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Buch

Die Idee der Weltliteratur

Die Idee der Weltliteratur: Ein Konzept Goethes und seine Karriere

von Dieter Lamping

10,90 Euro

Kröner Verlag

 

 

Goethe war?s!

Schon seit Jahren haben Werke à la "Die größten/besten/schönsten Bücher" Konjunktur. Sie drücken nicht nur den Wunsch nach einem literarischen Kanon aus, sondern es liegt ihnen allen die unausgesprochene Überzeugung zugrunde, daß es tatsächlich etwas wie eine anspruchsvolle, international bedeutsame "Weltliteratur" gibt. Längst ist dieser Begriff, im frühen 19. Jahrhundert von Christoph Martin Wieland geprägt und dann von Johann Wolfgang von Goethe zur Idee erhoben, in den populären Sprachgebrauch eingegangen, wobei jedoch primär das Wort an sich überdauert hat. Der damit formulierte Anspruch Goethes hingegen war und ist dem geistesgeschichtlichen Wandel unterworfen.


Kommunikation

"Nichts ist mächtiger als eine Idee, deren Zeit gekommen ist " meinte schon Victor Hugo. Selten genug läßt sich allerdings der genaue Zeitpunkt bestimmen, wann eine solche Idee offiziell in die Welt getreten ist. Am 15. Januar 1827 schrieb Goethe den Terminus noch kommentarlos in sein Tagebuch, aber am 31. Januar verwendete er ihn erstmalig in Gesellschaft, nämlich bei einem Tischgespräch unter anderem mit seinem Vertrauten Eckermann: "National-Literatur will jetzt nicht viel sagen, die Epoche der Welt-Literatur ist an der Zeit und jeder muß jetzt dazu wirken, diese Epoche zu beschleunigen." Da war sie, die "Weltliteratur", nur ein Wort bislang und doch schon mit Bedeutung aufgeladen.
Auch wenn Goethe seine Idee der Weltliteratur nie systematisch niederlegte, läßt sich deren Grundprinzip aus diversen verstreuten Bemerkungen entnehmen. Ihm ging es um eine Art Gemeinsinn in litteris, das heißt eine Form von literarischer Kommunikation zwischen Schriftstellern unterschiedlicher Nationalität mit prägnanter gesellschaftlicher Außenwirkung. Einen solchen intellektuell wie interkulturell dynamischen (Gedanken-)Austausch sah er von der politischen und ökonomischen Situation Europas begünstigt, wies zudem auf die inzwischen gegebenen technischen Voraussetzungen für einen derartigen Transfer hin. Das eben darf als entscheidende Entdeckung und als Zeichen seines fortschrittlichen Geistes betrachtet werden, daß Goethe nämlich den genius saeculi, den veränderten Zeitgeist seiner neuen Epoche erkannt hat und mit einer weltoffenen literarischen Idee verknüpfte.


Kontakte

Minutiös und überzeugend rekonstruiert Dieter Lamping die Entstehungsgeschichte der Weltliteratur-Idee, erläutert zunächst ihre Entwicklung aus Goethes Denken und Wirken heraus. Dessen Idee voraus gehen nicht allein seine konzentrierte Beschäftigung mit fremder Literatur im Winter 1826/27, sondern ebenfalls mehr oder minder intensive Kontakte in den Jahrzehnten zuvor mit europäischen Schriftstellern wie Allessandro Manzoni, Lord Byron, Thomas Carlyle und Madame de Staël. Jene Begegnungen beschränken sich meist auf Briefwechsel, die dem gedanklichen Austausch dienen, aber mitunter auch von erfrischender Pragmatik zeugen. So erhofft sich Goethe vom Kontakt mit Madame de Staël etwa, daß sie zur Verkünderin seines Ruhmes in Frankreich werde.
Darüberhinaus verdeutlicht der Autor in seinem als Einführung zum Thema gedachten Buch, warum es gerade im Deutschland des beginnenden 19. Jahrhunderts zu solchen Überlegungen kommt. Tatsächlich sind die ersten drei Jahrzehnte vor und nach 1800 die erste europäische Phase deutscher Literatur, gekennzeichnet von reicher Übersetzung, Vermittlung sowie produktiver Aufnahme unterschiedlicher, auch weit über Europa hinausreichender Literatur. Solche Internationalisierung bietet gewissermaßen die Basis für eine Idee der Weltliteratur, die entsprechend in der Literaturwissenschaft traditionell nicht allein als poetisches Konzept verstanden wird, sondern ebenfalls als kosmopolitisches Programm.


Konzentrat

Völlig zu Recht untertitelt Dieter Lamping sein Buch mit "Ein Konzept Goethes und seine Karriere", hat doch der Begriff "Weltliteratur" mittlerweile nicht allein in der Komparatistik große Bedeutung gewonnen, sondern auch die allgemeine Sicht auf Literatur gravierend transformiert. Gleichwohl präsentiert sich die Rezeptionsgeschichte der Weltliteratur-Idee als äußerst wechselvoll und ist durch häufige Abweichungen von Goethes ursprünglichem Gedanken gekennzeichnet. Der inzwischen weltweit gebrauchte Terminus hat sich längst verselbständigt, wobei allein das Wort geblieben, sein Inhalt jedoch Veränderungen unterworfen ist. Weder seine gängige, den Sprachgebrauch dominierende Bedeutung im quantitativen (Summe aller Literaturen der Welt) noch qualitativen (Klassiker von überzeitlich ästhetischem Rang) Sinne geht konform mit Goethes Konzept, selbst das intertextuelle Verständnis nur bedingt. Obschon in Zeiten heutiger Globalisierung der anfängliche Sinngehalt aus dem 19. Jahrhundert, als Weltliteratur für völkerübergreifende Verständigung und Ausbruch aus nationaler Begrenztheit stand, wieder aktueller zu werden scheint, geschieht auch dies unter abweichenden wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Voraussetzungen. Kurz: Der konstruktive Prozess der Interpretation, Ausdifferenzierung, vielleicht gar Neudefinition von ?Weltliteratur? ist längst nicht abgeschlossen und spricht für ein essentielles Format des Begriffes wie Konzeptes.
"Die Idee der Weltliteratur" zu lesen öffnet den literaturwissenschaftlichen Blick auf eine alltäglich gebrauchte Vokabel mit spektakulärer Genese und Resonanz. Wiewohl Dieter Lamping, Professor für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft an der Universität Mainz, einen fundiert akademischen Zugang zu diesem Thema wählt, wissen ein logisch durchdachter Kapitelaufbau und klar formulierender Stil selbst Fachfremde zu fesseln. Darüberhinaus läßt sich das hervorragend recherchierte Buch nicht nur als komparatistisch kompakte Zusammenfassung verstehen, sondern auch als historisch wie literaturtheoretisch anschauliche Darstellung vom Werdegang einer Idee, von deren Aufkommen bis zu ihrem Triumphzug. Und den hat der Begriff "Weltliteratur" auf philologischem Wege definitiv unternommen. Ob Goethe dies schon ahnte, damals im eisigen Winter 1827?

(Nathalie Mispagel)

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