Der Ingenieur als Berater
Ganz klar: Die Industrieunternehmen haben als attraktive Arbeitgeber in den letzten Jahren gewaltig aufgeholt. Sie sind traditionell die stärksten Abnehmer von Absolventen ingenieurwissenschaftlicher Studiengänge. Wer als Ingenieur jedoch in die Beratung geht, ist längst kein Exot mehr. Wir hörten uns um, was ein Techniker mitbringen muss, um ein guter Dienstleister zu sein.

Um zu wissen, welches Standing Ingenieure bei Beratungsunternehmen haben, muss ich nur ein Zimmer weiter gehen. Dort sitzt mein Kollege Martin Schneider, Redaktionsleiter unseres Schwestermagazins junior//consultant. Die Branchenpublikation der Berater ist im Thema drin. Martin erklärt mir: "Gerade bei den großen Strategieberatungen ist man derzeit heiß auf Ingenieure. Ich würde sogar sagen, sie haben Wirtschaftswissenschaftlern den Rang abgelaufen." Der Hinweis auf die Strategieberatungen gibt einen interessanten Fingerzeig. Bei Marktführer Boston Consulting Group etwa, haben 20 Prozent der Berater einen ingenieurwissenschaftlichen Hintergrund. Christian Greiser, für das Recruiting verantwortlicher Geschäftsführer von BCG erläutert, dass gemischte Teams am erfolgreichsten zusammen arbeiten. Daher besetze man die Teams mit Mitarbeitern, die unterschiedliche fachliche Hintergründe hätten.
Die analytischen Fähigkeiten werden hoch geschätzt
Eine Bereicherung stellten die Ingenieure für BCG vor allem deswegen dar, weil sie besonders stark in der Analyse seien: "Dank ihrer analytischen Fähigkeiten können sie sich auch in komplexe Themen schnell einarbeiten. Da man sich als Unternehmensberater ständig mit neuen Fragestellungen und Inhalten beschäftigt, ist das eine unverzichtbare Qualifikation. Außerdem lernen Ingenieure bereits während ihres Studiums, bei der Entwicklung neuer Ideen immer auch deren Umsetzung im Blick zu behalten." Dieser Punkt sei besonders wichtig, schließlich komme es in der Beratung nicht nur darauf an, tolle Ideen zu haben, sondern auch, diese anschließend zu realisieren. Aber fehlt es Ingenieuren an mancher Stelle nicht sehr am betriebswirtschaftlichen Know-how, das ein Berater einfach mitbringen muss? Greiser sieht darin kein Problem, sein Unternehmen ist darauf vorbereitet: "Zu Beginn ihrer Beraterkarriere absolvieren die Einsteiger wirtschaftsferner Studienfächer bei BCG ein mehrwöchiges Training, in dem sie BWL-Grundlagen erwerben."
Auch bei Accenture sieht man im fehlenden BWL-Know-how kein Problem. "Ingenieure können sich mit ihrem Wissen bei uns besonders gut einbringen, weil wir viele Kunden aus der Industrie beraten. Vermeintliche Schwächen von Ingenieuren, wie zu wenig BWL-Wissen, sind für uns kein Problem. Wir sind sehr erfahren darin, fehlendes Fachwissen effizient zu schulen", sieht Simone Wamsteker von der internationalen IT- und Managementberatung kein Hindernis für Nicht-Wirtschaftswissenschaftler. Redakteur Martin Schneider erkennt kein fachliches Problem, vielmehr sind nach seiner Erfahrung Ingenieure in der Selbstdarstellung oft etwas zurückhaltender als ihre Kommilitonen aus Wirtschaftsdisziplinen: "Das muss sicher kein Fehler sein, im Gegenteil. Ich kenne aber Absolventen ingenieurwissenschaftlicher Fächer, die in der Beratung zunächst mit einigem Befremden das alerte Auftreten ihrer betriebswirtschaftlich ausgebildeten Kollegen wahr genommen haben. Sie fühlten sich fachlich stärker, aber weniger geschmeidig im Auftreten."
Dr. Volkmar Varnhagen, Vice President, beratender möchten, sich schon während des Studiums wirtschaftswissenschaftlichen Sachverstand und Zusatzqualifikationen in der Betriebswirtschaft anzueignen. Er betont, dass die Karriereaussichten für Ingenieure glänzend
seien, insbesondere in seinem Haus: "Als globale Strategie- und Transformationsberatung haben wir sowohl in unseren Branchenschwerpunkten, unter anderem in den Bereichen Automobilindustrie, Automobilzulieferer, Maschinen- und Anlagenbau als auch in unseren branchenübergreifenden Thematiken, wie dem Bereich Supply Chain Management, großen Bedarf an Beratern, die die 'Sprache der Ingenieure' sprechen."
Die Bedeutung der Ingenieure resultiert auch aus der Notwendigkeit, Teams interdisziplinär zusammen zu stellen. Da Deutschland ein Hochtechnologieland ist, erwarten die Kunden technisches Verständnis auf Beraterseite. Für die Strategieberater von Roland Berger fasst Matthias Hopfmüller die Situation so zusammen: "Viele Ingenieure arbeiten in unseren Kompetenzzentren Automotive, Energy & Chemicals, InfoCom, Operations Strategy oder Transportation an der Schnittstelle zwischen Wirtschaft und Technik. Im Team entwickeln sie für unsere Kunden - vom Automobilzulieferer über das Energieunternehmen bis zum Telekommunikationskonzern - Konzepte, bei denen technisches Know-how gefragt ist. Gerade technologielastige Projekte für Kunden der old, new und green economy verlangen ein hohes Maß an technischem Verständnis, gekoppelt mit der Fähigkeit, vernetzt zu denken und zu kommunizieren." Ihn begeistert, dass Ingenieure komplexe Sachverhalte meist sehr schnell durchdringen. Diese Fähigkeit sei gerade für den Beratungsalltag sehr wertvoll.























