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Film

Der Adler der Neunten Legion. Ehre, Freundschaft - und schlimme Frisuren

Wer hätte nicht schon davon geträumt, so zu leben? Wild, gefährlich, frei. Mit dem Wind im Rücken, einem Freund an der Seite, dem Abenteuer vor Augen. Und dann auch noch perfekt Latein sprechen!

Hauptfilmplakat "Der Adler der Neunten Legion"
"Der Adler der Neunten Legion"; © Cine Global

 

Ad fontes - Zu den (erzählerischen) Quellen

Mit "Der Adler der Neunten Legion" von 1954 hat die englische Autorin Rosemary Sutcliff nicht nur einen Klassiker der Jugendbuchliteratur verfaßt, sondern bei unzähligen Lesern Interesse an Geschichte, explizit an der römischen Besatzungszeit Britanniens geweckt. Jeder, der nach der Lektüre selbst gerne in diese aufregende Epoche eingetaucht wäre, darf das jetzt im Kino nachholen. Dort warten tapfere Legionäre, wilde Stämme, bedrohliche Abtrünnige und edle Sklaven auf all jene, die ganz heimlich noch an echte Abenteuer glauben. Und das sind nicht nur die Jungs!

Im 2. Jahrhundert nach Christus erstreckt sich das Römische Weltreich bis nach Britannien; nördlich vom Hadrianswall jedoch herrschen die rebellischen Stämme Kaledoniens, des heutigen Schottlands. Irgendwo in diesem Nowhere-Land verscholl einst die komplette 5000 Mann starke, von Flavius Aquila kommandierte Legio IX. und mit ihr deren Feldzeichen, ein goldener Adler. Noch Jahrzehnte danach wird über das mysteriöse Verschwinden gerätselt, wobei insbesondere Flavius` Sohn Marcus Aquila, mittlerweile selbst Soldat, unter der Ungewißheit leidet. Als er bei einem Angriff auf sein Fort im südwestlichen Britannien, wohin er sich als Kommandant extra hat versetzen lassen, eine schwere Verwundung erleidet und deshalb ehrenhaft aus der Armee entlassen werden muß, schwindet seine Hoffnung, jemals den Makel von seiner Familie zu tilgen. Doch dann kommen Gerüchte auf, der goldene Adler wäre im Norden gesichtet worden. Marcus macht sich mit seinem britannischen Sklaven Esca auf, um dem Geheimnis der Neunten Legion auf die Spur zu kommen. 

Der junge Centurio Marcus Flavius Aquila (CHANNING TATUM) und sein Onkel Aqulia (DONALD SUTHERLAND)
Der junge Centurio Marcus Flavius Aquila (CHANNING TATUM) und sein Onkel Aqulia (DONALD SUTHERLAND); © Cine Global

Ad rem ? Zur (filmischen) Sache

Mittlerweile zählt es bei Historienfilmen zum guten Ton, daß alle Kreativen betonen, wie exakt sich bei der cineastischen Umsetzung an geschichtlicher Realität orientiert wurde, auch wenn dies freilich kein Qualitätsmerkmal ist. Faktentreue sei für Dokumentationen reserviert, wissenschaftliche Genauigkeit für Fachbücher, doch das Kino darf Transzendenz verheißen.

 

Ganz in diesem Sinne erlauben sich Set- sowie Costume-Design einen mit naturalistischer Phantasie ausgeschmückten, populär-unaufdringlichen Historismus, der vielleicht nicht die Mentalität des Gestern zu treffen vermag, dafür das Geschehen atmosphärisch glaubhaft der Gegenwart entrückt. Tatsächlich ist die heutige Geschichtsschreibung mehrheitlich der Auffassung, die berühmte Neunte Legion wäre keineswegs von rebellischen Kelten-Stämmen vernichtet, sondern einfach verlegt und möglicherweise in anderen Schlachten zerschlagen worden. Zugegeben, dieser Theorie fehlt es im Gegensatz zur Legende am Ingeniösen. Der Film wiederum setzt auf eine gewisse Extravaganz, speziell bei den gewagten Frisuren der Protagonisten. Während die Römer meist ordentlich gekämmt sind, leiden die Briten unter ästhetisch bedenklichen Defiziten, je dramatischer, je weiter sie im Norden wohnen. Auf der Insel scheint ein ewiger ?Bad Hair Day? ausgebrochen zu sein.
Ansonsten präsentiert sich Britannien, im Film teils von Ungarn ?gedoubelt?, als faszinierend herbe Landschaft von reizvoller Reserviertheit. Rauh, aber nicht unwirtlich, ungebändigt, doch nie barbarisch mutet sie allein den Römern als unzivilisiertes, gefährliches Gebiet an, atmet freilich ihre eigene kühle Würde. Dies spürt auch Kameramann Anthony Dod Mantle, der die schottischen Highlands mit buchstäblichem Weitblick und konzentrierter Ruhe einfängt. Im übrigen bevorzugt er zwecks Identifikation mit den handelnden Personen nahe Einstellungen, was den Bildern allerdings ihre epische Kraft raubt. Letztere kann nur bedingt von der Filmmusik mitgetragen werden, die auf orchestrale Überwältigung setzt, um dann in dramatischem Hörnereinsatz, Dudelsackwimmern und Ethno-Sound banal zu versanden.

