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Film

Die 4. Revolution – Energy Autonomy

Frischer Wind

Revolutionen bringen Veränderungen, wobei die technischen Revolutionen den politischen klar überlegen sind: Sie können weltweite Wirkung entfalten. Zumindest trifft das auf die ersten drei zu, die Industrielle, die Agrar- und die digitale Revolution. In diesem Kontext betrachtet Carl-A. Fechner den Prozess der zunehmenden Etablierung von Energieautonomie als die vierte Revolution, die durch eine Neu- und Umstrukturierung der Energiegewinnung zu massiven Modifikationen in allen Lebensbereichen führen wird.

Tatsächlich lässt sich sein gleichnamiger Film weniger als Dokumentation des Wandels und dessen Befürwortern bzw. Initiatoren verstehen, vielmehr als offensive Werbestrategie, ja als politisch-wirtschaftliches Manifest.

Zeit für Veränderungen

Nur noch wenige Jahrzehnte und die konventionellen Energieressourcen (fossile und atomare Brennstoffe) der Erde sind aufgebraucht. Insofern ist die Umstellung auf erneuerbare Energien (Wind, Wasser, Sonne, Geothermie) mehr als eine ökologische Entscheidung, es ist eine Notwendigkeit. Schon heute gibt es zahlreiche Projekte, bei denen auf zukunftsweisende Technologien zwecks Energieeffizienz gesetzt wird. Auf einer Halbinsel im Nordwesten Dänemarks etwa werden rund 50.000 Menschen ausschließlich mit Strom aus Windkraft und anderen erneuerbaren Energien versorgt. Verantwortlich hierfür ist das ?Nordic Folke Center?, dessen Gründer Preben Maegaard zu einem der engagiertesten Sprecher einer neuen Welt-Energieordnung zählt.

Dabei geht es ebenso sehr um eine Veränderung der Energiegewinnung wie um die Demokratisierung der Energieversorgung. Beispielsweise haben in Mali zwei Drittel der Bevölkerung keinen Zugang zur Elektrizität, weshalb das "Mali Folke Center"sich dort für eine Verbreitung von Solarmodulen einsetzt. Strom bedeutet mehr als zivilisatorischer Komfort; oft macht er den Unterschied zwischen Existenzsicherung und Armut aus.

Moderne Querdenker

Fechner hat für seinen Film teils prominente Persönlichkeiten vor die Kamera geholt, von denen sich jeder auf die ein oder andere Weise für alternative Energiekonzepte, Klimaschutz und soziale Gerechtigkeit einsetzt: Friedensnobelpreisträger und Mikrokreditgeber Muhammed Yunus aus Bangladesh, Elektrowagenbauer und Erfinder Elon Musk aus Kalifornien oder die Menschenrechtsaktivistin und Alternativnobelpreisträgerin Bianca Jagger.

Am beeindruckendsten erweist sich der deutsche Politiker und Publizist Hermann Scheer, Träger des alternativen Nobelpreises und ein ebenso eloquent-intelligenter wie überzeugender Kämpfer in Sachen erneuerbarer Energien. Mitreißend selbstbewusst plädiert er für eine Energiepolitik jenseits der mächtigen Energiemultis, hin zu einem radikalen Strukturwandel, bei dem für alle bezahlbarer Strom nicht mehr von Großkonzernen produziert wird, sondern dezentral mit regionalem bzw. nationalem Schwerpunkt auf vielfältige kleine Energieerzeuger.

Bemerkenswert an jenem propagierten Energiesystem ? und das wird in der Dokumentation als explizite Äußerung erstaunlicherweise unerwähnt gelassen ? ist, dass es definitiv eine Gegenbewegung zur Globalisierung darstellt. Plötzlich gewinnen lokale Standorte, individuelle Verantwortung, autarke Versorgung, eigenständige Produktion eine Relevanz, die in der Weltwirtschaft während der letzten Jahrzehnte verloren ging. Was als ethische Vision von einer demokratischeren und saubereren Welt präsentiert wird, knüpft an die traditionelle Utopie einer unabhängig-ökologischen Lebensweise an. Fortschritt als Rückschritt in Richtung Zukunft.

Widerstand der Energiekartelle

Probleme, Schwierigkeiten oder Risiken im Zusammenhang mit erneuerbaren Energien werden nur marginal thematisiert, intensiver hingegen politische Widerstände der Energiekartelle. Letztere bleiben freilich eine gesichtslose Macht im Hintergrund, die allein von Fatih Birol, Chefökonom der Internationalen Energie-Agentur, repräsentiert wird. Wenig überraschend hält er eine komplette Umstellung auf erneuerbare Energien in den nächsten Jahrzehnten für unrealistisch, wobei er diffus mit fehlender Infrastruktur und mangelnder Technik argumentiert.

Gleichwohl hat er in der unterschwellig manipulativen Inszenierung Fechners auch kaum Chancen auf Glaubwürdigkeit. Als abgeklärter Stratege sitzt er in seinem Pariser Büro, scheinbar ohne größeren Kontakt zur Außenwelt, während die Energie-Reformer bei ihren engagierten Einsätzen vor Ort gezeigt werden, in reger Kommunikation mit Betroffenen oder im Austausch mit Studenten. Überdeutlich wird vermittelt, dass sie am Puls der Zeit leben; die globalen Energieorganisationen wiederum sind ausschließlich an der Erhaltung des längst totgeweihten Status Quo interessiert. Kein Wunder, hat doch allein die OPEC im Jahre 2008 rund 1000 Mrd. US-Dollar eingenommen.

Zu viele offene Fragen

Bei informierten Zuschauern dürfte ?Die 4. Revolution ? Energy Autonomy? offene Türen einrennen, bietet trotz der präsentierten gesellschaftspolitischen Lösungen aus 10 Ländern dennoch zu wenig Antworten. Konkrete Zahlen werden zwar bei Gewinnen der multinationalen Energiekonzerne oder dem stetig ansteigenden Energiebedarf genannt, allerdings nicht, wenn es um Kosten für die Umrüstung auf neue Technologien geht. Dann wird nur auf die kurze Amortisierungsphase verwiesen.

Gelegentlich schwelgt der Film auch in Ansichten von romantisch gegen den Abendhimmel aufgenommenen Windrädern oder von eleganten Lichtspielen auf spanischen Solarkollektoren, alles untermalt mit dramatischer Musik. So lässt sich indes nur dürftig kaschieren, wieviel Raum diese Energieanlagen (ver-)brauchen und welche riesigen Flächen ihre abseits von ambitionierten Kamerabildern wenig reizvolle Architektur okkupiert.

Darüberhinaus hat Fechner in seinem ernst- und ehrenhaften Plädoyer für erneuerbare Energiequellen die drängende Diskussion um Alternativ-Lebensweisen konsequent ignoriert. Sollte Energieautonomie wirklich eine singuläre Lösung sein, oder bringt sie in Wirklichkeit nicht erst dann weltweit Hoffnung auf Zukunft, wenn im Kontext mit ihr auch Themen wie Überbevölkerung, Megatechnisierung oder Zwangsmobilität verhandelt werden? Dies wäre sicher des Überdenkens wert. Nichtsdestotrotz: Der Film darf als Proklamation mit didaktischer Relevanz wertgeschätzt werden, als emphatischer Aufruf zu Initiative und Courage. Selbst seine inszenatorische wie argumentative Subjektivität sollte ihm zugestanden sein. Es ist für einen guten Zweck: Unsere Zukunft.

Nathalie Mispagel

 

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