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Film

Die RAF in 150 Minuten

Der Baader Meinhof Komplex kommt als Verfilmung des gleichnamigen Bestsellers von Stefan Aust in die Kinos

© Constantinfilm

Vor über 20 Jahren erschien "Der Baader Meinhof Komplex", das Buch des ehemaligen Spiegel-Chefredakteurs Stefan Aust, welches seitdem als Standardwerk zur Geschichte der Roten Armee Fraktion und ihrem terroristischen Handeln in Deutschland von 1967 bis hin zum Selbstmord der führenden Köpfe 1977 im Gefängnis Stammheim gilt. Nun haben sich Produzent Bernd Eichinger und Regisseur Uli Edel des Themas angenommen und die Entwicklung der RAF von 1967 bis 1977 auf die Leinwand gebannt. Herausgekommen ist der teuerste deutsche Film aller Zeiten. Aber darüber hinaus auch ein Stück äußerst anschauliche Zeitgeschichte und deutsche Oskar-Hoffnung.

Mit Demonstrationen gegen den Staatsbesuch des persischen Schahs in Berlin kommt es zu gewalttätigen Auseinadersetzungen zwischen Polizei und Demonstranten. Bei der heftigen Überreaktion der Staatsgewalt wird im Zuge der Auflösung der Demonstration der Student Benno Ohnesorg getötet. Studentenführer Rudi Dutschke (Sebastian Blomberg) wird auf offener Strasse angeschossen. Es folgen Demonstrationen gegen den Springer-Verlag. Bei einigen Leuten beginnt sich das Gefühl breit zu machen, dass gewaltfreie Protestaktionen nicht den gewünschten Erfolg erzeugen. Gudrun Ensslin (Johanna Wokalek) und ihr Freund Andreas Baader (Moritz Bleibtreu) denken eben so und stecken aus Protest gegen das bestehende System ein Kaufhaus in Brand, wofür sie zu drei Jahren Haft verurteilt werden. Von dieser militanten Konsequenz begeistert zeigt sich Ulrike Meinhof (Martina Gedeck), Starkolumnistin der linken Zeitschrift "konkret".

U. Meinhof (Martina Gedeck) schließt sich Baader und Ensslin an © Constantinfilm

Baader und Ensslin tauchen bei Meinhof ab. Als Baader erneut gefasst wird, beteiligt sich die Journalistin im Mai 1970 an dessen gewaltsamer Befreiung und begibt sich somit selbst in die "Illegalität", gemeinsam gründen sie die "Rote Armee Fraktion" (RAF). Die Gruppe entschließt sich zum bewaffneten Widerstand gegen den politischen Status Quo in Deutschland und beschwört die Solidarität mit internationalen revolutionären Bewegungen.

Die wachsende Gruppe der RAF absolviert eine Ausbildung in einem palästinensischen Trainingscamp und kehrt nach Deutschland zurück. Banken werden überfallen, Anschläge verübt und die Zahl der Toten und Verletzten, die auf das Konto der RAF gehen, steigt drastisch an. BKA-Chef Horst Herold (Bruno Ganz) baut einen riesigen Fahndungsapparat auf und schafft es schließlich 1972 Baader, Ensslin, Meinhof und die meisten Mitglieder der "ersten Generation" der RAF festzunehmen. Während der Haft entfaltet die Gruppe aber erst ihren wahren Einfluss und erweitert ihren Sympathisantenkreis. Als RAF-Mitglied Holger Meins (Stipe Erceg) an den Folgen eines Hungerstreiks stirbt, kommt es zu Racheaktionen. Berlins Oberster Richter Günter von Drenkmann wird erschossen, die deutsche Botschaft in Stockholm von Aktivisten der RAF gestürmt und Geiseln hingerichtet.

Entführung Schleyers durch die RAF © Constantinfilm

Im Mai 1975 beginnt in Stuttgart-Stammheim der Prozess gegen Meinhof, Baader, Ensslin und Jan-Carl Raspe (Niels Bruno Schmidt). Nach außen hin zu politischen Ikonen verklärt, steigen die Spannungen innerhalb der Gruppe. Im Mai 1976 wird Ulrike Meinhof erhängt in ihrer Zelle aufgefunden. Nun wird eine Spirale der Gewalt in Gang gesetzt, die ihren Höhepunkt im Herbst 1977 mit der Entführung des Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer und der Entführung einer Lufthansa Maschine erfährt.

Die Verfilmung des RAF-Stoffes und eines guten Jahrzehnts deutschen Terrors ist ein gewagtes Unterfangen. Schließlich ließen sich nicht nur einige junge Menschen in den 70ern von der kapitalismuskritischen Rhetorik der RAF begeistern. Eine Verklärung der RAF und ihres Terrors erfolgte durchaus auch in den Jahren und Jahrzehnten danach. Deshalb war es sicherlich ein Wagnis, einen Film über das Entstehen und Wirken der RAF zu drehen. Die Umsetzung hingegen ist streckenweise mehr als nur gut gelungen.

