Es gilt eine Schneise durch den Dschungel der richtigen und falschen Informationen zu schlagen
Wolf Schneider ist Ausbilder in fünf Journalistenschulen, Lehrer für lesbares Deutsch in Wirtschaft, Medien und Behörden und Autor von 26 Sachbüchern. Er war Korrespondent der "Süddeutschen Zeitung" in Washington, Verlagsleiter des "Stern", Chefredakteur der "Welt", Moderator der "NDR Talkshow" und sechzehn Jahre lang Leiter der Hamburger Journalistenschule. Seit 2007 ist er Honorarprofessor an der Universität Salzburg. 2010 erschien sein Buch "Deutsch für junge Profis" im rowohlt Verlag.
Wir sprachen mit ihm über die Perspektiven für den journalistischen Nachwuchs.
Glauben Sie, dass es angesichts der steigenden Digitalisierung der Medien, den Beruf des Journalisten, wie er bei hochwertigen Printpublikationen, wie beispielsweise der ZEIT oder der Süddeutschen Zeitung, vorkommt, in Zukunft überhaupt noch geben wird?
Es wird die Journalisten auch in Zukunft noch geben, nur vielleicht etwas weniger als heute. Genauso wie gute Zeitungen überleben werden, wahrscheinlich lediglich mit einer geringeren Auflage. Dazu gibt es im Online-Journalismus gute Angebote, wie beispielsweise Spiegel-Online, die man durchaus als Journalismus gelten lassen kann. Auch die Wochenzeitungen behaupten sich erfolgreich, die ZEIT und der Spiegel haben sogar steigende Auflagen. Eine häufige Prognose lautet, dass die Wochenzeitungen am ehesten überleben werden. Der Markt wird vielleicht etwas kleiner, aber grundsätzlich verändern wird er sich nicht.
Der Medienkonsum im Internet ist geprägt von Unterhaltung, Masse und Vielfalt, weniger von ausgeprägten Qualitätsansprüchen. In wie weit bedrohen neue Kommunikationsformen, wie Twitter und Blogs den hochwertigen Journalismus?
Neue Kommunikationsformen wie Twitter und Blogs bedrohen den Journalismus in der Form, dass sie die Aufmerksamkeit von der Lektüre abziehen. Journalisten empfinden das als Bedrohung. Sie haben Schwierigkeiten mit der Attitüde von Bloggern, die der Meinung sind, die besseren Journalisten zu sein. Der neue Chefredakteur der Deutschen Presse-Agentur hat es aus Sicht des klassischen Journalismus so formuliert: 'Wir müssen die Welt der Blogs studieren und dürfen nicht so tun, als gäbe es sie nicht. Aber dann ist es unsere Aufgabe, zu sortieren.' Um das Sortieren wird es gehen: Es ist der ganz große Auftrag der Journalisten, eine Schneise durch den Dschungel der richtigen und falschen Informationen zu schlagen. Diese Aufgabe wird immer wichtiger, also ist auch in Zukunft mit Sicherheit ein großer Bedarf an gut ausgebildeten Journalisten. Der Beruf des Journalisten wird nicht aussterben, sondern sein Nutzen steigen, weil noch nie so viel Schrott wie im Zeitalter von Blogs und Twitter unter der Menschheit verteilt worden ist.
Was bedeutet das für die Anforderungsprofile an Journalisten?
Journalisten müssen handwerklich auch in Zukunft genauso viel leisten können wie bisher. Sie müssen sogar noch etwas schneller arbeiten, denn die Zahl der Online-Redakteure, die unter höchstem Zeitdruck arbeiten, wird noch steigen.
Die Frage ist, was aus dem klassischen Journalismus wird, wenn die Konsumenten medial an nichts anderem mehr Interesse haben, als sich mit Schrott abzulenken oder zu vergnügen?
Natürlich gibt es die Sorge, dass die Zahl der Menschen, die sich überhaupt noch ernsthaft informieren wollen, abnimmt. Es gibt Indizien dafür, dass die unter 18-jährigen unter 'Informationen' nicht mehr verstehen, was auf der Welt vorgeht, sondern dass sie wissen wollen, was ihre Freunde gerade tun. So hat ein 18- jähriger Abiturient aus meiner Umgebung erst erfahren, dass in Island ein Vulkan ausgebrochen ist, als die Flugzeuge schon drei Tage auf dem Boden standen. Die große Bedrohung für Journalisten ist sicherlich, dass sich breite Gesellschaftsschichten vom Interesse an echter Information verabschieden.
Was raten Sie ganz konkret Studenten, die später im Bereich Journalismus tätig sein wollen?
Denen rate ich in erster Linie, auf ihre Fächerkombination zu achten. Studenten, die gerne im Bereich Journalismus arbeiten möchten, sollten studieren, was im Journalismus gefragt ist, etwa Jura, Volks- und Betriebswirtschaftslehre oder sämtliche Naturwissenschaften. Praktika und laufendes Schreiben ist genauso selbstverständlich wie gute Fremdsprachenkenntnisse. Eher weniger gefragt sind Journalistik, Publizistik, Kommunikationswissenschaften, Germanistik, Psychologie, Soziologie, Philosophie. Jeder, der so etwas studiert hat, erschwert sich den Zugang zum Journalismus im Vergleich zu einem Juristen oder Naturwissenschaftler.

- 2010 erschien Wolf Schneiders Buch "Deutsch für junge Profis" im rowohlt Verlag. In 32 kleinen Lektionen lehrt er darin das Wichtigste über das Schreiben guter, schöner und lesbarer Texte.


























