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Buch

„Die Zeit bleibt, auch wenn wir alle weg sind“

Lilly Lindners neuer Roman „Die Autobiographie der Zeit“ ist anders: Kurze, nachdenkliche Kapitel mit den Gedanken der 15-jährigen Zeit. Eine Reflexion über unser Leben und unserem Tod, still und doch kraftvoll. Im Interview beschreibt Lilly Lindner die Zeit – was sie für sie bedeutet und wie es für sie war ihre Autobiographie zu schreiben.

Copyright Lilly Lindner

Wie kamst du auf die Idee, eine Autobiographie der Zeit zu schreiben?
Ich habe versucht, das Gefühl zu beschreiben, zwischen mir und der Welt und all den Augenblicken, die ich miterlebe, ohne wirklich ein Teil davon zu sein. Am Ende war da die Zeit. Und ich wusste, sie bleibt, auch wenn wir alle weg sind.

Wie war es für dich, dich dafür in die Rolle der Zeit hineinzuversetzen?
Es war still um mich herum. Das ist es meistens, wenn ich schreibe. Für den Augenblick habe ich vergessen, dass ich sterbe, an jedem Tag, an dem ich nicht lebe. Es war okay, hier zu sein. Obwohl ich mir eigentlich immer wünsche, zu verschwinden. In den Stunden der Zeit wusste ich, dass ich stärker bin als der Schmerz, stärker als die Enttäuschung. Und weiser – weiser als die Wut.

Identifizierst du dich mit der Zeit? 
Ich glaube, jeder Mensch ist ein Bruchteil der Zeit. Ein Splitter der Welt. Irgendwo in der Abgeschiedenheit sind wir miteinander verbunden. Genau wie das Leben mit dem Tod.

Was bedeutet Zeit für dich?
Die Zeit ist der Anker der Welt. Sie hält alles zusammen, auch das, was wir vergessen wollen. Für mich bedeutet Zeit zu atmen, auch wenn einem die Luft nicht schmeckt. Da zu sein auch wenn man es nicht fühlen kann. Lachen und Weinen ohne zu wissen warum, aber in dem Glauben daran, dass unsere Beständigkeit von Dauer ist.

Weshalb die Zeit mit dem Raum auf der Erde ist, ist irgendwie klar. Aber warum kamen genau die Beständigkeit und der Abgrund dazu?
Ohne den Abgrund gäbe es keine Menschen. Ohne die Beständigkeit gäbe es keine Zeit. Ohne die Zeit gäbe es keinen Raum. Und ein Raum, der kein Ende hat, der nicht irgendwo an einen Abgrund führt, ist kein Raum.

Die Zeit vermisst ihre Heimat und ihre Familie. Welche Bedeutung hat Heimat für dich?
Zuhause ist für mich kein Ort, viel eher ein Gefühl. Manchmal denke ich, ich bin schon längst da, und habe es nur nicht mitbekommen. Aber manchmal denke ich auch, ich werde nie wissen, wie das ist – geborgen zu sein.

Die Zeit verliebt sich. Glaubst du persönlich auch an die Liebe?
Ich glaube daran, dass Liebe existiert. Genau wie Hass und Politik und Fußball. Ich glaube, dass Liebe ein Wort ist, das Menschen zu oft im falschen Moment benutzen. Und ich glaube, dass es viele Facetten der Liebe gibt. Am schönsten sind die, die wir nicht begreifen.

Zeit und Tod werden gute Freunde. Welche Bedeutung hat der Tod für dich?
Ich habe ihm die kaputten Tage verziehen; und er hat mir verziehen, dass ich davongekommen bin. Jetzt leben wir Seite an Seite und bestehen die Welt. Es gibt Tage, da vermisse ich die Zeit, bevor ich ihn kannte, aber um ehrlich zu sein, erinnere ich mich kaum noch daran. Und ich weiß, ganz am Ende, wenn er ein letztes Mal vor mir steht, und mir verspricht, dass nun endlich, endlich, alles vorbei ist. Dann werde ich lächeln. Genau wie die Zeit.

 

Das schriftliche Interview führte Stephanie Meyersieck. 

Weiter zur Rezension des Buches:

Tick tack, tick tack... 




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