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Buch

Der Vampir von Ropraz

Kurzroman über ein Monster das 1903 im schweizerischen Ropraz sein Unwesen trieb - nach wahren Begebenheiten

Lizenz: CC BY-SA 3.0

1903, Ropraz in der Schweiz. Die erst zwanzigjährige, attraktive Rosa Gilliéron, Tochter des örtlichen Richters, stirbt innerhalb kürzester Zeit aufgrund einer schwerwiegenden Krankheit. Das schöne Wesen wird von den Angehörigen verabschiedet und beerdigt. Doch nur wenige Tage später erschüttert ein derart unvorstellbares Ereignis den schweizerischen Ort mit einer solchen Härte, dass die folgenden Wochen und Monate von dieser Tat und seinen Auswirkungen geprägt sein werden.

Der Leichnam der jungen Gilliéron wurde aus ihrem Grab gerissen und schrecklich verunstaltet. Neben den bestialischen Verstümmelungen verging sich der Täter anscheinend auch noch an der Toten. Die Nachricht von dem "Vampir von Ropraz" macht schnell die Runde und gelangt aufgrund seiner grausamen Einzigartigkeit von dem kleinen Örtchen in der französischen Schweiz bis in die Schlagzeilen der großen Tagesblätter, über Lausanne bis nach New York.

Das, was die Bewohner von Ropraz und umliegenden Gegenden um den Schlaf bringt ist die Frage: Wer ist der Täter? Welches Monster ist zu so einer abscheulichen Tat fähig? Ist es jemand, der mit dem Richter oder seiner Tochter Rosa in Verbindung stand? Oder doch ein völlig Unbekannter? Und die Väter beginnen um ihre Töchter und Frauen, die Frauen um ihr eigenes Leben zu fürchten. Scheint doch nicht einmal der Tod den Vampir aufhalten zu können. Schließlich findet man noch zwei weitere exhumierte Leichen, die sich in mindestens ebenso schauervollen Zustand befinden. Doch dann wird der simple Bauernjunge Charles-Augustin Favez bei einer unsittlichen Tat erwischt. Von da an steht für die Bevölkerung fest, dass er der Leichenschänder und Vampir von Ropraz ist. Aber ist er es wirklich?

"Der Vampir von Ropraz" ist mit seinen 96 Seiten ein sehr kurzes Werk des schweizerischen Schriftstellers Jacques Chessex, doch ist er alles andere kurzlebig. Chessex beschreibt die Taten des "Vampirs" von Ropraz mit einer bildhaften, kurzen, intensiven Stimme, die dem Leser die Taten, die Grausamkeiten, die Verstümmelungen der Opfer ins Gesicht schleudern. Innerhalb kürzester Zeit findet man sich in der kalten, wenig vertrauensseligen, rohen Landschaft wieder, die der Autor durch seine Worte und Beschreibungen heraufbeschwört.

Dass die Erzählung die wahren Ereignisse in Ropraz im Jahre 1903 wiedergibt, nimmt dem dokumentarischen Roman nichts von seiner Intensität, seiner Atmosphäre - im Gegenteil wird das Gelesene dadurch nur umso unbegreiflicher, noch weniger fassbar. Chessex hat die Ereignisse des Jahres 1903, das Wüten des Vampirs von Ropraz und dessen Jagd in Zeitungsberichten, Archiven und Protokollen nachvollzogen und wieder zum Leben erweckt. Das Resultat ist eine Mischung aus Schauerroman in allerbester Tradition Mary Shelleys oder Bram Stokers und 'non-fiktionaler Roman' nach Art von Truman Capote.

Auf 96 Seiten bringt der Autor den Leser zum Fürchten, lässt ihn ungläubig den Kopf schütteln und strengt zudem seine eigene Interpretationsfähigkeit an. Chessex vermischt dabei Standpunkte, Perspektiven, führt die erotische Motivation des Täters ebenso ins Feld, wie die perverse Ausübung der Begierden, er beschreibt ebenso detailgenau zerschundene Körper wie er die  Entrüstung und umherschleichende Angst in der Bevölkerung nachzeichnet.

"Der Vampir von Ropraz" ist ein grandios erzählter Roman, der gerade durch seine schwierige Kategorisierung - ist es ein Bericht, ist ein Roman, ist es beides? - besticht und die alte Schauerliteratur, die sich zu Beginn des letzten Jahrhunderts so großer Konjunktur freuen durfte, wiederaufleben lässt und sie auf eine neue Ebene hebt, da der Geschichte reale Ereignisse zugrunde liegen. Dabei hat Chessex nicht den Anspruch den Leser bedingungslos aufzuklären, wer hinter den schrecklichen Taten von Ropraz steckt. Das tut der Geschichte allerdings keinen Abbruch - das Ende hat es dennoch in sich. Die 96 Seiten verschlingen sich auf einen Sitz und hinterlassen Wirkung - wie der bluttrunkene Biss eines Vampirs.

Florian Jetzlsperger

Jacques Chessex

Der Vampir von Ropraz

96 Seiten

12,90 Euro

Nagel & Kimche

 




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