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Film

Der ganz große Traum

Ein (fast wahres) Fußballmärchen

Filmplakat "Der ganz große Traum"; Bild: Senator

Als der Ball ins Rollen kam

Es war einmal... kein Fußball in Deutschland. Was wie ein Märchen klingt, entsprach zur Zeit Wilhelms I. dem Alltag. Damals gab es "Körperertüchtigung", doch Fußball, diesem noch wenig populären "englischen Sport", wurde zunächst skeptisch gegenübergestanden. Dergleichen galt im frühen Deutschen Kaiserreich als wenig zukunftsweisend. Ein Irrtum, wie man heute weiß.

Anstoß

Nach Studienjahren in England kehrt 1874 der junge, idealistische Lehrer Konrad Koch (Daniel Brühl) in seine Heimatstadt Braunschweig zurück, um am dortigen Gymnasium auf Betreiben des reformfreudigen Schuldirektors (Burghart Klaussner) erstmals Englisch zu unterrichten.

Sich unorthodoxer pädagogischer Methoden bedienend versucht er, mithilfe des unbekannten Fußballspiels bei seinen Schülern Interesse an England und indirekt an der Landessprache zu wecken. Schnell kann die Untertertia begeistert werden, aber Kochs engstirnige Kollegen und der Förderverein der Schule, die ihr autokratisches Selbstverständnis auf den Prüfstand gestellt sehen, betrachten voller Argwohn das sportive Treiben. Sollte sich da etwa eine Veränderung anbahnen? Könnte gar ihre führende Position untergraben werden? Ist schlimmstenfalls eine "spielerische Revolution" gegen deutsche Sitten im Gange?

Die Schüler finden Gefallen am Spiel; Fotos: Senator


"Frei nach wahren Begebenheiten" steht gleich zu Anfang des Films, wobei es besser "sehr frei" heißen sollte. Tatsächlich gilt Konrad Koch (1846-1911) als Gründervater sowie Wegbereiter des deutschen Fußballs, weil er 1874 das Spiel am Gymnasium einführte und ein Jahr später die ersten Fußballregeln in deutscher Sprache veröffentlichte.

 

Statt Englisch hatte er allerdings Theologie und Philosophie studiert, war also weder ein Vertreter des Britischen, noch stieß er auf jene kolossalen Schwierigkeiten beim Fußball-Import, wie es der Film glauben machen will. Was hier auf wenige entscheidende Wochen narrativ verdichtet wird, war lokal betrachtet nur eingeschränkt dramatisch und national gesehen vorerst bedingt bahnbrechend. Gleich allem Neuen brauchte auch der Fußball seine Zeit, um sich durchzusetzen, war in manchen deutschen Bundesstaaten bis ins 20. Jahrhundert hinein an Schulen verboten und avancierte erst nach dem Ersten Weltkrieg zum Volkssport.

Konter

Solch profane Details interessieren Regie (Sebastian Grobler) und Drehbuch (Philipp Roth, Johanna Stuttmann) wenig. Vielmehr favorisieren sie eine Partie zwischen Fußball und preußisch-patriarchalischen Tugenden, bei der natürlich der Sport einen haushohen Sieg davontragen wird. Das überrascht kaum, zumal die offiziellen Amts- oder Würdenträger im Film längst zu bornierten Autoritätsmumien mit teils parodistischen Zügen mutiert sind: der zackige Sportlehrer (Jürgen Tonkel), der reaktionäre Geschichtslehrer (Thomas Thieme), der selbstgefällige Großkaufmann (Justus von Dohnányi) oder der wirklichkeitsfremde Pastor (Josef Ostendorf). Ihr großer gesellschaftlicher Einfluß und ihre Stellung stehen diametral zu ihrer kleinmütigen Haltung. Während sie dabei sind, auch den Nachwuchs auf strengen Gehorsam, Pflichttreue, Obrigkeitshörigkeit und soldatische Disziplin zu drillen, kommt doch glatt dieser ungemein sympathische Junglehrer in seinem karierten Anzug aus England daher, um nicht nur eine fremde Sprache zu lehren, sondern ein ebenfalls fremdes, anarchisches Spiel und Fairplay. Diesem Fußball fehlt es deutlich an Zucht, Maß und Würde, er wirbelt die klasseninterne Rangordnung durcheinander, macht alle Schüler, ob aus reichem oder proletarischem Hause, zu Kameraden mit Teamgeist und fördert einen liberalen Freiheitssinn. Am Ende denken die Jungs sogar noch selbst! Unerhört!

