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Film

Der Aufsteiger - vom Preis der Macht

Das Parkett der Spitzenpolitik ist glatt, die Gefahr auszurutschen allgegenwärtig. Der französische Regisseur Pierre Schoeller erzählt in seinem Film "Der Aufsteiger" schonungslos vom schnellen Erfolg des Ministers Bertrand Saint Jean, aber auch vom Preis den dieser für die Macht zahlen muss

Der Minister wird permanent von der Presse verfolgt©Koolfilm

Ein Bus verunglückt mitten in der Nacht im Nirgendwo. Jugendliche werden schwer verletzt, einige von ihnen sterben. Neben den Rettungskräften ist auch Frankreichs Verkehrsminister Bertrand Saint-Jean (Olivier Gourmet) vor Ort, um zusammen mit seiner PR-Beraterin Pauline (Zabou Breitmann), die allgegenwärtig scheint, Betroffenheit auszudrücken – oder täuscht er diese nur vor? Denn Saint-Jean ist zwar noch nicht lange im Amt, macht aber die Arbeit eines Spitzenpolitikers, der eben die Aufgabe hat, in der Öffentlichkeit gut anzukommen, perfekt. 

Der Preis der Macht

So bleibt es auch kein Zufall, dass er just nach diesem Unfall den Auftrag bekommt, im Namen seiner Partei die Privatisierung der französischen Bahnhöfe voranzutreiben. Angesichts dieser Aufgabe sieht er sich im Konflikt zwischen seinen eigenen Interessen, denen der Privatisierungsgegner und der Verpflichtung seiner Partei gegenüber, die das Privatisierungsprojekt um jeden Preis umsetzen will.

Zum Wohle der Partei stellt Bertrand auch einen neuen Fahrer ein, der sorgfältig und vor allem öffentlichkeitswirksam für ihn ausgesucht wird. Die Wahl fällt auf den Langzeitarbeitslosen Martin Kuypers (Sylvain Deblé) – verschwiegen, diskret und loyal scheint dieser die Idealbesetzung für den Job, beweist seine Rettung aus der Arbeitslosigkeit doch Saint-Jeans Handlungsfähigkeit auch auf anderen politischen Gebieten. Bald entwickelt sich eine echte Freundschaft zwischen den beiden Männern, die auf dem glatten Parkett der Spitzenpolitik Seltenheitswert hat. Denn das ist der Preis, den Saint-Jean für seinen rasanten Aufstieg aufbringen muss: 4000 Kontakte im Smartphone und nicht ein Freund darunter. 

Ständig muss Saint-Jean Entscheidungen treffen, Kompromisse gibt es nicht, soll seine Machtposition erhalten bleiben. Das Opfer dafür bringen am Ende ohnehin immer die anderen: Als Jean-Saint Fahrer Kuypers drängt, auf dem Weg zu einem wichtigen Termin einen noch unbefahrenen Autobahnabschnitt zu benutzen, kommt der Wagen ins Schleudern mit tödlichen Folgen für Kuypers. Am Ende scheint Saint-Jean auf dem Höhepunkt seiner Macht angekommen zu sein – gezahlt hat er mit dem Leben des einzigen Menschen, der es ehrlich mit ihm meinte.

 

Ein erstklassiges Politporträt

Regisseur Pierre Schoeller schafft mit „Der Aufsteiger“ ein überaus klarsichtiges Porträt des Netzes aus Machtstrukturen auf dem Parkett der Spitzenpolitik, in dem er die herausragenden Darsteller – allen voran Olivier Gourmet als Bertrand Saint-Jean - den ganzen Film über gefangen hält. Bemerkenswert auch die Leistung von Laiendarsteller Sylvain Deblé, der die Figur des Martin Kuypers verkörpert. 

Schoeller scheut sich nicht, das Handeln seiner Akteure in seiner ganzen Konsequenz zu zeigen. Das verspricht der Beschreibung nach langatmig zu werden, ist es aber dank der wohldosiert platzierten Actionsequenzen nie. Auch die ständige Gehetztheit der Akteure bekommt der Zuschauer fast körperlich zu spüren. Denn der Schauspielerfilm stellt politische Praxis ohne jede Schwarzmalerei dar und büßt dabei trotzdem nichts an Plastizität ein, wenn das Gebilde politischer Mechanismen völlig demontiert wird. Auch die Befürchtung, dass hier der moralische Zeigefinger erhoben wird, bewahrheitet sich nicht.

„Der Aufsteiger“ entlässt den Zuschauer hingegen mit ganz neuen Kenntnissen über die Spezies des homo politicus, der am Ende auch nur ein Mensch ist und als solcher in all seinen Facetten gezeigt wird.

 

Der Aufsteiger

Im Verleih von Koolfilm

Kinostart: 22. November

 




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