Der "Robbenprinz" (Tahar Rahim) und sein Volk haben Marcus (Channing Tatum) und Esca (Jamie Bell) gefangen genommen.
Der "Robbenprinz" (Tahar Rahim) und sein Volk haben Marcus (Channing Tatum) und Esca (Jamie Bell) gefangen genommen. © Cine Global

Ad notam ? Zur (dramaturgischen) Kenntnis

Nach einem überraschungsarmen, konventionellen Einstieg entwickelt sich der Film unter der soliden, gelegentlich findigen Regie von Kevin Macdonald zu einem spannenden ?period picture? mit tollen Momenten. So werden im Verlauf des finalen Duells zwischen Marcus und einem Stammeskrieger plötzlich sämtliche Hintergrundgeräusche ausgeblendet, weshalb allein Stöhnen, Schwerterklirren und Wasserrauschen vom Fluß zu hören sind, als hätte die Natur angesichts der Gewalt kurzfristig ihren Atem angehalten. Leben und Sterben werden eins in Schall und Stille.

Tatsächlich geht es bisweilen sehr ruppig zu in dieser Literaturadaption, die im Vergleich zur Vorlage dramatischer, martialischer, heroischer ausfällt. ?Der Adler der Neunten Legion? ist genretypisches, in einer reinen Männerwelt spielendes Abenteuerkino, das von Ehre und Ruhm handelt, von Mut und Entschlossenheit, von Tugend und Loyalität. Im Zeitalter penetranter ?political correctness? mag dies einen Film angreifbar machen, ihn unter den Verdacht setzen, Patriotismus oder Kampfgeist zu glorifizieren, gar Krieg zu rechtfertigen. Aber ach, was wäre das Kino-Universum ohne Pathos, ohne Emphase? Was wären große Helden ohne große Ziele? Deswegen sei die subversive Haltung gestattet, das Historiendrama allein zu genießen als cineastischen Eskapismus ohne weitere Parabelabsicht oder eingeschmuggelte militaristische Botschaft.
Emotionales wie motivisches Herzstück bildet sowieso die ins erzählerische Zentrum gerückte und von blutigen Kampfszenen narrativ gewissermaßen umrahmte Odyssee von Marcus und Esca. Als klassische ?quête? führt sie die beiden nicht nur in geographisch unbekannte Territorien, sondern schweißt sie bis hin zur Freundschaft zusammen. Von Anfang an sind Soldat und Sklave auf schicksalhafte Weise verbunden, nachdem ihn Marcus vor dem sicheren Gladiatorentod gerettet hat ? im übrigen eine bestechende Lektion über die Manipulation der Massen ? und Esca ihm daraufhin unverbrüchliche Treue schwört. Gleichwohl ist ihre gesellschaftliche Positionsverteilung eine temporäre Erscheinung, denn als sie schließlich bei den Robbenleuten im hohen Norden ankommen, über deren Haartracht sich nur mehr betroffen schweigen läßt, kehren sich die Rollenverhältnisse um. Niemand ist von Geburt an Herr oder Sklave, aber jeder Mensch kann zu einem wahren Freund heranreifen.

Marcus (Channing Tatum), Guern (Mark Strong) und Esca (Jamie Bell) rüsten sich zum Kampf.
Marcus (Channing Tatum), Guern (Mark Strong) und Esca (Jamie Bell) rüsten sich zum Kampf. © Cine Global

Ad astra - Zu den (eigenen) Sternen

Daß der Film trotz seines naiven Drehbuchs unterhält, ist nicht zuletzt den blendenden (Neben-)Darstellern zu verdanken. Channing Tatum als Marcus behauptet sich primär mit physischer Präsenz, jedoch Donald Sutherland als sein munter-altersweiser Onkel und Mark Strong als zwielichtiger Ex-Legionär bringen charakterlich markante Noten ein. Vor allem gibt es da Jamie Bell, wie immer höchst sensibilisierte Distanz, als Esca. Noch bevor man dessen Lebensgeschichte kennt, erzählt sein trotzig-verschlossener Blick schon von vergangenem Leid, von Bitternis, aber auch von aufrechter Entschlossenheit.

Wenn Marcus der Körper des Films ist, ist Esca dessen Seele. Zusammen erreichen sie das, was dem mächtigen Rom nicht gelingen konnte. Sie folgen ihrem eigenen Stern, lassen ihr Fatum endgültig hinter sich, das in Marcus` Familiennamen bereits eingeschrieben ist, und finden schließlich zu individueller Selbstbestimmung. Kein Zweifel, neue Abenteuer warten auf die beiden.
Der Zuschauer hingegen bleibt in der Gegenwart zurück, mancher mit der tröstenden Ahnung, daß es vielleicht doch nicht so uncool war, einstmals in der Schule das Latinum erworben zu haben. Man wird ja noch träumen dürfen. Salve!

 

Diese Filmkritik ist von

Nathalie Mispagel, Kinoexpertin auf academicworld

DER ADLER DER NEUNTEN LEGION (OT: The Eagle)

Regie: Kevin Macdonald

Darsteller: Channing Tatum, Mark Strong, Jamie Bell, Donald Sutherland u.a.

Deutscher Kinostart: 3. März 2011 im Concorde Filmverleih




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