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PsychoCiety

Die Rosemunde-Medien

In einem bekannten Reisemagazin, das in seiner neuesten Ausgabe das aktuelle München vorstellt, finde ich mein Lieblingscafé, was ich erst mal anhand der Fotos überhaupt nicht erkannt habe.

Von Katharina Ohana, Psychologische Beraterin, Bestsellerautorin und academicworld-Expertin


Katharina Ohana, Psychologische Beraterin

Es ist schön, keine Frage, sonst wäre ich da nicht so oft. Aber auf den Fotos sieht es aus wie der Himmel auf Erden, ein Sehnsuchtsort ohne Makel. Verschwiegen wird, dass der Verkehr vor der Tür nicht endet. Dafür wird geschrieben, dass hier der berühmte Tatortkommissar neben der Krankenschwester sitzt und der Kult-Bandleader neben dem Geiger der Philharmoniker, der dann seine Geige auspackt und…. Auch Boris Becker käme hier zum Frühstück.

Ich besuche jetzt seit  fast 15 Jahren mindestens 2x die Woche dieses Café, sitze über Stunden lesend und schreibend in meiner Ecke und noch nie hat hier irgendjemand irgendein Instrument ausgepackt, nicht mal ne Maultrommel oder Blockflöte, und noch nie ist ein berühmter Schauspieler oder gar Boris Becker hier herumgesessen.  Übrigens auch keine Krankenschwester, aber der sieht man das ja auch nicht an, da die ja heute nicht mehr mit einem kleinen weißen Häubchen und rotem Kreuz darauf herumrennen, sondern in Gesundheitsschuhen und man kann sie deshalb auch für Lehrer und Kellnerinnen halten.

Im letzten Stadtjournal über Frankfurt werden mehrere Mütter beschrieben, die sich so mir nichts dir nichts eine erfolgreiche Existenz aufgebaut haben: „Nach der Geburt meiner Tochter habe ich die Nähmaschine meiner Schwiegereltern ausprobiert und die Lust war geweckt.“ Außerdem hatten die entsprechenden Protagonistinnen des Artikels  schon als Kinder „Freude daran gehabt, Dinge auf dem Flohmarkt zu verkaufen oder Abnehmer für ihre selbstgemalten Bilder zu finden.“ Ich fühle mich an Rosamunde Pilcher erinnert, wo die nach langen Jahren heimgekehrte Heldin, schwup, mit Marmeladeeinkochen oder als Porzellanmalerin das Hofgut der Großmutter rettet  (während sie ihre alte Jugendliebe aufwärmt und dem reichen Verehrer auf seine unlauteren Schliche kommt).

Selbst im Spiegel wird mir erst mal am Anfang eines Artikels Zeilen lang beschrieben wie „lebhaft“ oder „intelligent und wach“ der Blick einer attraktiven Schriftstellerin ist oder wie der neue Star der Biomedizin angezogen ist, als er zum Interview erscheint. Angeblich soll mich das als Leser interessieren.  Angeblich soll mir die ein oder andere Beschreibung helfen, sich diesen Menschen besser vorzustellen, überrascht zu sein oder bestätigt. Aber eigentlich vermittelt es mir nur zunehmend das Gefühl, dass ich veräppelt werde, dass mir hier etwas verkauft wird, dass kaum mehr etwas mit der Realität zu tun hat (um nicht zu sagen: Gar nix!), um mir das Grau der harten Realität - ja was?! - schmackhaft zu machen, zu verstecken, zu leugnen?! 

Wenn man diese schönen Schein-Geschichten liest und die hochmanipulativen Fotos dazu betrachtet, stellt sich oft genug das Gefühl ein: Irgendwelche Menschen führen ein sinnvolles und erfülltes Leben an wunderschönen Orten, sind fröhlich und wohlgemut in ihrem Tagwerk unterwegs , und die Dornen der Selbstzweifel sind doch nicht mehr als ein paar kitzelige Zweiglein an der prall behängten Himbeerhecke ihres Lebens, von deren reicher Ernte sie dann besagte Marmelade kochen, um das großelterliche Landgut zu retten. 

Die Frage ist nun:  Wer hat bestimmt, dass der Journalismus immer weiter in diese süßliche Scheinwelt abtaucht?  Erwarten Menschen diesen Hochglanz-Mist (und ich habe hier extra meine Lieblingsfeinde Gala und Bunte mal außen vor gelassen)? Und wenn ja, warum? Weil ihr Alltag immer grauer und frustrierender wird und sie ihre Psyche mit diesen Sehnsuchtsorten und Träumen von einem erfüllten kreativem Leben im Gleichgewicht halten? Ver-gala-risieren all unsere Medien (selbst die politischen), weil wir noch mehr schlechte Nachrichten von Krieg und Hunger und Elend nicht mehr ertragen? Wie viel Hoffnung braucht der Mensch? Mit wie viel Schein lässt sich unser Leben noch im Gleichgewicht halten? Brauchen wir heute mehr Schein, weil das Sein immer anstrengender wird? Oder immer hoffnungsloser? Sind diese Scheingeschichten der Medien nicht einfach nur alt-ehrwürdige Paradies-Vorstellungen für das Dieseits, quasi die Deckengemälde barocker Kirchen im wöchentlichen Din A4 Format, praktisch zum Umblättern und Anbeten?

Kulturen, die ihren Höhepunkt überschritten hatten, die zunehmend erstarrten in ihren Privilegien, ihrem Wohlstand und ihren geistigen Errungenschaften, wurden bisher in der Geschichte zumeist von neidischen Nachbarn überrannt, die noch getrieben von realen Verbesserungssehnsüchten, weltlicher und religiöser Art, versuchten „nach oben“ zu gelangen. In Zeiten der Globalisierung hat sich dieses Prinzip (bis auf ein paar renitente Terroristen) ad absurdum geführt. Man klaut höchstens noch Technikneuerungen und versucht, sie billiger selbst nachzubauen. Ansonsten hätten die Mächtigen und Reichen zu viel zu verlieren, wenn sie ihre Feinde offen angreifen würden.  Und mit all den Abhörmöglichkeiten weiß man doch eh was läuft. Die Finanzwelt ist zu verstrickt, die Politik zur Diplomatie gezwungen. Ein Eingriff in Syrien führt zu nichts mehr,  als zu neuen Terroristen mit Hass auf den Westen. Selbst der Iran hört mittlerweile lieber Klingelbeutel als Waffenrasseln. Wenn uns keine Marsmenschen angreifen sollten, hat der Kapitalismus gewonnen, auch wenn er sich noch einige Male mit Umschuldung hoch und runter rechnen muss. Doch von ein paar irrealen Nullen lässt sich die kapitale globale Elite nicht mehr ihren Sieg streitig machen.  

Was kann ich wissen? Was kann ich hoffen? Was soll ich tun? Das sind die drei großen Fragen des Philosophen Kant zu Beginn der Aufklärung und Moderne. Unsere Medien geben eine Scheinwelt zur Antwort, einen Traum von irgendwie  ist irgendwo irgendwer im perfekten Leben angekommen, ein „ach hätte ich doch, würde ich doch, wäre doch“, dass uns meist nur ins nächste Reisebüro oder ins nächste Shoppingcenter führt. Doch auch der Kapitalismus hat eine winzige Schwachstelle, ein Lindenblatt zwischen seinen Schultern: Menschen, die die Scheinwelten und verkauften Träume nicht mehr ertragen und in eine bescheidene Zufriedenheit ausbrechen. Sie kochen ihre Himbeermarmelade selber ein - auch wenn das erst mal nur den Herd ihrer Mietswohnung im dritten Stock versaut.




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