"Goodbye Istanbul": Zwischen Vergessen und Erinnerung
"In spätestens zwei Wochen stehst du wieder heulend vor der Tür", prophezeit der Vater, als die junge Türkin Ece ihre Heimat Istanbul verlässt. Bislang sind alle seine Töchter nämlich wieder zurückgekommen, sei es durch gescheiterte Ehen, sei es durch missglückte Zukunftspläne. Doch nicht nur das Elternhaus mit dem tyrannischen Vater lässt Ece zurück, sondern auch Tamer, ihren verheirateten Geliebten, mit dem sie seit Jahren eine geheime Beziehung hat. Die Autorin Esmahan Aykol schildert in "Goodbye Istanbul" den Kulturkonflikt einer türkischen Immigrantin.
Ausgestattet mit einem Vermögen, das ihr der geliebte Großvater heimlich hinterlassen hat, flieht die junge Ece ins ferne, kalte London. Vergessen möchte sie alles, was gewesen ist, um die schmerzvolle Erinnerung an die unglückliche Affäre zu tilgen. Und so beschäftigt sich Ece mit dem Gedächtnis und der Erinnerung, wünscht sich das totale Vergessen. Denn, so denkt sie, sobald sie ihren Liebesschmerz vergisst, würde es ihr automatisch besser gehen.
Festhalten am Alten oder sich auf das Neue einlassen?
Doch das Vergessen erweist sich als schwieriger als erwartet. Ece fügt sich ein in eine Parallelwelt zur englischen Gesellschaft, in eine Subkultur der Immigranten, in der niemand viel Englisch spricht und niemand privat mit Engländern verkehrt.
Sie wäscht Teller in einem türkischen Restaurant, freundet sich mit den Kollegen an, beobachtet. Auch die Freunde hängen lose in der Luft, nehmen nicht am englischen Leben teil und setzen doch alles daran, nicht zurück zu müssen; posieren stolz vor fremden Häusern für die Familie zuhause, schwärmen von ihrem Leben im reichen England und können sich kaum selbst über Wasser halten.
Alte Identität vs. Neue Kultur
Es ist ein hartes, aber auch sehr glaubhaftes Bild, das Autorin Esmahan Aykol in "Goodbye Istanbul" von dem Leben in der Immigrationsgesellschaft zeigt. Abgesehen von Ece selbst, die mit genügend Geld ausgestattet ist, erscheint es für ihre Freunde kaum möglich, im fremden Land tatsächlich Fuß zu fassen. Sie alle sind gezwungen, sich auf irgendeine Weise trotzdem mit den Bedingungen zu arrangieren. Der Hauptperson selbst gelingt dies nur, indem sie - trotz dem Wunsch, alles zu vergessen - in Erinnerungen schwelgt und diese auch weitergibt.
So erfährt der Leser von alten türkischen Sagen, hört die Liebesgeschichte der Urgroßeltern und Großeltern, lernt die türkische Geschichte kennen. Dass damit verschiedene Zeitsprünge erfolgen, kompliziert nicht die Lektüre, sondern schenkt dem Buch eine spannende Vielschichtigkeit, spiegelt sehr eindringlich den Konflikt wieder, in dem die alte Identität zur neuen Kultur steht. Und so zeigt Aykol auf eindringliche und sensible Weise eine Idee auf, wie man Vergessen und Erinnern, Heimat und Fremde, Vergangenheit und Zukunft vereinen kann.
Angelina Schmid




























