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Abiturienten

Das Jahr Null

Mit dem Abi ändert sich alles. Nein, keine Angst, dir wachsen nicht plötzlich Haare aus der Nase oder auf dem Rücken. Aber du musst etwas tun, was auf dem langen Weg zum Abitur bisher kaum gefragt war: Entscheidungen treffen.

Jahr für Jahr die gleichen Fragen - nur die Protagonisten wechseln. Bild: Helvetica, Durchstarten, Some rights reserved. Quelle: www.piqs.de

"Verdammte Hacke, ich habe zwei Masterabschlüsse in Europäischem und Internationalen Recht, war ein Jahr in USA und vier Jahre in den Niederlanden und die sagen mir: 'Ja, Sie sind schon toll, aber die ganzen Leute, die sich hier sonst bewerben, die haben alle viel mehr Erfahrung!' Und ich denke nur: Spinnen die? Wie soll ich denn Erfahrung sammeln, wenn mich keiner will?"

Der perfekte Lebenslauf - trotzdem keine Jobgarantie

Jana hat eigentlich alles richtig gemacht. Sie bewarb sich ein Jahr nach dem Abi für ein Law-Studium in Maastrich, lernte innerhalb von drei Monaten Niederländisch, schaffte die Aufnahmeprüfung ohne Probleme und trug in der Folge beste Noten nach Hause. Zwei Semester an der Penn State, der Pennsylvania State University, einer der besten staatlichen Universitäten der USA, komplettierten das Studium, das sie mit 25 Jahren abschloss. Jung, gute Noten, international studiert, quadrilingual: Wie aus dem Bilderbuch, genau was Personalentscheider offiziell suchen. Zu hören bekam sie bei ihren zahlreichen Bewerbungen und Vorstellungsgesprächen anderes: Ja, Sie haben gute Noten, doch es gibt bessere. Sie haben international studiert, uns wäre es lieber, Sie hätten in Deutschland studiert. Sie selbst bringt ihre Erfahrungen so auf den Punkt: "In 'normalen' deutschen Unternehmen bringt dir dein internationales Studium gar nichts, schadet sogar eher. Bei den Global Playern, die Top-Jobs offerieren wird es zwar gerne gesehen, doch du musst dann wirklich Spitzenleistungen erbringen, sonst bist du nicht interessant. Im Amerika würden die mich ja mit Handkuss nehmen, aber da gibt es die üblichen Visa-Vorschriften. Verkehrte Welt."

Sie bewarb sich weiter – und bekam Absagen wie "leider stellen wir derzeit keine Steuerrechtler ein" – was sie sich gar nicht ist. Und irgendwann fühlte sich sich mit all ihren Qualifikationen ziemlich schwer vermittelbar.

Jana war über ein halbes Jahr arbeitslos und hätte am Ende sogar gerne wieder ihren alten Aushilfsjob beim Aachener Theater gemacht, nur um endlich wieder was tun zu können. Mittlerweile ist sie in einer Brüsseler Anwaltskanzlei gelandet, mit einem zeitlich befristeten Vertrag.

Es gibt sie also in real, diese Geschichten von den hochqualifizierten Absolventen, die irgendwie dennoch nicht mit offenen Armen auf dem Arbeitsmarkt empfangen werden. Und es  gibt nichts, was sich Jana vorwerfen lassen muss. Auch keine übereilte Entscheidung für etwas, was nur nach Karriere roch und ihr überhaupt nicht lag. Nach dem Abi machte sie zunächst zwei, drei Praktika und schrieb sich für zwei Semester Medizin ein. Sie hatte eigentlich ihr Ding gefunden, nach der üblichen Planlosigkeit nach dem Abi. Allerdings zeigt ihr Beispiel, dass ein Plan nicht bedeuten muss, auch problemlos sein Ziel zu erreichen. Das ist ebenso beunruhigend wie tröstlich.

Oft hat man nach dem Abi das Gefühl, man hat fast zuviel freiheit - nach bisher zuviel Unfreiheit. Bild: strawberryfray, free as I wanna be, Some rights reserved. Quelle: www.piqs.de

