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Film

Die Eleganz der Madame Michel

Die Eleganz der Madame Michel

© Senator

Es war einmal... eine ältliche, ruppige Concierge, die in einem Pariser Stadtpalais für Ordnung sorgt, ansonsten ein stilles, unbeachtetes Dasein führt. Bis ein japanischer Herr auftaucht und die Schönheit ihrer Seele erkennt. Auch ein kleines reiches, aber einsames Mädchen findet in ihr eine wahre Freundin. Das war´s! Selbst die penetrant auf künstliche Poetisierung setzende Regie von Mona Achache kann nicht verbergen, dass diese auf dem Roman "Die Eleganz des Igels" von Muriel Barbery basierende Story substanzlos ist, öde und weltfremd. Ein Märchen ohne Magie.

Wie in einem Goldfischglas

Die elfjährige hochtalentierte und willensstarke Paloma Josse (Garance Le Guillermic), Spross einer vermögenden Politikerfamilie, hat einen ungewöhnlichen Pakt mit dem Schicksal geschlossen. Weil auf sie eine sinnentleerte Zukunft im Goldfischglas der kleingeistigen Luxusgesellschaft wartet, will sie genau an ihrem zwölften Geburtstag Selbstmord begehen, vorausgesetzt, sie findet bis dahin nichts, was das Leben vielleicht doch kostbar machen könnte. Vorsichtshalber entwendet sie schon jetzt einzelne Antidepressiva-Tabletten ihrer neurotischen Mutter (Anne Brochet). Die kommuniziert seit zehn Jahren primär mit ihrem Psychoanalytiker, wahlweise mit den Grünpflanzen.

Ihr Ehemann (Wladimir Yordanoff) hingegen lebt allein für seine im Sande verlaufende Karriere, während die ältere Schwester (Sarah Le Picard) sich an übermäßigem Ehrgeiz abarbeitet. All das wird eher marginal und nur in kurzen Alltagsbeobachtungen dargestellt, ergibt sich wesentlich aus den persönlichen Einschätzungen der pfiffigen Paloma. Ihrer Ansicht nach hat es sie in eine völlig missratene Familie verschlagen, die bestenfalls als abschreckendes Beispiel dienen kann. Trotzdem fühlt sich Paloma verpflichtet, deren verfehltes Dasein abzufilmen und mit altklugen Kommentaren zu versehen, vielleicht als originelles Vermächtnis.

Achtung Romanze

Während die mild karikierte Familie Josse in ihrer Oberflächlichkeit munter vor sich hin pathologisiert, wird Renée Michel (Josiane Balasko) als solider, lebensnaher und heimlich gebildeter Gegenpart präsentiert. Dass die verschlossene, spröde Concierge sich nach außen gerne eigenwillig und schroff gibt, macht sie entsprechend konventioneller Charakterstereotypen natürlich umso liebenswürdiger. Wie es sich für eine ordentliche Mär gehört, kommt auch bald ein edler, feinfühliger Mann vorbei - nicht hoch zu Ross, sondern mit dem Möbelwagen - der in eines der exquisiten Appartements zieht und demnächst in Madame Michels Herz.

Eine einzige Begegnung mit ihr reicht Kakuro Ozu (Togo Igawa) - nicht verwandt oder verschwägert mit dem gleichnamigen Regisseur -, um in ihr eine Geistesverwandte und Literaturkennerin zu entdecken. O.K., selbst Lesebanausen haben wahrscheinlich längst von einem der berühmtesten Romananfänge der Weltliteratur gehört. Hier freilich wird die gemeinsame Kenntnis um Leo Tolstois "Anna Karenina" zum Erweckungserlebnis stilisiert. Auch wenn Madame Michel auf Ozus Geschenke und Einladungen vorerst zurückhaltend reagiert, ist längst klar, dass sich eine diskrete Romanze anbahnt. Sie besucht ihn in seiner erlesen-puristisch eingerichteten Zimmerflucht zum selbstgekochten Japan-Dinner, er verehrt ihr elegante Hosenanzüge in weinrot. Oh, là là!