Die Lehrerschaft hat ihre Zweifel; Fotos: Senator


Das klingt recht launig, bleibt jedoch größtenteils in holzschnittartiger Charakterisierung und klischeehafter, ausgesprochen biederer Inszenierung stecken. Offenbar sollte "Der ganz große Traum" ein Feel-Good-Movie werden, das die Nostalgie von "Die Feuerzangenbowle" wiederaufleben läßt und mit dem revolutionären Geist aus "Der Club der toten Dichter" engführt.

Herausgekommen ist ein adrettes Rührstück, das gegen Repression und für Fortschritt, gegen Autorität und für Individualität votiert, sich allerdings ebenso vorhersehbar wie schematisch entwickelt. Schon der Humor wirkt hausbacken, etwa das immer zum ungünstigsten Zeitpunkt von der Wand fallende Kaiserportrait, welches sich auch zum spontanen Bedecken körperlicher Blöße eignet. Sehr brav, das Ganze.

Abpfiff

Dabei ist der Film mit seiner netten Grundidee und den zuverlässigen Darstellern richtig gut aufgestellt. Obwohl kein klassisches Sportdrama, bedient er sich einer typischen Genrezutat, nämlich der Metaphorisierung. Nur oberflächlich betrachtet dreht das Geschehen sich um Sport, ist im Grunde genommen aber ein Plädoyer für Autonomie und Emanzipation, also für die Befreiung aus den Fesseln sozialer wie gesellschaftlicher Konventionen. Fußball als (Wett-)Kampf zur Selbstbestimmung - wieder so ein hübscher Gedanke, der dem intellektuell limitierten Establishment aus Braunschweig schlaflose Nächte bereitet hätte. Am schnellsten erkennt noch der Turngerätefabrikant Schricker (Axel Prahl) die ökonomischen Potentiale dieses seltsamen Sportes und erzielt beim finalen, vor Publikum im Park stattfindenden Match mit Verkäufen von Bällen einen dicken Gewinn: Der Beginn des globalen Fußball-Business.
Freilich ist dies keineswegs problematisiert, wie auch manch kleiner Nebenkonflikt ungelöst an den erzählerischen Rand gedrängt wird. Stattdessen soll primär der Fußball als Utopie gefeiert werden, nämlich in seiner idealisierten Form als befreiendes Spiel, als standesverbindendes Phänomen, als grenzüberschreitendes Erlebnis. Auch wenn der Kurzschluß zwischen Fußball und Rebellion zu überschwänglich gerät, weiß jeder, der sich seine Nerven schon einmal beim Schauen eines spannenden Spiels ruiniert hat, dass darin etwas Wahrheit steckt. So endet die Geschichte schließlich doch als Märchen: Und wenn sie nicht gestorben sind, dann kicken sie noch heute.


(Nathalie Mispagel)

Kinostart: 24. Februar 2011

Darsteller: Daniel Brühl, Burghart Klaußner, Justus von Dohnányi, Kathrin von Steinburg, Thomas Thieme, Axel Prahl, Theo Trebs u.v.a.

Regie: Sebastian Grobler

Eine Produktion von deutschfilm, Cuckoo Clock Entertainment und Senator Film Produktion in Co-Produktion mit Rialto Film und ARD/Degeto

 




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