Theresa studiert im dritten Semester Komparatistik, Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft, einen richtigen Plan oder ein höheres Ziel hat sie dennoch nicht. "Als mich Ende der elften Klasse eine übereifrige Mitschülerin darauf hinwies, die Wahl meiner Leistungskurse sei entscheidend für meine spätere Karriere, entgegnete ich entsetzt 'Karriere?' und drehte die Musik in meinem Kopf lauter. Aber es ist eine bekannte Tatsache, dass die Häufigkeit der Frage nach dem Berufswunsch direkt proportional zum Alter ansteigt. Bis zur elften Klasse wurde mein Leben durch meine chronische Entscheidungsunlust nicht weiter eingeschränkt. Ich sagte nicht nur besonders oft 'Mal schauen', sondern ich war 'Mal Schauen'. Mein Gehirn sah ich als nützliches Instrument, wenn es um das Überschlagen von Wochenendausgaben ging, und manchmal auch als erstaunlich fantasievolle Hilfe, was die Neukreation von Französisch-Vokabeln betraf. Aber abgesehen davon erwies es sich als vollkommen nutzlos, wenn ich es dazu zwingen wollte, einen Blick auf die nächsten zwei, drei Jahre zu werfen. Ein blütenweißer Fleck in der Landkarte meines Kopfes."

Nach dem Abitur machte sie das Übliche. Feiern, sich die Welt ansehen, den Horizont erweitern. Erkenntnisgewinnung. Oder so. "Ich habe in diesem Sommer mit Freuden festgestellt, dass sich mein Freundeskreis mit genau den gleichen Problemen rumschlug wie ich, alle wussten irgendeine Richtung, in die man gehen wollte und viele haben im Juli beiläufig Unibewerbungen losgeschickt um dann nicht mehr darüber nachdenken zu müssen. So ging es mir auch. Als ich im August aus einem surrealen Israel-Abenteuer wieder in mein sehr reales Zuhause kam, lag ein Brief von der Komparatistik-Fakultät der LMU auf dem Tisch, meine einzige Bewerbung, weil es das einzige Fach war, von dem ich mir einbildete, es würde mich interessieren. Ich bekam eine Zusage und wusste nicht was ich damit anfangen sollte. Natürlich habe ich mich erst einmal tierisch gefreut, aber dann kamen bald die ersten Zweifel. Ich konnte mich entweder immatrikulieren oder auf nächstes Jahr setzen und abwarten, was dieses Jahr bringen würde."

"Ich bekam eine Zusage und wusste nicht, ob ich mich freuen sollte."


Theresa hat es dann doch gemacht und sich eingeschrieben. Ihre Zweifel ist sie zwar auch nach fast zwei Jahren nicht losgeworden, aber das heißt nicht, dass sie nicht zufrieden wäre. Und vermutlich hat auch sie überhaupt nichts falsch gemacht. Auch in Hinblick auf ihre Karriere nicht. Denn immer noch gibt es kein wirksameres Mittel gegen Arbeitslosigkeit als einen akademischen Abschluss. Und da spielt es immer weniger eine Rolle, was man studiert. Es reicht, wenn man abschließt. Allerdings muss man sich bei Studiengängen wie Komparatisik, Soziologie oder Politologie immer "einen Beruf dazu ausdenken", wie es ein Berufsberater einmal treffend formulierte. Man muss lediglich die Fragen seiner Eltern und Verwandten aushalten ?

Nach Neigung und mit Muse zu studieren, ist sicherlich eine gute Sache, kennzeichnet aber auch eine noch existente Wohlstandsgesellschaft. Ohne wohlhabende und -wollende Eltern ist ein entspanntes Studium in Deutschland kaum möglich.

Jacob kann es kaum fassen, dass in Teilen Deutschlands Studiengebühren erhoben werden. Dass das Studium an staatlichen Hochschulen Geld kostet. Und weniger als ein Drittel aller Studenten BAföG bekommen. Jacob hat nicht zwanzig Jahre im Koma gelegen. Jacob ist Däne. "Bei uns bekommt man Geld, wenn man studiert. Egal, ob deine Eltern arm oder reich sind. Man wird quasi belohnt, wenn man studiert. Jede dänische Student bekommt 700 Euro pro Monat. Nicht als Darlehen. Geschenkt."

Ein Modell, das auch in Deutschland denkbar wäre? Jeder Haushaltspolitiker wendet sich angesichts der über 2,2 Millionen Studenten an Deutschlands Hochschulen bei diesem Gedanken vermutlich entsetzt ab. Dänemark ist ein kleines Land, mit 5,5 Millionen Einwohnern. Aber mit der stolzen Anzahl von 360.000 Studierenden. In Dänemark ist jeder 15. Einwohner an einer Hochschule eingeschrieben, in Deutschland nur jeder 37. Cui bono? Wem nützen eigentlich die Absolventen? Langfristig natürlich dem Staat, denn Akademiker verdienen gut, zahlen am meisten Steuern. Kurz- und mittelfristig sind natürlich die Unternehmen die Hauptprofiteure. Sie beschäftigen hochqualifizierte Spezialisten, für deren Ausbildung sie bis dato nichts getan haben außer Steuern zu zahlen. Die Probleme mussten die Nachwuchsakademiker selbst lösen.

