
- ?Fast jeder Professor, dem mal ein Versuch im Labor gelingt, versucht sich mit einer Firmengründung.?
"Der medizinische Fortschritt wird immer kleiner!"
Die Debatte um die Finanzierung des Gesundheitssystems wird ebenso niemals enden wie der Wunsch der Menschen nach perfekter Medizin. In diesem Spannungsfeld bewegt sich der SZ-Ressortchef Werner Bartens. Wir sprachen mit dem promovierten Mediziner über den Irrglauben an die Segnungen des nie endenden medizinischen Fortschritts.
Sie haben kürzlich im Süddeutsche Magazin den Leipziger Zellforscher Augustinus Bader portraitiert, der eine Art 'Wundercreme' entwickelt hat. Worum handelt es sich dabei?
Der Begriff Wundercreme stammt nicht von mir und ist irreführend. Bader hat bei einigen wenigen Menschen mit Wunden, Verbrennungen und Gewebedefekten die Selbstheilung des Körpers so stimuliert, dass offenbar erstaunliche Heilerfolge erzielt wurden. Dazu benützt er einen Therapiemix aus Wachstumsfaktoren, körpereigenen Stammzellen, Zytokinen und setzt Sauerstoffmangel ein. Die Therapie steht aber noch ganz am Anfang und muss sich erst noch in großen klinischen Tests beweisen, wie ich auch in dem Text immer wieder betont habe.
Bestätigen sich in den klinischen Test die ersten Heilerfolge von Baders Therapie, könnte dies nicht nur viel Leid lindern, sondern auch erheblich teurere Therapien völlig überflüssig machen. Wie oft begegnet Ihnen eine medizinische Innovation, die erfolgreich ist und gleichzeitig zu einer finanziellen Entlastung des Gesundheitssystems führt?
Das ist äußerst selten und auch in diesem Fall ist es ja noch längst nicht sicher. Allerdings können viele Leiden - gerade älterer Patienten - durch vermeintlich einfache Lösungen gelindert oder verhindert werden: Ausreichende Pflege mit besonderer Beachtung möglicher Infektionsquellen wie Kathetern oder Zugängen in die Vene gehört dazu, genügend Zeit zum Füttern und genügend Flüssigkeitsaufnahme und regelmäßiges Umlagern. Es braucht oft keine neue Technik, sondern nur genügend Zeit und Aufmerksamkeit.
Woran liegt es, dass medizinischer Fortschritt fast immer mit progressiven Kosten verbunden ist?
Ist er nicht zwangsläufig, da viele technische Neuerungen besonders in der Pharmabranche nur Scheininnovationen sind und den Patienten nicht zu Gute kommen. Zudem ist das Gesundheitswesen ein Milliardenmarkt, von dem viel zu viele Lobbygruppen profitieren wollen. Das macht die Medizin so teuer, Einsparpotential gäbe es genug, ohne dass es den Patienten dadurch schlechter ginge.
Halten Sie es für denkbar, dass es Pharmafirmen gibt, die solche Innovationen wie die von Bader versuchen zu behindern, weil es den Absatz ihrer eigenen Produkte erschwert?
Erstens ist die Innovation noch nicht als solche bewiesen. Zweitens denke ich eher, dass die Industrie versuchen würde, ihm die Technik abzukaufen oder sie nachzuahmen, wenn sie denn erfolgreich wäre.
Wie sehen Sie in Deutschland die Fähigkeit zum Technologietransfer aus Hochschulen, wie gut ist die Zusammenarbeit von Grundlagenforschung und Industrie?
Fast jeder Professor, dem mal ein Versuch im Labor gelingt, versucht sich mit einer Firmengründung. Viel ist dabei meines Wissens bisher nicht herausgekommen. Aber ich lasse mich gern positiv überraschen.

- ?Die heilsamen Wirkungen von Zuwendung und Ermutigung durch Ärzte und Pflegende sind nicht zu unterschätzen.?
Und in welchen Bereichen der Medizintechnik oder Pharmaindustrie entwickeln sich derzeit bahnbrechende Innovationen?
