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KARRIERE

“Der deutsche Preiswettbewerb ist extrem hart”

Die Handelsbranche kämpft noch immer mit Imageproblemen. Vor allem High Potentials suchen ihren Berufseinstieg nach dem Studienabschluss lieber in anderen Bereichen. Dabei erwartet die Hochschulabsolventen hier ein abwechslungsreiches Arbeitsumfeld – mit vielfältigen neuen Aufgaben.

Seit Jahrtausenden hart umkämpft, aber krisensicher: Der Tausch Geld gegen Waren und Dienstleistungen

Kaum ein Gewerbe hat eine solch lange Tradition vorzuweisen und ist für die Wirtschaft eines Landes von so großer Bedeutung wie der Handel. Trotzdem steht die Branche bei der Berufswahl der qualifizierten Absolventen nicht an erster Stelle. Dabei erwarten sie hier neue, interessante Aufgabenfelder. Eine der großen Herausforderungen, mit denen es die Handelsbranche derzeit zu tun hat, sind beispielsweise die Auswirkungen der Finanzmarktkrise.  

Professor Dr. Dirk Möhlenbruch vom Institut für Betriebswirtschaftslehre, Marketing und Handel der Martin-Luther Universität Halle-Wittenberg bestätigt, dass durch die derzeitige Situation des Finanzmarktes und durch steigende Energiepreise eine zunehmende Verunsicherung der Verbraucher zu erwarten sei. Dadurch werde seiner Meinung nach auch die Kaufzurückhaltung weiter ansteigen, geplante Käufe würden möglicherweise aufgeschoben.

Auch Professor Dr. Martin Fassnacht, Inhaber des Lehrstuhls für BWL, insbesondere Marketing und Handel an der WHU – Otto Beisheim School of Management, beobachtet ein zunehmendes Preisbewusstsein der Kunden: „Gerade die deutschen Konsumenten schauen sehr stark auf den Cent. Die Amerikaner nennen das ‚happy frugality’, also die fröhliche Genügsamkeit. Hinzu kommt, dass der Preiswettbewerb in Deutschland im Vergleich zu anderen Ländern extrem hart ist. Deutsche Handelsunternehmen haben im Durchschnitt eine Umsatzrendite von etwas weniger als einem Prozent, was im internationalen und europäischen Vergleich sehr niedrig ist. In England sind es zum Beispiel drei bis fünf Prozent. Unser Marktanteil von Discountern wie Aldi oder Lidl liegt bei etwa 45 Prozent. Das erklärt die große Wettbewerbsfähigkeit des deutschen Handels.“ Wahrscheinlich blicken deswegen vor allem Handelsunternehmen mit Waren im Niedrigpreissegment trotz der Finanzmarktkrise positiv in die Zukunft „Wir bieten unseren Kunden ganzjährig die Möglichkeit, sich besonders preiswert einzukleiden. Die aktuellen Auswertungen der Studie der IWD market research GmbH, die die Zahl der Wiederkäufer von knapp 80 Prozent dokumentiert, zeigen, dass KiK trotz der derzeitigen wirtschaftlich schwierigen Lage noch immer als textiler Grundversorger wahrgenommen wird“, erklärt Beatrice Volkenandt, Pressesprecherin bei KiK.

Ähnlich beurteilt Beate Mini, Managerin Employer Branding, Retention und Recruitment bei IKEA Deutschland, die Lage: „IKEA steht für formschöne Produkte, die sich jeder leisten kann. In wirtschaftlich schwachen und unsicheren Zeiten ist es natürlich umso besser, niedrige und verlässliche Preise zu haben.“