Insofern war der Gedanke "Wir bezahlen dir ein Studium und deinen Lebensunterhalt - und du arbeitest jetzt oder auch später bei uns" ein sehr schlüssiger. So hat dies die Bundeswehr schon lange praktiziert, seit einigen Jahren entstehen stetig neue Kooperationen von Unternehmen mit Hochschulen. Der Deal: Der Student bekommt ein festes Gehalt, arbeitet zu bestimmten Zeiten im Unternehmen und absolviert in der anderen Zeit ein Studium an einer Berufsakademie (BA), die quasi die Kooperationshochschule des Unternehmens ist.

Man immatrikuliert sich nicht direkt bei der Universität, sondern bewirbt sich bei einem Unternehmen. Wird man dort eingestellt und kann das Abitur nachweisen, studiert man drei Jahre lang an der Berufsakademie.

Dual-Deal: Das Unternehmen finanziert das Studium


Praxiserfahrung, kombiniert mit der Vermittlung theoretischem Wissens, dazu die Möglichkeit, ab Tag eins ohne größere finanzielle Sorgen unabhängig von seinen Eltern sein Leben zu gestalten: Das duale Studium ist ein Erfolgsmodell und erfreut sich wachsender Beliebtheit. Nicht nur bei den dualen Studenten, sondern auch den Unternehmen, die sich die Nachwuchskräfte frühzeitig sichern und sich über mehrere Jahre als guter Arbeitgeber präsentieren können. Das Studentenleben hat hier natürlich nicht mehr allzu viel mit jenem zu tun, von dem früher alle schwärmten. Das gilt allerdings größtenteils auch für das normale Bachelorstudium. Das Studium ist anders geworden. Es ist alles deutlich straffer, organisierter, reglementierter.

Ziel der Einführung von Bachelor und Master war es schließlich, schnell praxisorientierte Absolventen für den Arbeitsmarkt auszubilden. Bislang bildeten Universitäten Studenten grundsätzlich zu Forschern aus, eigneten ihnen in erster Linie die Fähigkeit zu wissenschaftlichem Arbeiten an.

Nicht zuletzt deshalb war es vor allem früher weit verbreitet, vor einem Hochschulstudium eine Lehre zu absolvieren ? ein Fundament zu legen und etwas Praktisches zu erlernen. Die Kombination von Banklehre und BWL-Studium war schon fast klassisch zu nennen. Und durchaus gibt es gute Gründe, zunächst oder auch generell ein "Handwerk" zu erlernen. Denn gerade Akademiker um die 30 fragen sich zuweilen, was sie eigentlich wirklich können ? und entdecken, wie wertvoll es ist, etwas Zeitloses und Nützliches tun zu können. Einfach sagen zu können: Ich kann Autos reparieren, ich kann Möbelstücke alleine bauen und ein Haus renovieren. Durch das Abitur sollte sich niemand verpflichtet fühlen, ein Studium aufzunehmen. Seinen Interessen sollte man jedoch in jedem Fall folgen.

Kannst du dich nach 13 Jahren noch an deine Interessen erinnern?


Allerdings ist das oft gar nicht so einfach, da Abiturienten oft das Gefühl haben, nach 13 Jahren Schule, in denen sie ohne echte Entscheidungsmöglichkeit einfach das machen mussten, was gerade anlag, keine wirklichen Fähigkeiten oder Interessen zu besitzen. Um es einfach auszudrücken: Die Kunst besteht darin, sich nach der Schule schnell wiederzufinden.

Wichtig ist dabei auch folgendes zu wissen: Nur, weil dich etwas in der Schule nicht interessiert hat, heißt es noch lange nicht, dass es nichts für dich wäre.

Daniel zum Beispiel hat erst spät gemerkt, dass die Schule viele seiner Interessen "verschüttet" hatte. "Ich war als Kind total fasziniert von Tieren, hatte mir ein fünfteiliges Tierlexikon gekauft und es komplett zerlesen. Kein Wunder, dass ich mich total auf Biologie in der Schule gefreut habe. Also, um genauer zu sein, ich hatte mich gefreut, bis ich dann Biologie in der Schule hatte. Da ging es dann um den Zitronensäurezyklus, um Mitose und Meiose, darum, welche Gase in der Luft sind und zu welchen Prozentsätzen. Ich erinnere mich an Zellkerne, Mitochondrien, sogar das endoplasmatische Retikulum hat sich ins 'Endzeitgedächtnis' eingegraben. Über einwandernde Elche und Bären hingegen habe nie etwas gehört. Wenn Phoenix und arte ihre Reportagen so gestalten würden, wie Kultusministerien ihre Lehrpläne, würden sie nach zwei Wochen vom Netz genommen werden, weil keiner mehr einschaltet. Ich frage mich wirklich, wie man es schaffen kann, eine so wunderbare Wissenschaft so gründlich zu zerstören, so präzise alles Interessante zu entfernen. Als ob die Lehrpläne von Robotern gemacht würden?

