Seite empfehlen
Drucken
Buch

Die Farbe des Krieges

Arkadi Babtschenkos Manifest gegen die Grausamkeit des Tschetschenien-Krieges - und gegen die Willkür der russischen Armee

Copyright: Glas New Russian Writing

Ein junger Mann mit gerade einmal neunzehn Jahren wird von Moskau aus nach Tschetschenien versetzt. Dort ziehen die "Frischlinge" in die Berge und werden auf ihren Kampfeinsatz vorbereitet. Die Vorbereitung besteht darin, dass die jungen Soldaten von den Altgedienten, jenen mit Fronterfahrung, willkürlich auf grausamste Weise zusammengeschlagen werden. Eine Erklärung dafür gibt es nicht. Es ist keine Vorbereitung auf den Kampfeinsatz. Die Misshandlungen geschehen, weil das Leben der "Frischlinge" in den Augen dieser Männer einfach nichts wert ist.

Schließlich wird der Soldat ins Kriegsgeschehen in Tschetschenien geschickt und seine bisherige Vorstellung, der Krieg sei ?schwarzweiß?, geht im Schlamm Tschetscheniens verloren. Er sieht den Krieg nun in all seinen Farben, Facetten und unsagbaren Grausamkeiten - Farben, die er nie wieder vergessen soll: ans Kreuz genagelte Kameraden, durchtrennte Kehlen, schreiende Geiseln, Körperteile, Leichen, sickerndes Blut. Die Bilder des Krieges sind so niederdrückend, dass der einzige Ausweg, die eigene Verrohung ist. Bald stört der Soldat sich nicht mehr am Gestank der Toten, den Leichen, die er abtransportieren muss. Und immer wieder erlebt er die Grausamkeit in den eigenen Reihen, wenn sich die Ranghöheren aus Spaß oder vorgeschobenen Gründen, Opfer unter den jüngeren Soldaten aussuchen.

Der Autor, Arkadi Babtschenko, wurde 1977 in Moskau geboren und unmittelbar nach seinem Schulabschluss in die russische Armee einberufen. Insgesamt war er vier Jahre in Tschetschenien im Einsatz. Diese Grenzerfahrung hat er nun in "Die Farbe des Krieges" niedergeschrieben. Das Buch ist schwere Kost. Nicht literarisch. Aber die Schilderung der Grausamkeiten die Menschen einander antun können - Russen an Tschetschenen, Tschetschenen an Russen, oder Russen an Russen - sind so kräftig, so schlagend, dass man schwer zu schlucken hat, um sich über die nächste Folterung, die nächste körperliche Erniedrigung zu retten. Diese Passagen lassen einem das Blut in den Adern gefrieren, zugleich aber vermitteln sie dem Leser genau das was die Absicht des Autors ist - die unerklärliche Grausamkeit, die Krieg und auch die Vorbereitung auf einen Krieg mit sich bringen können.

Babtschenko kritisiert mit seinem Werk nicht nur die Sinnlosigkeit des Krieges oder dessen Grausamkeit, etwa wenn tschetschenische Frauen, die auf der Strasse nach ihren getöteten Söhnen Ausschau halten getötet werden, weil sie für Krieger gehalten werden. Auch nicht die durchaus thematisierte Brutalität tschetschenischer Freiheitskämpfer, die im Namen Allahs Geiseln nehmen, diese Foltern und auf grausamste Weise hinrichten. Babtschenko thematisiert gerade auch die Brutalität der russischen Armee, wie menschenverachtend ältere Soldaten mit den jüngeren umgehen. Wie alters- und rangabhängig Auszeichnungen und Ehrungen verliehen werden. Wie zügelloser Wodka-Konsum einen teils brutalen und unkontrollierbaren Haufen fabriziert. In den niedergeschriebenen Worten eines ehemaligen Tschetschenien-Kriegers bekommen diese Kritikpunkte umso mehr Authentizität.

"Die Farbe des Krieges" ist unangenehm zu lesen, weil es von einem erzählt, der dabei war. Man weiß, dass dies alles passiert ist, oder an anderer Stelle passieren kann. Nur Namen und Orte mögen sich ändern. Diese Erkenntnis schmerzt. Genau das zeichnet wirklich große Bücher über den Krieg, die sich selbst als antikriegerisches Manifest verstehen, aus. Babtschenkos Roman reiht sich in die Reihe der ganz Großen ein und kann sogar neben einem Jahrhundert-Buch wie Remarques "Im Westen nichts Neues" bestehen. Es ist ein Appell an die Menschheit, Werte wie Menschlichkeit auch in Zeiten der Verrohung hochzuhalten. Es ist eine Verteufelung des Krieges: "Sei verflucht, Scheißkrieg!"

Bis heute ist der Tschetschenien-Konflikt nicht beigelegt und eine Lösung wird wohl auch nicht so schnell gefunden werden. Nationalstolz und persönliche Interessen hindern immer noch einen Friedensschluss. Wie gewagt dieses Buch ist und welche Risiken Arkadi Babtschenko damit eingegangen ist, zeigt wohl nichts deutlicher als die Tatsache, dass er unter anderem Reporter der Nowaja Gaseta ist. Jener Zeitung für die auch Anna Politkowskaja geschrieben hatte - und wegen ihrer persönlichen Kritik am Tschetschenien-Krieg 2006 ermordet worden ist.

Florian Jetzlsperger

Arkadi Babtschenko

Die Farbe des Krieges

Deutsch von

Olaf Kühl

Rowohlt

 

Serie: 21 Fragen

Menschen des 21. Jahrhunderts:
Ronald Reng, der Fußball-Literat

21 Fragen an: Ronald Reng

Ronald Reng, geboren 1970, ist freier Sportreporter und wohnt in Barcelona. Wann immer Ronaldinho und Co. in der Champions League an den Ball treten, kann man Rengs Berichte in der Süddeutschen Zeitung lesen. Außerdem hat er sich in den letzten Jahren als vielversprechender Buchautor ("Der Traumhüter", "Fremdgänger") hervorgetan.


Die Berufseinsteigerfrage

Wie geht man als Chef mit Mobbing um?

Die Berufseinsteigerfrage:

“Nach einem Traineeprogramm bin ich seit 10 Monaten in leitender Position in einem Industrieunternehmen. Ich habe promoviert und halte mich für überdurchschnittlich qualifiziert. Mit Teamarbeit in einem überwiegend akademischem Umfeld hatte ich noch nie Probleme. In meinem Team, welches aus 22 Mitarbeitern besteht, gibt es aber gerade auf der niedrigsten Hierarchieebene Mitarbeiter, die meinen Anweisungen nicht folgen und an jeder Stelle boykottieren. Die Respektlosigkeit, mit der ich dabei konfrontiert werde, ist vollkommen neu für mich. Die Rüpelhaftigkeit, mit der mir mitgeteilt wird, man sei sowieso unkündbar und ich solle mir ‘die Sekräterinnenbande’ besser nicht zum Feind machen, macht mich sprachlos. Wie soll ich mit dieser Form des Vorgesetzten-Mobbings umgehen?“ Philip S. (29) aus Mannheim


Serie: Netzperlen

Diese Woche: People of Walmart

Netzperlen:

Wenn man sich in den USA amüsieren will, geht man einfach in den Walmart. Warum es dieser Discounter hierzulande einfach nicht geschafft hat und nach nur wenigen Jahren wieder das Deutschlandgeschäft beendet hat - angesichts dieser Bilder kann man nur den Kopf schütteln. Wir würden sogar Eintritt za...