Gesteigertes Gesundheits- und Ökobewusstsein

Neben dem gesteigerten Preisbewusstsein beobachten Experten wie Professor Möhlenbruch aber auch ein zunehmendes Gesundheits- und Ökobewusstsein bei den Verbrauchern, was auch Ulrike Abratis, Pressesprecherin bei Otto, bestätigen kann: „Aktuelle Umfragen zeigen, dass die Deutschen nicht unbedingt weniger, aber anders kaufen. Die vergangenen wirtschaftlichen Krisen haben unter den Konsumenten schlichtweg eine Verunsicherung ausgelöst. Sie suchen daher vor allem Anbieter, Marken und Produkte, auf die sie sich verlassen können.“ Seit geraumer Zeit sei ein erhöhter Konsum von Bioprodukten und die Orientierung an Gütesiegeln sichtbar. Bei Kleidung äußere sich das Kaufverhalten dadurch, dass eher zeitlose Stücke gekauft würden – die aber fair gehandelt und nachhaltig produziert werden.

Weil immer mehr Verbraucher auf das Thema Nachhaltigkeit und Corporate Responsibility Wert legen, wird es in den kommenden Jahren auch für Handelsunternehmen eine zunehmend wichtige Rolle spielen.  

Eines, das in diesem Bereich in der vergangenen Zeit von sich Reden gemacht hat, ist die Rewe Gruppe. Sie hatte sich im vergangenen Jahr sogar den Grünen-Politiker Joschka Fischer als Berater zum Thema Nachhaltigkeit ins Boot geholt und gemeinsam mit ihm Leitlinien dazu formuliert.

Ebenso werde – so Professor Fassnacht – die Regionalität der Produkte für den Verbraucher immer wichtiger, vor allem bei frischen Lebensmitteln wie Obst und Gemüse. Menschen, die arbeitsbedingt viel reisen müssen, würden solche Produkte viel mehr schätzen.

Ein weiteres spannendes Thema, das bereits jetzt eine große Rolle spielt und in Zukunft noch wichtiger werden wird, ist der Bereich „Multi Channel“, also die Nutzung mehrerer Verkaufskanäle durch den Händler. Vor allem der Verkauf über das Internet bietet dem Kunden viele Vorteile, aber auch andere neue Verkaufskanäle werden genutzt.  

Online-Shops tragen mehr als die Hälfte zum Umsatz im Distanzhandel bei

„Weil  die Bandbreite der Verbraucherbedürfnisse deutlich größer geworden ist, tritt der Handel mit neuen Kommunikations- und Kontaktformen an seine Kunden heran. Für den Kunden sind vor allem die Nachvollziehbarkeit der Produkteigenschaften, das Verständnis der Sortimentszusammenstellung und die Entlastung bei der Produktsuche wichtig. Online-Shops tragen mittlerweile mehr als die Hälfte zum Umsatz im Distanzhandel bei“, erklärt Professor Dr. Hendrik Schröder, Inhaber des Lehrstuhls für Betriebswirtschaftslehre, Marketing und Handel an der Universität Duisburg-Essen. Zu den Unternehmen, die diese verschiedenen Kanäle bereits erfolgreich benutzen, gehören unter anderem Conrad Electronic, Douglas, IKEA, Otto, Rossmann, Schlecker, Thalia, Tchibo und real.

Univ.-Prof. Dr. Martin Fassnacht, Inhaber des Lehrstuhls für BWL, insbesondere Marketing und Handel (Otto Beisheim-Stiftungslehrstuhl) an der WHU – Otto Beisheim School of Management, beobachtet ein zunehmendes Preisbewusstsein bei den deutschen Kunden.

Wie Serra Esatoglu, Pressereferentin von real,- erklärt, könne das Unternehmen als Multi-Channel-Händler deutlich mehr Kunden und diese vor allem individuell durch die verschiedenen Vertriebskanäle ansprechen. Dabei richte sich real,- Drive in erster Linie an Menschen, die nicht viel Zeit zum Einkaufen haben, also Berufstätige, Mütter und Väter sowie ältere Menschen, die sich über Unterstützung beim Einkaufen freuen. Der Onlineshop hingegen spreche vor allem diejenigen Kunden an, für die der Einkauf im Internet bereits zum Alltag gehört und für die ein Einkauf rund um die Uhr selbstverständlich ist. “Zudem unterscheiden sich die Sortimente innerhalb der Kanäle. In unserem Onlineshop bieten wir inzwischen rund 10.000 Artikel aus den Bereichen ‘Multimedia’, ‚Sport & Freizeit’, ‚Haus & Garten’, ‚Spielwaren’, ‚Babywelt’, ‚Gesundheit & Wellness’ und ‘Lebensmittel & Drogerie’ an. Im real,- Drive hingegen werden mehr als 5.000 Produkte des täglichen Bedarfs angeboten. Der Fokus liegt auf Lebensmitteln und wird durch Drogerie und Non-Food Artikel des täglichen Bedarfs ergänzt“, erklärt Serra Esatoglu.

