Jonathan Harr erzählt die wahre Geschichte der Wiederentdeckung eines der bedeutendsten Werke des italienischen Malers Caravaggio

- Michelangelo Merisi da Caravaggio (1571-1610) - gemalt von Ottavio Leoni
Jonathan Harr lässt die Geschichte der Wiederentdeckung des Caravaggio-Gemäldes Die Gefangennahme Christi im Jahr 1989 beginnen. In einem kleinen Dorf an der Adria finden die Studentinnen der Kunstgeschichte Francesca Cappelletti und Laura Testa in einem Kellerarchiv der Marchesa Mattei Hinweise auf den Verbleib eines der bekanntesten Werke des Barock. Zweihundert Jahre war dieses wundervolle Werk Caravaggios verschwunden, Abbildungen nur anhand von in der Fachwelt anerkannten Repliken zu bestaunen. In dem Archiv der Marchesa stoßen die beiden Studentinnen auf Zahlungsbelege, die eine Rekonstruktion der Route ermöglicht, die das Gemälde genommen hatte.
Aber nicht nur Francesca und Laura suchen fortan an nach dem möglichen Verbleib des Werkes. Auch einer der renommiertesten Caravaggio-Experten und ein Restaurateur werden von der Suche nach dem Bild in Anspruch genommen. Die Suche führt den Leser von Recanati über London, Rom und Edinburgh nach Dublin. Der Autor erzählt dabei nicht nur die wahre Geschichte der Wiederentdeckung des Caravaggio-Gemäldes von 1989 bis 1993. Jonathan Harr führte Interviews mit allen Beteiligten und machte daraus einen spannenden Roman, der - würde man es nicht besser wissen - wie aus der Imagination eines etablierten Abenteuer- und Thrillerromanautors zu stammen scheint.
In den Handlungsstrang baut Harr immer wieder Exkurse über das Leben und Schaffen des Künstlers mit ein, berichtet über die anderen Werke Caravaggios und macht den Leser mit der Welt der Kunst vertraut. Der Roman hat zwar einige wenige Längen, doch verbindet Harr die einzelnen Elemente meist so geschickt, dass dem Leser in der Regel gar nicht auffällt, dass er soeben Kunstbegriffe, Restaurationsmethoden, geschichtliche Daten oder ähnliches erklärt bekommt. Der verschollene Caravaggio bezieht seine Spannung dabei nicht aus unerwarteten Wendungen, Angst oder ähnlichen Mitteln, denen sich Thriller üblicherweise bedienen, sondern aus der tatsächlichen Spannung, welche die Jagd nach einem der bedeutendsten Gemälde der Kunst in den Beteiligten Personen hervorgerufen haben musste und überträgt sie auf den Leser. Zusätzlich bietet das Leben von Michelangelo Merisi da Caravaggio alleine genug Stoff für einen ganzen Roman.

- Die Gefangennahme Christi von Caravaggio
Harrs größtes Verdienst liegt letzten Endes nicht darin, einen nervenzerreißenden Thriller veröffentlicht zu haben, sondern eine wahre Geschichte so verpackt zu haben, dass der Leser es kaum glauben mag, dass die Wiederentdeckung der Gefangennahme Christi sich wirklich so abenteuerlich zugespielt hat. Darüber hinaus erhält der Leser eine Lektion über Geschichte, Malerei und Kunstgeschichte. Selten war Geschichte so interessant wie bei Jonathan Harr. Der verschollene Caravaggio ist ein gutes Buch und jedem zu empfehlen, der bei einem literarischen Werk mehr erwartet, als Verfolgungsjagden, Tote und Sex.
Florian Jetzlsperger




























