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Zeitgenössische Literatur

Die Geschichten eines Miethauses

In Lissabon steht ein ganz gewöhnliches Mietshaus, das acht ganz gewöhnliche Mietparteien bewohnen. Natürlich hat jede ihre ganz eigene Geschichte, doch eines haben alle Personen gemeinsam: Die Unzufriedenheit, das Hadern mit sich selbst, der Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft.

Der zweite Mieter rechts ist ein alter Mann, dessen Frau vor einem oder zwei Jahren gestorben ist. Gerade hat er in einer Schublade seine Liebesbriefe an sie gefunden, die sie mit Bleistift korrigiert hat. Er stellt fest, dass er weder die Wohnung noch sein Leben wirklich mag. Der zweite Mieter rechts ist auf die Uhr seines Großvaters fixiert und erlebt den Umbruch des Landes Portugal vom Faschismus zur Republik mit - also um 1974 herum. Er will sich seiner Umwelt als Mann beweisen und bereut es zutiefst, sich in der Vergangenheit zum Spitzel des Regimes gemacht zu haben. Im Erdgeschoss links wohnt ein Single, der sich einerseits wieder eine Beziehung wünschen, andererseits die wohltuende Einsamkeit des Alleinseins genießen möchte. Er beobachtet eine andere Mieterin, die Richterin, die sich unter anderem immer stärker schminkt, um jugendlicher zu wirken. Als sie die Haare verliert, trägt sie einen Turban - das alles fällt ihm auf, während er einfach nur in der Idee festhängt, dass er sich eventuell wieder eine Beziehung wünscht.

Die Kritik

Das sind nur drei Beispiele der Mietparteien in Lissabon - sie alle sind Einzelschicksale, die doch miteinander zusammen hängen.

Die Idee, ein beliebiges Mehrparteienhaus einer Großstadt als Ausgangspunkt einer Erzählung zu machen, die die verschiedensten Schicksale erfahren haben, ist grundsätzlich eine sehr interessante. Durch die dem Autor ganz eigene Art wird das polyphone Konzept doch recht kompliziert umgesetzt - keineswegs schlecht! Aber sehr anspruchsvoll, dementsprechend bedarf das Buch geduldige Leser, die sich gerne die Zeit nehmen, sich in diese Erzählweise einzufinden.

Der Schreibstil ist sehr eigentümlich - aus grammatikalischer Sicht beginnt das mit den unglaublich langen Sätzen: Jedes Kapitel ist im Endeffekt ein Satz, Punkte findet man jeweils nur am Ende der 25 Kapitel, die im Erdgeschoss beginnen und tatsächlich auf dem Dachboden enden. Erzählt wird grundsätzlich aus der ich-Perspektive, die durch kurze Einschübe der direkten Rede unterbrochen werden. Nicht wie meistens gewohnt in Anführungszeichen gesetzt, sondern ganz simpel mit einem Spiegelstrich. Damit wirken sie oft wie harte, etwas unwillkommene Unterbrechungen und machen das Lesen sehr anspruchsvoll.

Je weiter man fortschreitet, desto besser gewöhnt man sich an den ungewöhnlichen Stil, erkennt eher, wohin die Reise gehen soll und erkennt am Ende die Position, die der Dachboden einnimmt: Thront über allen Parteien, eint sie, ohne sie einig werden zu lassen, stützt sich auf sie, gibt ein schützendes Dach - er ist der Alte, die vergangene Zeit. Das dürfte eines der Hauptprobleme der Charaktere sein: Sie glauben/ hoffen/ wollen, dass die Zeit still steht, aber Pustekuchen. Die Zeit verinnt ihnen wie Sand zwischen den offenen Fingern und das sorgt für ordentlich schweres Gemüt. Dieses Motiv zieht sich durch das gesamte Buch, sodass man als Leser, der sich vielleicht leicht und/ oder intensiv mit den gelesenen Geschichten identifiziert, selbst gegen diese Schwermut ankämpfen muss. Das ist einerseits wenig spaßig, andererseits aber ein Qualitätsmerkmal des Inhalts. Denn wäre dem nicht so, würde man als Leser nur über die Geschichten hinweg gleiten, anstatt darin unterzutauchen.

Fazit: Extrem anspruchsvoll, bei weitem nicht für jeden Leser gemacht - selbst wenn Literatur zur Hausmannskost gehört. Mir persönlich im Lesefluss zu anstrengend.


Bettina Riedel (academicworld.net)

António Lobo Antunes. Ich gehe wie ein Haus in Flammen.

Luchterhand Literaturverlag. 24,00 Euro.




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