Regisseur Uli Edel zeigt die erschreckende Brutalität, mit der die RAF in ihrem Kampf gegen das System vorgegangen ist. Abgerissene Gliedmaßen amerikanischer Soldaten werden dem Zuschauer ebenso schonungslos geliefert, wie eine präzise Darstellung der Auswirkung von Kopfschüssen und anderweitigen Hinrichtungen. Das ist hart, aber absolut essentiell, um nicht der Gefahr zu erliegen, mit der Gruppe zu sympathisieren. Denn zu Beginn stößt die Bereitschaft zu Aktionismus gegen die übertriebene Brutalität der Polizei durchaus auf Verständnis. Und Moritz Bleibtreus Darstellung Andreas Baaders hat zu Beginn etwas romantisch-delinquentisches. Die Brutalität der Bilder ruft aber immer wieder ins Gedächtnis, welche Gewaltbereitschaft hinter der Befreiungsrhetorik der RAF stand.

Baader (M. Bleibtreu) und Ensslin (J. Wokalek) © Constantinfilm

Ganz hervorragend ist die schauspielerische Leistung der Darsteller. Nicht umsonst ist in diesem Film die Crème de la Crème der deutschen Schauspielkunst vertreten. Johanna Wokalek und Martina Gedeck spielen ihre Figuren derart überzeugend, dass man das Gefühl hat, man sieht alte Filmausschnitte aus der Zeit. Auch Moritz Bleibtreu schafft es ab der Hälfte des Films Baader als schlichten Schwätzer und äußerst gewaltbereiten Choleriker darzustellen. Alle drei zeigen dem Zuschauer eindringlich die immer größer werdende Zerrissenheit der ehemaligen Weggefährten während ihrer Zeit im Gefängnis - und die aufkeimenden Zweifel einer Ulrike Meinhof. An ihr selbst, aber auch an den Rechtfertigungen der Aktionen der Gruppe.

© Constantinfilm

Der Film hält sich in den wichtigen Szenen, etwa den Schüssen auf Dutschke, der Festnahme Baaders und Raspes, dem Prozess in Stuttgart-Stammheim und der Entführung der "Landshut", bis aufs kleinste Detail an den wahren Ereignissen. Zusammen mit Originalbildern ergibt sich beim Kinogänger die Vorstellung, direkt in die Zeit der RAF hinein versetzt zu sein und sozusagen "live" den Geschehnissen beizuwohnen.

Die Schwierigkeit des Baader Meinhof Komplexes ist das vorausgesetzte Wissen über die Ereignisse der Jahre 1967 bis 1977. Zehn Jahre deutsche Geschichte und die Entwicklungen und Anschläge der RAF in Verbindung mit den unterschiedlichen Personen in zweieinhalb Stunden Film können schnell zur Verwirrung führen, wenn man sich nicht bewusst ist, dass aus geschichtlicher Konsequenz nun dieser oder jener Akteur auftreten muss. Wer aber bereits mit Grundwissen zur Roten Armee Fraktion den Kinosaal betritt, der bekommt eine Verfilmung schmerzhafter deutscher Geschichte auf allerhöchstem Niveau. Nicht zu Unrecht darf sich der Film Hoffnungen auf eine Nominierung als bester ausländischer Film bei den nächstjährigen Oscarverleihungen machen.

Die einzige Schwierigkeit dürfte darin bestehen, das amerikanische Publikum von diesem Thema zu begeistern, da vergleichbares Vorwissen nicht vorhanden sein dürfte. Da aber auch in den USA im Zuge der "68er" Bewegung eine Radikalisierung, etwa durch die Gruppe der Black Muslims, erfahren haben und der Terror der RAF weltweite Beachtung fand, hat der Film durchaus Chancen, Aufmerksamkeit in Amerika zu erregen. Von der filmischen und schauspielerischen Leistung steht einer Nominierung jedenfalls nichts im Wege. Und vielleicht hilft der Film auch zu klaren, dass Terror keine moderne Erscheinung des 21. Jahrhunderts ist. Und vielleicht kann der Film auch anregen darüber nachzudenken, wie man Terror in die Schranken verweisen kann und das nicht nur mit gewaltsamen Mitteln - wie Bruno Ganzs alter ego im Film, Horst Herold, beinahe beiläufig anmerkt.

Der Baader Meinhof Komplex

Deutschland 2008

Constantin Film und Bernd Eichinger

Regie: Uli Edel

Darsteller: Martina Gedeck, Moritz Bleibtreu, Johanna Wokalek, Nadja Uhl, Jan Josef Liefers, Stipe Erceg, Alexandra Maria Lara, Tom Schilling, Heino Ferch, Bruno Ganz

Kinostart: 29. September 2008

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