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Film

Eine Schuld, die nie verjährt: „Eine offene Rechnung“

Lügen funktionieren als Schutzwall, um die Widrigkeiten der Wirklichkeit und das Bewußtsein über eigene Unzulänglichkeiten auf Distanz zu halten. Doch ihre Wirkung ist fatal: Die Ausgrenzung äußerer Wahrheit bedeutet zugleich die Schaffung eines inneren Kerkers. Dieses Grundmotiv variiert „Eine offene Rechnung“ in Form eines Politthrillers; ab 22. September im Kino.

Von Ostberlin nach Tel Aviv

Der Film endet mit einem tödlichen Zweikampf zwischen dem eingeschränkt Guten und dem ewig Bösen. Er ist bestürzend brutal, aber befreiend, weil er eine Schuld einlöst, die eigentlich schon vor über 30 Jahren hätte beglichen werden müssen.

Damals, Mitte der 1960er Jahre, wurden drei junge Mossad-Agenten nach Ostberlin geschickt, um den Nazi-Kriegsverbrecher Dieter Vogel (Jesper Christensen), bekannt als Chirurg von Birkenau, zu entführen, damit er in Israel vor Gericht gestellt werden kann. Die geheime Mission mißglückte gewissermaßen, weil Vogel bei einem Fluchtversuch erschossen wurde.

Dennoch kehrten Rachel (Jessica Chastain), Stephan (Marton Csokas) und David (Sam Worthington) als Helden in die Heimat zurück. Ihr Ruhm dauert bis in die Gegenwart von 1997 an, als Rachels Tochter ein Buch über ihre wagemutige Mutter veröffentlicht. Fast zeitgleich begeht der nach jahrelangen Auslandsaufenthalten überraschend in Tel Aviv aufgetauchte David Selbstmord. Plötzlich ist die Vergangenheit wieder präsent und mit ihr all die Lebens- und Liebeslügen.


Auf zwei geschickt ineinander verwobenen Zeitebenen wird eine Agentenstory erzählt, die einerseits nostalgisches Spionageflair versprüht, sich andererseits als Vexierspiel zwischen Schuld, Sühne und Vergeltung erweist.

Offenbar liegt über der damaligen Aktion in Ostberlin ein düsterer Schatten aus Unwahrheiten, der die Protagonisten heute noch belastet. Wenn die ältere Rachel (Helen Mirren) bei der Buchpremiere eine öffentliche Lesung hält, ist ein minimaler, verstörender Unwille in ihrem Verhalten wahrnehmbar, als wären ihr die Erinnerungen beinahe unangenehm.

Tatsächlich konnte niemand der drei so richtig mit den einstigen Ereignissen abschließen. Einer wurde zum Suchenden, einer zum Skeptiker, einer zum Ignoranten, aber keiner hat vergessen.


Die Macht der Vergangenheit

Matthew Vaughn, Jane Goldman und Peter Straughan haben auf der Grundlage des israelischen Spielfilms „Ha-Hov“ (2007) ein intelligentes Drehbuch verfaßt, das mit der Spannung eines Thrillers und der Ernsthaftigkeit eines Moralstücks imponiert. Ohne sich in didaktisch oder ethisch überzogenen Anspruch zu verlieren, lotet es differenziert die psychologischen Untiefen von aus Angst und Wut geborenen Lügen aus, von einer zwielichtigen Vergangenheit, die einen mit allen Konsequenzen einholt.

Gleichzeitig thematisiert es das Problem aufgeschobener Rache. Je älter sie ist, desto fragwürdiger wird ihre Rechtfertigung. Freilich besitzt sie keine Halbwertszeit. Ebenso wie die (historische) Wahrheit.


Eine innere Dynamik treibt die konfliktreiche Geschichte voran, deren Überzeugungskraft trotz gewisser Schwächen bei der Figurenzeichnung kaum leidet. Vor allem die noch jungen Charaktere, teils traumatisiert durch Kriegserfahrungen der vorangegangenen Generation, wirken für gut ausgebildete Agenten emotional erstaunlich unreif, was auch letztlich ihr Versagen erklärt.

Gleichwohl ergeben sich hieraus wiederum packende Konflikte. So entwickelt sich das zeitweilige Zusammenleben der drei in einer maroden Berliner Wohnung zu einem leisen Drama unglücklicher Entscheidungen, das völlig die Balance verliert, als Rachel sich in den richtigen Mann verliebt und mit dem falschen schläft.

Angesichts derartiger Gefühlskonfusionen ist es für den perfiden Vogel, inzwischen Gefangener der Agenten, ein Leichtes, zusätzliche Verunsicherung zu stiften. Dieser Mörder ist schlauer als seine Bewacher, weil er kein Ideal verfolgt, nur eine pervertierte Doktrin pseudo-argumentativen Grauens.

Dramaturgie der Blicke, Züge, Regentropfen

Veredelt wird „Eine offene Rechnung“, übrigens zeitgemäß stilecht ausgestattet, durch die Darstellerriege, explizit Helen Mirren als toughe Ex-Agentin am Abgrund des Zweifels. Mit Tom Wilkinson als alter Stephan und Ciarán Hinds als alter David stehen ihr zwei fabelhafte Könner in einprägsamen Nebenrollen zur Seite. Auch wenn ein solches Trio eigentlich kaum übertroffen werden kann, vermag gleichwohl die beziehungsreiche Interaktion unter ihren jüngeren Alter Egos zu überzeugen.

Selbst der mimikmäßig stets etwas schwerfällig wirkende Sam Worthington ist perfekt besetzt, hat er doch in dem viril-agilen Marton Csokas ein Gegenüber, der solch latentes Phlegma absorbiert und in schillernde Bespiegelung auflöst. Durch die gegenseitige Reflektion schaffen sie ein Gefüge, ergänzt von der zwischen empfindsam und resolut changierenden Jessica Chastain, das eine private Ebene neben dem politischen Kontext eröffnet.


Mit großer Sensibilität nähert sich Regisseur John Madden seinen Charakteren, präsentiert ihre erste und einzige Zusammenarbeit in Ostberlin als fesselnden Spionagekrimi, der sich in manchen Momenten zu einer Dramaturgie der Blicke verdichtet. Überhaupt weiß er dank seiner ruhig fließenden, detailreichen Inszenierung immer wieder den Kern der Geschichte, nämlich die zersetzende Kraft von Lügen, zu akzentuieren, offenbart daneben aber auch ein formvollendetes Gespür für Spannung. Beim Fluchtversuch in einem Geisterbahnhof avancieren die durchfahrenden Züge zu eigenständigen Protagonisten, ebenso wie in einer späteren Szene das Getröpfel von Regen eine selten erreichte klaustrophobisch-bedrohliche Bedeutung gewinnt.

„Eine offene Rechnung“ ist kluges, komplexes Kino, das von der Macht der Lügen weiß und dennoch für die Wahrheit plädiert. Nur sie allein altert nicht.

(von Nathalie Mispagel, Kinoexpertin auf academicworld.net)

EINE OFFENE RECHNUNG

 

Regie: John Madden

Darsteller: Helen Mirren, Ciarán Hinds, Tom Wilkinson, Jessica Chastain, Sam Worthington, Marton Csokas, Jesper Christensen

Universal Pictures International Germany

Kinostart: 22. September 2011




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