Drucken
Zeitgenössische Literatur

Der Anfang vom "Ende"

25 Jahre nach dem Zerbrechen einer Clique beschließt eines der damaligen Mitglieder, alle alten Freunde wieder zusammenzuführen. An eben jenem Ort, wo vor langer Zeit alles so plötzlich auseinandergegangen war. Abgesehen von einer Person tauchen alle auf und verbringen eine, wenn auch nicht immer schöne, dann zumindest interessante, Zeit miteinander, bis plötzlich der Strom ausfällt und sich ein mysteriöses Ereignis an das nächste reiht ...

Der Anfang vom "Ende"

Ohne Vorinformationen genießen

Wie rezensiert man ein Buch, über dessen Inhalt man kaum etwas verraten kann ... oder vielmehr nicht verraten möchte, da der Überraschungseffekt einen Großteil des Reizes dieses Werkes ausmacht? Ich habe beschlossen, neben einer knappen Inhaltsangabe und ausführlicheren Informationen zur Gestaltung des Textes vor allem einen Rat zu geben: Lesen Sie sich vorher möglichst wenig zu diesem Buch durch und genießen Sie einfach ein Leseerlebnis, das Sie so vermutlich noch nicht kannten.

(W)Ende - Schwer durchschaubar, aber vielseitig interpretierbar

Bereits sehr früh baut der Autor eine unheimliche Stimmung gepaart mit undurchschaubaren Vorkommnissen auf. Wann immer sich die Charaktere und damit auch der Leser in Sicherheit wähnen, passiert plötzlich etwas, das alles wieder umwirft. Während des Lesens ist man ständig mit dem Versuch beschäftigt, das Geschehene zu interpretieren und dadurch mögliche Erklärungen zu finden. Doch immer dann, wenn man sich kurzzeitig mit einer Lösungsmöglichkeit angefreundet hat, schafft der Autor es spielend leicht, dieses Gedankenkonstrukt wieder zu zerschlagen, für erneute Verwirrung zu sorgen und so den Prozess des Grübelns erneut anzuregen. Ist all dies nur Zufall? Steckt Gott dahinter? Oder gar der Teufel? Ein alter Feind? Oder sogar Außerirdische?

Das Ende von "Ende" hätte meiner Meinung nach auf keine andere Weise besser sein können, wird aber nicht jedermanns Geschmack sein.

Dezenter Humor

Bei all der dichten Atmosphäre kommt aber auch der Humor, dezent, aber geschickt eingesetzt, nicht zu kurz. So lässt der Autor nicht nur seine Charaktere lustige, ironische und sarkastische Bemerkungen von sich geben, sondern gibt auch höchstpersönlich seinen Humor zum Besten. So zum Beispiel bei einem nächtlichen Gespräch zwischen 9 Personen, wo er als Einleitung neckisch vermerkt:
"Würden wir sie nicht so gut kennen, könnten wir ihre Stimmen nicht auseinanderhalten, sie keinem Namen zuordnen. Mehr noch: Würde jemand die Unterhaltung transkribieren, ohne weitere Hinweise zu geben, könnten wir die männlichen und die weiblichen Stimmen nicht immer unterscheiden." (S.113)
Woraufhin selbstverständlich ohne jegliche Personen-Zuordnung das lange Gespräch folgt ...

Gut durchdachter Schreibstil

Jene Gespräche sind vom Aufbau und Inhalt her gut gestaltet – sehr authentisch, berührend, nachdenklich stimmend – hier lässt der Autor durch spannende Unterhaltungen, wenn auch selten sympathische, in jedem Fall interessante und vor allem glaubwürdige Persönlichkeiten entstehen. Bemerkenswert ist auch die anfängliche Einführung der Charaktere. Um langatmige Einleitungen und trockene Beschreibungen zu vermeiden, baut Monteagudo all dies auf intelligente Art und Weise in die Handlung ein. So stellt zum Beispiel ein Cliquenmitglied seiner Freundin anhand eines Fotos den Rest der Gruppe vor, wodurch der Leser unmittelbar Hintergründe und gleichzeitig das äußere Erscheinungsbild der Charaktere kennenlernt.

Überhaupt ist "Ende" durchgehend in einem Stil geschrieben, der sehr durchdacht scheint, flüssig zu lesen und dennoch alles andere als anspruchslos ist. Auffällig sind hier vor allem die Kapitelüberleitungen und die bildliche Sprache. Während im ersten Abschnitt eine Person etwas erlebt, wird der Verlauf der Situation oft im nächsten Kapitel aus der Sicht eines anderen nacherzählt, was eine spannende Dynamik aufbaut. Zusätzlich wird die Umgebung so eindrücklich geschildert, dass man leicht das Gefühl bekommen kann, in Wirklichkeit einen Film zu schauen, von dem viele Bilder in ihrer einzigartigen Schönheit im Gedächtnis hängenbleiben.

Insgesamt ist "Ende" also ein Buch, das auf eigenartige Weise fesselt, gut geschrieben und garantiert mit keinem anderen Leseerlebnis vergleichbar ist. Wer ausschweifende, aber schöne Landschaftsbeschreibungen, lange, aber charakterformende Dialoge sowie eine offene Interpretation nicht zu schätzen weiß und auf ein gruseliges Horrorerlebnis hofft, wird enttäuscht werden und an diesem Buch wohl viel zu kritisieren haben. Allen anderen lege ich dieses spanische Debüt sehr ans Herz.

Jenny Wunsch (academicworld.net-Userin)

David Monteagudo. Ende
19,95 Euro. Rowohlt

 




Die Berufseinsteigerfrage

Ist spezielle Frauenförderung eigentlich gerecht?

Die Berufseinsteigerfrage:

Stefan T. (27) aus Frankfurt am Main. schreibt uns: “Ich arbeite in einer Unternehmensberatung als Junior Berater. Mir und meinen männlichen Kollegen fällt deutlich auf, dass die weiblichen Beraterinnen von den Vorgesetzten klar bevorzugt werden. Neulich hat ein Partner dies offen damit begründet, dass es für die Firma viel schwieriger sei, Beraterinnen zu gewinnen und vor allem zu halten als männliche Berater und man von daher auch zu mehr Zugeständnissen bereit sei. Für die Kolleginnen gibt es beispielsweise spezielle Rhetorikschulungen, an denen Männer nicht teilnehmen dürfen. Ich finde dieses Vorgehen nicht in Ordnung. Meine Kollegen raten mir aber von einer Beschwerde ab, da ich sonst schnell als Mimose oder Querulant dastehen würde. Muss man als Mann eine solche Zurücksetzung einfach runterschlucken, weil Frauen es lange schwerer im Beruf hatten?"


Serie: Netzperlen

Diese Woche: Notes of Berlin

Netzperlen:

In Berlin kommt alles zusammen: Verrückt- und Verruchtheit, Offenheit und Spießertum, Liebe und Hass - im deutschen Mekka für Kreative und Individualisten gibt es viel zu entdecken. Was für skurrile, poetische oder humorvolle Zettelchen und Botschaften überall in der Stadt versteckt sind, zeigt uns ...


Serie: Studenten fragen Professoren