Ein Anderer verlor glücklicherweise nicht das Interesse. Johannes macht in Kürze seinen Doktor in Biologie. Allerdings fast nebenbei, denn mittlerweile arbeitet er an seinem vierten Buch über Survivaltechniken und bereist in Kürze Bolivien, um den größten Salzsee der Welt, den Salar de Uyun, zu Fuß zu durchqueren. Seit Jahren gibt er Kurse zu Survivaltechniken, mittlerweile sogar auf eigenem Grund und Boden. Kurse und Bücher brachten soviel ein, um ihn zum Landeigentümer werden zu lassen. Dabei folgte er "nur" konsequent immer seinen Interessen, wie er erzählt: "Mich haben als Kind besonders die Dokumentationen des Australiers Malcolm Douglas fasziniert. Ich fand es wichtig und spannend, das Wissen indigener Kulturen zu sammeln und am Leben zu erhalten. Nach der 12. Klasse, also noch vor dem Abitur, habe ich mein angespartes Führerscheingeld genommen und bin zwei Monate nach Australien geflogen. Dort war ich zusammen mit Malcolm filmen und habe viele Aboriginals kennengelernt. Das war eine Zeit, die mein späteres Leben und Wirken sehr geprägt hat."

Vermutlich kann man es gar nicht besser machen als Johannes. Er folgte immer seinen Neigungen, auch wenn er wohl nicht genau wusste, wohin sie ihn bringen würden. Er hatte den Mut, etwas zu tun und auszuprobieren. Dass er zudem fleißig und erfinderisch war und bereits mit knapp 20 Jahren sein erstes Buch schrieb und bei Books on Demand veröffentlichen ließ, zeigt, dass er an sich und seine Ideen glaubte.

Natürlich führen nicht alle Weg zum Erfolg, doch wenn es eine Zeit gibt, sich und etwas auszuprobieren, dann jetzt. Und wenn es daneben geht: Du bist jung und kannst noch alles korrigieren.

Also, habt Mut und macht was aus eurem Leben!




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„Ich bin seit zwei Jahren als Chemiker bei einem großen Pharmaunternehmen in einer leitenden Position tätig. Ich suche eine neue Herausforderung in den nächsten zwei bis drei Jahren, möchte aber die potenziellen Arbeitgeber auf mich zukommen lassen und nicht selbst blindwütig Bewerbungen schreiben. Was halten Sie davon, sich über Fachbeiträge zu bestimmten Branchenthemen oder über die Teilnahme an Diskussionen eine gewisse öffentliche Reputation aufzubauen, die mich über das Internet leicht auffindbar machen? Oder, anders gefragt, wie bekomme ich am besten ein öffentliches Profil als Experte, um Headhunter und neue Arbeitgeber auf mich aufmerksam zu machen? Ich rede jetzt nicht von einem anbiederndem XING-Profil, sondern von etwas mit Klasse.“ Patrick S. (30), Frankfurt


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Serie: Studenten fragen Professoren

Warum bekommt das Eigelb bei hartgekochten Eiern manchmal so einen unansehnlichen grünblauen Rand?

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Frage: Warum bekommt das Eigelb bei hartgekochten Eiern manchmal so einen unansehnlichen grünblauen Rand?Antwort: "Im Eigelb gibt es ein Protein namens Phosvitin, das antioxidative Eigenschaften hat. Dieses Protein hat Eisen an sich gebunden. Im Kochprozess wird im Eiklar Schwefel freigesetzt und es entsteht Schwefelwasserstoff. Im längerdauernden Kochprozess, das heißt bei höherer Temperatur, kann sich das Eisen aus dem Phosvitin herauslösen und mit dem Schwefel aus dem Eiklar zu Eisensulfid verbinden, was dann den grünblauen Rand ergibt. Diese Veränderung – übrigens auch der leichte Geruch nach Schwefelwasserstoff – wird erst beobachtet, wenn sehr lang gekocht wird und die Temperatur im Inneren des Eies hoch ist."Heutiger Experte: Humanernährungsexpertin Prof. Dr. Maria-E. Herr...