Alles andere als verstaubter Klassiker
"Die Handschriften von Saragossa" war eine wirkliche Überraschung für mich - wieso? Ganz einfach, man merkt dem Buch sein Alter nicht an. Während manche Bücher, die um 1800 entstanden, doch sehr verstaubt, unzeitgemäß und langweilig daherkommen, ist dieser Roman so abenteuerlich wie seine Entstehungsgeschichte: Das Buch, das sich in einem Vorwort selbst als ein altes Manuskript ausgibt, das zu anfangs in Saragossa gefunden wird, besteht aus mehreren Kurzgeschichten, durch die sich eine große Rahmenhandlung zieht. Der Held all dieser Geschichten, Alfons van Worden ist auf dem Weg nach Madrid, wo er seinen Dienst antreten will, nachdem er sein Hauptmannspatent erhalten hat. Natürlich verläuft diese Reise alles andere als ereignislos und so trifft er eine Vielzahl von Gestalten - von denen manche ihm wohlgesinnt sind und manche nicht - und gerät von einem Abenteuer ins andere. Dabei begegnet er beispielsweise einem Räuberhauptmann, einigen Zigeunern, die ebenfalls auf Reisen sind oder verbringt eine erotische Nacht mit einer zufälligen Bekanntschaft. Adelige, Bettelmänner, Verbrecher, Juden, Muslime und Christen und noch Viele mehr geben sich ein Stelldichein, wenn Worden unterwegs ist - und jeder hat eine eigene, interessante Gechichte zu erzählen, die lose mit der Haupthandlung verknüpft ist.
Keine Frage, dass es alles andere als unkompliziert ist, dieses Buch zu lesen. Mir fiel es vor allem nicht ganz leicht, mir die gefühlt 1001 Namen zu merken und auch der Inhalt der erzählten Geschichten verleitet immer wieder zum Grübeln, denn es werden viele moralische Themen angesprochen, jedoch werden auch Themen wie Religion (vor allem das Zusammenspiel der Religionen) und Okkultismus nicht ausgelassen. Auch ausreichend schaurige Elemente gibt es, z.B. in Form zweier Frauen, die Reisende verführen, die darauf folgend am Galgen enden.
Riesige Themenvielfalt
Ob nun leicht moralisierend, philosophisch oder schaurig-spannend - Potocki versteht es, all diese Themen und Charaktere in einer großen Rahmenhandlung miteinander zu verbinden und den Leser zu fesseln. Wer sich von dem großen Umfang des Buches abgeschreckt fühlt, der sei noch einmal darauf hingewiesen, dass "Saragossa" teilweise den Charakter einer Kurzgeschichtensammlung aufweist. So gut wie jede Geschichte kann auch für sich stehend gelesen werden, aber dennoch empfehle ich, das Buch lieber von Anfang bis Ende zu lesen. Äußerungen, dass "Die Handschriften von Saragossa" mit den Erzählungen aus 1001 Nacht verglichen werden könnten, kann ich jedoch guten Gewissens zustimmen - vor allem, was die Themenvielfalt und Spannung der einzelnen Geschichten angeht, die so unterschiedlich und orginell sind, dass das Buch auf keinen Fall langweilig wird.
Und das Preisleistungsverhältnis ist einfach spitze: Für 10 EUR bekommt man gut 1000 Seiten spannende Geschichte und das auch noch in einer gebundenen Ausgabe - das ist ziemlich gut, wenn man mich fragt.
Meine Empfehlung also für alle, die demnächst einen "Klassiker" lesen wollen: Legt den verstaubten Goethe beiseite und lest lieber einen Potocki. Es lohnt sich.
Erzsébet Báthory
Jan Potocki - Die Handschriften von Saragossa
EUR 9,95http://www.aufbau-verlag.de/



