Bahnbrechend? Das sehe ich nirgends. Die Stammzelltherapie tritt zumindest aus Patientensicht auf der Stelle. Die Bildgebung ist nahezu ausgereizt und Neuerungen, wie der 3D-Ultraschall oder Verfeinerungen haben für die Patienten keinen erkennbaren Zusatznutzen. Und ich möchte den niedergelassenen Arzt sehen, der mir ein in den letzten zehn Jahren neu entwickeltes Medikament nennen kann, auf das er in seiner Praxis nicht leicht verzichten kann.
Ist es überhaupt denkbar, dass es für eine der bedrohlichsten Krankheiten ganz plötzlich eine neue, wirklich hocheffektive Therapie gibt oder ist die Forschung in allen Bereichen soweit, dass es nur noch in kleinen Schritten vorwärts geht?
Ausschließen kann man das nicht, aber ich halte es für unwahrscheinlich. Die großen Neuerungen in der Medizin - Antibiotika, viele andere wichtige Medikamente, Transplantation, Dialyse, CT und Kernspin - kamen in der Zeitspanne vom Zweiten Weltkrieg bis in die 70er-, 80er-Jahre auf den Markt. In der Krebsmedizin sind die Fortschritte zuletzt leider nur marginal gewesen: Auf dem weltgrößten Krebskongress wurde zuletzt ein Mittel gegen Darmkrebs und eines gegen Lungenkrebs als größte Erfolge im wichtigsten Hauptvortrag vorgestellt - diese Arzneien verlängern das Überleben um ein bis zwei Monate, haben erhebliche Nebenwirkungen und kosten Tausende Euro pro Patient und Monat. Hocheffektiv ist das nicht - es zwingt eher zur Abwägung, ob man sich das als Patient mit Krebs im Endstadium noch zumuten sollte.
Kann der technologische Fortschritt im medizinischen Sektor ausgleichen, was uns an Humanressourcen verloren geht? Schließlich entwickelt sich der Ärztemangel in Krankenhäusern oder bestimmten Regionen dramatisch.
Auf keinen Fall. Erstens wird der technische Fortschritt, der den Kranken nutzt, immer kleiner. Viel wichtiger aber ist: Medizin bedeutet eben auch Zeit, Zuwendung, Trost ? und etwas so altmodisch klingendes wie Barmherzigkeit. Das bleibt bereits jetzt bei eingespartem Personal oft auf der Strecke. Zudem sind die heilsamen Wirkungen von Zuwendung und Ermutigung durch Ärzte und Pflegende gar nicht zu unterschätzen.
Ist Gesundheit manchmal viel einfacher zu erreichen? Ihr Buch "Körperglück" legt diese Überlegung zumindest nahe.
Es ist erstaunlich, was die 'Droge Arzt' Heilsames ausrichten kann und wie therapeutisch Zuversicht und eine positive Erwartungshaltung wirken. Das können und sollten Ärzte wie Angehörige immer berücksichtigen, wenn sie es mit besorgten, ängstlichen Menschen zu tun haben, die Linderung von ihrem Leid erhoffen.

- © Regina Schmeken
Autor:
Dr. Werner Bartens, Süddeutsche Zeitung
Dr. med. Werner Bartens ist Leitender Redakteur im Wissenschaftsressort der Süddeutschen Zeitung und schreibt die Kolumne "Medizin und Wahnsinn" in der Wochenendbeilage der SZ. Ausgewählte Kolumnen sind unter dem Titel "Medizin und Wahnsinn. Geschichten vom gelben Sofa" bei Droemer erschienen. 2009 wurde Bartens von einer 50-köpfigen Jury aus Print-, Rundfunk- und Online-Journalisten zum "Wissenschaftsjournalisten des Jahres" gewählt. Werner Bartens ist Autor zahlreicher populärer Sachbücher. Neben dem "Ärztehasserbuch" standen auch seine Bücher "Sprechstunde" (Knaur, 2008), "Das Lexikon der Medizin-Irrtümer" (Eichborn, 2004) und "Das neue Lexikon der Medizin-Irrtümer" (Eichborn, 2006) monatelang auf den Bestsellerlisten. Im Februar 2010 ist von ihm das Buch "Körperglück. Wie gute Gefühle gesund machen" im Droemer-Verlag erschienen (Fhoto links). Seine Bücher sind bisher in acht Sprachen übersetzt worden.
























