Seite empfehlen
Drucken
Buch

Der Oberst …

Gabriel García Márquez - Der Oberst hat niemand, der ihm schreibt

© Festival Internacional de Cine en Guadalajara, Lizenz: CC BY 2.0

Der Oberst lebt mit seiner asthmakranken Frau in äußerst bescheidenen Verhältnissen. Beide haben Sie nur noch die bloße Haut über den Knochen, selten genug zu essen. Der einzige Sohn wurde von der Polizei erschossen. Den einzigen Besitz, den sie noch haben ist ein Kampfhahn, der ebenfalls gefüttert werden muss. Trotz aller Widrigkeiten verzagt der Oberst nicht, denn er wartet auf einen Brief der Regierung, in dem diese ihm die Rechtmäßigkeit seiner Veteranenpension bestätigt. Auf diesen Brief wartet der Oberst im Jahre 1956 bereits 56 Jahre lang.

Der Oberst kämpfte im Bürgerkrieg für seine Partei und unterstützte diese auch nach dem Krieg, wodurch er sich den Pensionsanspruch erworben hat. Bis jetzt waren seine Gänge zur Poststelle jedoch immer vergebens, oder wie der Postbeamte konstatiert: "Der Oberst hat niemand, der ihm schreibt." Im Laufe der Geschichte erfährt der Leser, dass der Oberst von seinem Arzt ab und an zensierte Zeitungsausschnitte bekommt, um diese zu lesen und weiterzugeben.

Je weiter sich die Tage voran schieben, desto weniger Geld haben der Oberst und seine Frau in der Tasche. Oftmals hindert der Stolz des Oberst ihn daran, noch verwertbare Haushaltsgegenstände zu Geld zu machen. Seine Frau kocht oftmals Steine auf, nur um den Nachbarn keinen Einblick in ihre prekäre Lage zu ermöglichen. Auch der Hahn will gefüttert werden und als die Situation keinen anderen Ausweg mehr zulässt, bietet der Oberst ihn Freunden seines Sohnes zum Verkauf an. Diese aber lehnen ab, bieten jedoch an, ihn bis zum Kampf im Januar zu füttern. Eines Tages holen die Freunde seines Sohnes den Hahn aus dem Haus des Oberst und bringen ihn zum Kampf. Als der Oberst in der Arena ankommt und sieht, wie seinem Hahn zugejubelt wird, beschließt er - entgegen aller Einwände und Warnungen seiner Frau - den Hahn zu behalten.

Gabriel García Márquez schrieb Der Oberst hat niemand, der ihm schreibt 1961. Wie in so vielen Geschichten Márquez' widmet er sich der Geschichte seines Landes Kolumbien und setzt sich kritisch mit Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft auseinander. So kämpfte sein Oberst im Bürgerkrieg, in Kolumbien der tausendtägige Krieg (1899-1902) genannt, und setzt die Handlung der Geschichte in die Zeit der Violencia. Kolumbien war schon immer geprägt von Rivalitäten zwischen Konservativen und Liberalen und Márquez' Oberst leidet darunter, für die "falsche" Seite gekämpft zu haben. Welche auch immer das ist, ist dabei irrelevant.

An nur ganz wenigen Stellen gibt García Márquez dem Leser ein paar Tipps an die Hand, dass der Oberst im Widerstand tätig sein könnte, denn er liest verbotene Zeitungen. Zudem ist der Oberst die Ausgeburt des lateinamerikanischen Stolzes: Auch in der Gefahr gar nichts mehr zu essen zu haben, bringt er es nicht fertig, sein Gesicht zu verlieren. Und als er in der Hahnenkampfarena die jubelnden Schreie der Freunde seines verstorbenen Sohnes hört und die Kampfeslust des Hahnes erkennt (der sich zwar nur verteidigt, sich dafür aber stolz und bestimmt behauptet), beschließt er, auch seinem Stolz zu folgen. Er wird den Hahn nicht verkaufen und wenn er "Scheiße" fressen muss.

Der Oberst hat niemand, der ihm schreibt ist eine beeindruckende kurze Geschichte über die Geschichte Kolumbiens und eine Bestandsaufnahme der Gefühlslage der Menschen Ende der 50er, Anfang der 60er Jahre durch den bedeutendsten Autor Kolumbiens. Es ist eine Geschichte über Stolz, und Hoffnung auf die Zukunft, wenn auch die Gegenwart keinen Grund zur Hoffnung bietet. Ein Manifest über die Hoffnungen, die in der Jugend schlummern und die Erwartungen, die an sie gerichtet werden, etwas neues, besseres zu schaffen.

Der Roman war eines der Werke Márquez, die ihm zur Vorbereitung für sein größtes und bedeutendstes Werk gedient haben: Hundert Jahre Einsamkeit. Bereits hier zeigt sich seine Liebe zu Kolumbien, die Auseinadersetzung mit den Problemen des Landes - und das in einer ungemein gewaltigen Sprache. Der Oberst hat niemand, der ihm schreibt ist eines der impressiven Beispiele der herausragenden Stellung, die Gabriel García Márquez unter den zeitgenössischen Autoren einnimmt.

Florian Jetzlsperger

Gabriel García Márquez

Der Oberst hat niemand, der ihm schreibt

Aus dem Spanischen von

Curt Mayer-Clason

Fischer

 

Serie: 21 Fragen

Menschen des 21. Jahrhunderts:
David Sylvian, the Allrounder

21 Fragen an: David Sylvian

In the seventies, David Sylvian founded the band Japan. Later the singer and song-writer worked with distinguished artists such as King Crimson's Robert Fripp or Ryuichi Sakamoto. Now Sylvian has his own label "Samadhi Sound" which also released the latest album by his band project "Nine Horses". Categorising David Sylvian's music is not easy – just listen to one, as we find, of the finest, non-mainstream artists of our time.


Die Berufseinsteigerfrage

Wie viel Show-Typ muss man sein, um Karriere zu machen?

Die Berufseinsteigerfrage, Bewerbung & Berufseinstieg:

Malte B. (26) aus Bonn schreibt uns: “Ich bin Ingenieur und arbeite in der Automobilindustrie. Bei aller Bescheidenheit bin ich meinen Traineekollegen fachlich weit überlegen. Ich habe bereits in den ersten Monaten technische Lösungsvorschläge erarbeitet, die direkt umgesetzt worden sind. Da bei uns Teamarbeit großgeschrieben wird, präsentieren wir unsere Arbeiten jedoch immer in der Gruppe. Da ich es unangenehm finde, im Mittelpunkt zu stehen, übernehmen die ‘Show-Typen’ die Präsentation meiner Arbeiten. Leider sammeln sie dann auch die Lorbeeren ein. Reicht nicht die fachliche Kompetenz, muss man auch ein ‘Show-Typ’ sein, um Karriere zu machen? Und wenn ja, wie wird man so?“


Serie: Netzperlen

Diese Woche: People of Walmart

Netzperlen:

Wenn man sich in den USA amüsieren will, geht man einfach in den Walmart. Warum es dieser Discounter hierzulande einfach nicht geschafft hat und nach nur wenigen Jahren wieder das Deutschlandgeschäft beendet hat - angesichts dieser Bilder kann man nur den Kopf schütteln. Wir würden sogar Eintritt za...


Serie: Studenten fragen Professoren

Wie viel Schlaf brauche ich eigentlich?

Studenten fragen Professoren: Alltagsfragen