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Buch

Falcones: Die Kathedrale des Meeres

Arnau Estanyol macht seinen Weg vom Steinträger zum Seekonsul im Barcelona des 14. Jhdts.

Westfassade von Santa María del Mar © Baldiri, CC BY-SA 3.0

Ildefonso Falcones präsentiert nach fünf Jahren Recherche seinen Roman "Die Kathedrale des Meeres". Sein Protagonist steigt im Spanien des Mittelalters vom einfachen Steinträger zum Seekonsul von Barcelona auf.  Falcones verarbeitet in einer spannenden Geschichte Historie, Mythen, die Ideologie der Inquisition und zollt insbesondere einer Kirche, einer Stadt, einem Lebensgefühl Tribut.

Barcelona im 14. Jahrhundert: Die Landbevölkerung stöhnt unter dem Joch der Feudalherren. Barcelona jedoch ist frei. Und Barcelona ist reich und mächtig. Auf der Flucht vor seinem Feudalherren versteckt sich der Bauer Bernat Estanyol mit seinem frisch geborenen Sohn Arnau in Barcelona - jener Stadt von der es heißt, dass es dort keine Leibeigenen gibt und  jeder Neubürger der Stadt nach gewisser Zeit wirklich frei sein kann. Arnau wächst obwohl seine leibliche Mutter dem Feudalherren nicht entflieht, nicht ohne mütterlichen Ansprechpartner auf: Sein Vater erklärt ihm, dass die Heilige Jungfrau Maria sich um alle Kinder kümmere, die ohne Mütter aufwachsen müssen. Arnau weiß, dass er mit ihr kommunizieren kann, wenn er nur ganz genau zuhört und ihre Zeichen deutet.

Ein schwerer Start

Arnau macht Bekanntschaft mit Joanet, einem kleinen Jungen, der seine Mutter - auf Anweisung des angeblich betrogenen Ehemanns - nur durch ein geschlossenes Fenster sprechen kann. Nach dem Tod seiner Mutter wird Joanet in die Familie Bernats aufgenommen. Bernat müht sich redlich, seinen beiden "Söhnen" ein Leben in Freiheit zu ermöglichen. Doch die Familie muss immer wieder erkennen, dass auch in einer freien Stadt, der gemeine Bürger der Willkür von Adel und Reichtum ausgesetzt ist.

Abbild eines "Bastaixos", eines Lastenträgers, am Haupteingang zu Santa María del Mar © Xavier Caballe, CC BY-SA 2.0

Arnau selbst bewundert die Steinträger, die jeden Tag gewaltige Steinbrocken vom Hausberg Barcelonas, dem Montjuic, holen und mit bloßen Händen in die Stadt schaffen. Dort wird mit deren Hilfe gerade eine Kathedrale errichtet, die zu Ehren der heiligen Jungfrau Maria, das prächtigste und beeindruckendste Gebäude Barcelonas werden soll. Arnau beschließt ebenfalls ein Steinträger zu werden, schließlich will er teilhaben an der Ehre, eine Kathedrale für seine neue Mutter zu errichten.

Sozialer Aufstieg mit Schwierigkeiten

In den folgenden Jahren leistet der junge Estanyol seinen Beitrag zum Wachstum der Kathedrale als Steinträger. Er rettet jüdische Kinder vor einem wütenden Mob aufgebrachter Bürger während eines der im Mittelalter nicht unüblichen Pogroms gegen die Juden und macht Bekanntschaft mit der jüdischen Art zu glauben, zu arbeiten und zu lieben. Aus Dankbarkeit vor der selbstlosen Rettung der Kinder unterstützt ihn eine jüdische Familie in seinem sozialen Aufstieg. Arnau meistert alle Hindernisse, Hürden, Widrigkeiten, bis hin zur ungewollten Zwangsheirat und steigt in der sozialen Hierarchie ebenso auf, wie in der Beachtung durch das einfache Volk. Den Höhepunkt bildet sein Posten als Seekonsul von Barcelona. Doch Neider und die Inquisition wollen sich mit aller Macht dem Aufstrebenden in den Weg stellen - und sein Geld an sich reißen. Auch sein Bruder Joanet soll eine bedeutende Rolle in dem Spiel um Leben, Liebe und Gerechtigkeit zuteil werden, ebenso wie Arnaus Frau, seiner Adoptivtochter und einer Person, die Arnau schon beinahe vergessen hat.

Während all der Zeit wächst die Kathedrale des Meeres, "Santa María del Mar", und wirkt wie ein stummer Zeuge im Hintergrund der Geschichte, der die Handlungen Arnaus, seiner Freunde, Feinde, Frauen, Neider und Gönner beobachtet. Die stetig wachsende Kathedrale scheint mit der Geschichte und dem Protagonisten auf eine intensive Weise verwoben, die sich solange fortsetzt, bis der Schlussstein gesetzt ist.  

Historischer Kontext

Ildefonso Falcones Die Kathedrale des Meeres ist ein umfangreicher Roman in historischem Kontext. Der Autor erzählt auf spannender, bisweilen sogar Nerven zerreißender Art und Weise die Geschichte des sozialen Aufstiegs eines Bauernjungen. Die historischen Hintergründe - der Bau der Kathedrale, die Situation Barcelonas im 14. Jahrhundert, der Handel, die Lebensweise bis hin zur Kleidung der Bewohner - sind aufwendig und exakt recherchiert.

Die Stärke der Kathedrale des Meeres liegt aber nicht in der historischen Genauigkeit. Solange die historischen Tatsachen im Hintergrund bleiben und dem Leser lediglich zur Anleitung dienen, ist der Leser bei der Sache. Manchmal aber versucht Falcones zuviel des Guten und übertreibt es ein wenig mit den historischen Details, die dann Gefahr laufen, die eigentliche Geschichte zu verdrängen. Auch steht Falcones einige Male kurz davor, sich in Rahmenhandlungen und Nebensträngen zu verlieren, doch er schafft es immer wieder den Spannungsbogen neu aufzubauen und gar noch zu steigern.

Leidenschaftliches Stadt-Portrait

Trotz dieser Kleinigkeiten ist Ildefonso Falcones Die Kathedrale des Meeres ein großes, ein leidenschaftliches Buch, das einfach Spaß macht zu lesen. Der Autor vermag den Leser nicht nur in eine andere Stadt, sondern zugleich glaubwürdig in eine andere Zeit zu versetzen. Die Lektüre wird nie langweilig. Von Beginn an entwickelt man als Leser Sympathie für Arnau und seinen Vater, aber eben auch für diese großartige Kathedrale und ihre beeindruckende Stadt. Dabei ist sich Falcones nicht zu Schade, auch Sympathieträger auf Kosten der Geschichte als Verräter zu entlarven.

Ildefonso Falcones zelebriert ein Grundideal der Stadt Barcelona - die Freiheit gepaart mit katalonischem Stolz. Die Kathedrale des Meeres ist eine Liebeserklärung an Santa María del Mar, an Barcelona und ihre Bewohner. Die Kathedrale des Meeres feiert die Katalanen und ist für diese Manifestation eines ganz eigenen Stolzes. Und jeder der Barcelona je besucht hat, wird dieses Buch lieben, denn man taucht mit ihm erneut in die verwinkelten, alten Gassen dieser fantastischen Stadt ein. Absolut empfehlenswert!

Florian Jetzlsperger

 

Ildefonso Falcones

Die Kathedrale des Meeres

656 Seiten

12,95 Euro

Fischer

 

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