Laut Otto verzeichnet der Internet- und Versandhandel unter den verschiedenen Verkaufskanälen die größten Zuwächse. Gerade die schnellen und unkomplizierten Vergleichsmöglichkeiten, die das Internet biete, würden den Konkurrenzdruck erhöhen. Auf diese Herausforderung reagiere man bei Otto unter anderem mit dem Aufbau von Vertrauen, durch Qualität und eine vielfältige, serviceorientierte Beratung. Ulrike Abratis, Otto-Pressesprecherin, erklärt, dass das Unternehmen in dem Multichannel-Ansatz eine riesige Chance sieht: “Die Menschen zeigen in ihrem Kaufverhalten unterschiedliche Bedürfnisse und Vorstellungen. Jeder Kanal bietet diesbezüglich seine spezifischen Vorteile. Und wir entwic- keln uns hier stetig weiter, so bringen wir unsere Angebote heute beispielsweise auch auf neue Endgeräte wie Smartphones oder Webpads.“

Emotionale Kundenbindung durch Social Media

Auch der Bereich Social Media eröffnet dem Handel zahlreiche Möglichkeiten der emotionalen Kundenbindung, da die Unternehmen hierbei in direkten Kontakt und Austausch mit den Kunden treten können. Diese haben die Möglichkeit Produkte auf Plattformen wie Facebook direkt zu bewerten und zu kommentieren. Gleichzeitig können die Unternehmen mehr über die Bedürfnisse und Wünsche der Kunden erfahren. Den Ideen der Unternehmen dem Kunden einen Mehrwert zu bieten, sind keine Grenzen gesetzt. So richtete die Otto Group 2008 den OTTO-Fashion-Blog „Two for Fashion“ ein, in dem zwei Modeexpertinnen aus Hamburg und New York redaktionelle Artikel veröffentlichen.




Die Berufseinsteigerfrage

Wie viel Show-Typ muss man sein, um Karriere zu machen?

Die Berufseinsteigerfrage, Bewerbung & Berufseinstieg:

Malte B. (26) aus Bonn schreibt uns: “Ich bin Ingenieur und arbeite in der Automobilindustrie. Bei aller Bescheidenheit bin ich meinen Traineekollegen fachlich weit überlegen. Ich habe bereits in den ersten Monaten technische Lösungsvorschläge erarbeitet, die direkt umgesetzt worden sind. Da bei uns Teamarbeit großgeschrieben wird, präsentieren wir unsere Arbeiten jedoch immer in der Gruppe. Da ich es unangenehm finde, im Mittelpunkt zu stehen, übernehmen die ‘Show-Typen’ die Präsentation meiner Arbeiten. Leider sammeln sie dann auch die Lorbeeren ein. Reicht nicht die fachliche Kompetenz, muss man auch ein ‘Show-Typ’ sein, um Karriere zu machen? Und wenn ja, wie wird man so?“


Serie: Netzperlen

Diese Woche: Notes of Berlin

Netzperlen:

In Berlin kommt alles zusammen: Verrückt- und Verruchtheit, Offenheit und Spießertum, Liebe und Hass - im deutschen Mekka für Kreative und Individualisten gibt es viel zu entdecken. Was für skurrile, poetische oder humorvolle Zettelchen und Botschaften überall in der Stadt versteckt sind, zeigt uns ...