glück sucht.

All das läßt Burtons pointiert-aufmerksame Regie mit einer für das Genre ungewöhnlichen Leichtigkeit zu einem gemächlich dahinfließenden Ganzen verschmelzen. Keine Kino-Sensation, vielmehr ein sanftes Happening, bei dem ihm die durchweg brillanten Darsteller mit echter, doch nie überzogener Spielfreude zur Seite stehen. Exoten unter sich.

Und lehrreich ist "Dark Shadows" obendrein: Barnabas enthüllt nämlich die Bedeutung hinter dem berühmten Werbe-"M" einer noch berühmteren Fastfood-Kette. Kaum aus dem Sarg katapultiert, sieht er hinter sich etwas großes Gelbes aufblitzen. Er weiß sofort: "Mephistopheles" hat sich gemeldet!

Dark Shadows

Regie: Tim Burton 
Mit: Johnny Depp, Michelle Pfeiffer, Helena Bonham Carter, Eva Green
Verleih: Warner

Kinostart: 10.05.2012

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