Pseudo-Exzentriker unter sich

Es ist offensichtlich, dass der Film als bewegendes Sozialmärchen mit vordergründig exzentrischem Ensemble und moralhebender Botschaft verstanden werden will. Die Wohlhabenden fristen ein farcehaftes Dasein, und die weniger Begüterten haben dafür das Herz am rechten Fleck. Eine Brücke zwischen beiden bietet hauptsächlich die Liebe zur Literatur, obwohl außer dem arg überstrapazierten Roman Tolstois kein anderes Werk aus dem klassischen Kanon zitiert wird. Wieder einmal muss es "Anna Karenina" richten. Gleichwohl soll auch das Gefühl angesprochen werden mit kalkuliert schrulligen, für einen Schmunzler guten Sequenzen. Da muss etwa Madame Michel in einem japanischen Badezimmer recht exotische Erfahrungen mit Mozart machen oder es darf die verblüffende Zeichenkunst von Paloma bewundert werden. An ihre Zimmerwand hat sie nämlich für jeden Tag bis zu ihrem potentiellen Selbstmord entsprechende Kästchen gemalt, die sie nun kontinuierlich ausgestaltet, gerne auch mit Yin/Yang-Zeichen oder einem Ouroboros - alles, was Elfjährige eben so zeichnen.

Genau mit dieser Aufdringlichkeit ist der gesamte Film inszeniert. Nichts geschieht beiläufig, nichts absichtslos. Dass Kakuro Ozu Japaner ist, dient allein als dekoratives Lifestylemoment, nie als Kulturhintergrund. Immerhin wirkt das strategische Brettspiel Go in seiner Schwarz-/Weiß-Geometrie très chic, die kalligraphischen Zeichnungen Palomas zeugen von raffiniertem Stil, und eine kleine Japanischlektion im steckengebliebenen Lift hat auch etwas. Nur was? Tatsächlich ist es so, dass durch dramaturgische Überhöhung oder synthetische Symbolik das Triviale einen Anschein von Bedeutsamkeit erhalten soll. Auch die Kamera folgt diesem Kalkül. Es dominieren Groß- und Nahaufnahmen, als könnte man die Wichtigkeit der Figuren und Ereignisse nicht deutlich genug ins Bild rücken. Zudem wird sich teils der Perspektive von Paloma angeglichen, also aus dem etwas niedrigeren Blickwinkel eines Kindes gefilmt. Etwa ein Tribut an die eigene Naivität?

Die Katze hat das letzte Wort

Bis zuletzt kommt die Geschichte nie über Banales hinaus, bleibt in seichter Sozialromantik und Platitüden stecken. Das konnte selbst den Filmemachern nicht verborgen bleiben, und so retten sie ihre cineastische Nichtigkeit ins Drama. Schließlich fällt der Vorwurf der Bedeutungslosigkeit angesichts eines tragischen Unfalls ungleich schwerer. Visuell bleibt jener allerdings ausgespart, um nicht die fadenscheinige Maxime des Films zu gefährden, dass es nur auf die lebenswerten Momente vor dem Sterben ankomme. Selbst Paloma, einst kesse Rebellin der Bourgeoisie, gibt sich mit dieser lausigen Erleuchtung zufrieden. Der Selbstmord wird vertagt.

Was den Film gelegentlich aus seinem gequälten Beharren auf Relevanz herausreißt, sind die Schauspieler. Als würden sie sich nicht in einem kitschigen, realitätsfernen Sozialpanorama befinden, geben sie ihren ebenso unmotiviert wie unglaubwürdig handelnden Kunstfiguren eine Ahnung von Leben. Explizit Josiane Balasko stattet ihre Concierge mit mimischen Feinheiten jenseits des Klischees aus. Wenn sie in ihrer heimlichen Bibliothek sitzt, ihrem Versteck vor den Menschen, scheint sie ganz bei sich angekommen. Auf dem Schoß liegt wie immer Kater Leo. Mit der Gelassenheit der überlegenen Kreatur blinzelt er dann und wann einäugig ins Licht, um sofort wieder in Schlaf zu verfallen. Ein Nickerchen kann niemals schaden. Erst recht nicht bei einem Film wie diesem.

Nathalie Mispagel

 


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21 Fragen an: Dominik Graf

Dominik Graf wurde 1952 in München geboren, wo er die Hochschule für Fernsehen und Film besuchte. Als Kino- und TV-Regisseur ist er unter anderem für zahlreiche Folgen der Kriminalserien “Tatort” und “Polizeiruf” bekannt. 2011 gewann er zum neunten Mal den Adolf-Grimme-Preis und ist damit der am häufigsten ausgezeichnete Träger des begehrten Fernsehpreises. Seit 2004 ist Dominik Graf Professor für Spielfilmregie an der Internationalen Filmschule Köln und wurde 2005 zum Honorarprofessor ernannt.


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